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Alpha und Omega. Jacob Taubes (1923-1987) und Susan Taubes (1928-1969), geborene Feldmann.
© ZfL

Philosophie: Die Prinzessin und ihr Priester

Gnostische Selbstzweifel und messianische Vielweiberei: Das Berliner Zentrum für Literatur und Kulturforschung erkundet die Biografien von Jacob Taubes.und seiner ersten Frau Susan Taubes.

Von Gregor Dotzauer

Sie waren nicht einfach ein Paar – sie waren eine Erscheinung. Und vielleicht strahlte aus ihnen nicht nur jene glühende Intelligenz, mit der sie ihren religionsphilosophischen Lebensfragen nachgingen, und nicht nur die leidenschaftliche Verschworenheit, die sie einander in den ersten Jahren unablässig versicherten. Vielleicht wetterleuchtete in ihnen auch schon die zerstörerische Energie, die den kaum merklichen Spalt, der von Anfang an ihre Beziehung durchzog, zum Riss ausweitete. Susan und Jacob Taubes – sie 20, er 25 Jahre alt – waren einander 1948 in New York begegnet. Im Juni 1949 hatten sie geheiratet, anschließend ein Flitterjahr in Jerusalem verbracht – und dann das doppelte Quantum weitgehend mit Briefen überbrückt. Während er an der Hebrew University in Jerusalem blieb, wo er sich mit seinem Mentor Gershom Scholem überwarf, kehrte sie, die er für „schön wie eine Prinzessin aus dem Märchenbuche“ hielt, zum Studium in die USA zurück, um anschließend mit einem Stipendium an die Pariser Sorbonne weiterzuziehen.

Aus dieser Zeit datiert, woraus jetzt der erste Korrespondenzband einer hervorragend edierten Susan-Taubes-Werkausgabe entstanden ist, die Sigrid Weigel und Christina Pareigis am Berliner Zentrum für Literatur- und Kulturforschung (ZfL) betreuen. Dort liegt seit 2003 ihr Nachlass – neben einem Teilnachlass von Jacob, der von 1977 bis zu seinem Tod 1987 das Institut für Hermeneutik an der Freien Universität leitete: als ebenso flamboyanter wie tyrannischer Professor mit sektenähnlicher Anhängerschaft. Die Dokumentenberge, die er in dieser Zeit aufhäufte, lagerten, gerettet von seiner einstigen Schreibkraft Ina-Maria Gumbel, jahrelang in einem Abstellraum der Dahlemer Thielallee, bevor sie ebenfalls ans ZfL gelangten. Diesen Konvoluten hat man nun parallel einen Briefband abgewonnen, der das ominöse Verhältnis zwischen dem selbst erklärten „Erzjuden“ Jacob Taubes und dem katholischen, zeitweise hochgradig antisemitischen Staatsrechtler Carl Schmitt beleuchtet.

Die fast tägliche Korrespondenz des Paares rückt Susan nicht nur deshalb in den Vordergrund, weil die Gegenbriefe ihres Gatten größtenteils verschollen sind. Sie zeigt auch, welche brillante Intellektuelle Jacobs Genie emphatisch Paroli bot. Schon philosophisch bildeten sie eine unio mystica mit Sollbruchstelle. Andere Entfremdungen kamen hinzu – trotz inniger Zärtlichkeitsbekundungen. „My beloved child“ nennt sie ihn in den überwiegend englischen Briefen und „My most beloved Lord“. Er revanchierte sich mit „My most mysterious Lady“ und „Most beloved Susan“. Und zum Schluss zeichnen beide regelmäßig mit der Alpha-und-Omega-Formel: Eher wird die Welt untergehen als unsere Liebe.

So ist dieses Buch dreierlei: das mitreißende Dokument eines geistigen Erwachens, in dem sich eine junge Frau mit schwärmerischem Ernst die großen Texte von Kant, Hegel, Kierkegaard und Heidegger anzueignen und mit ihren gnostischen Interessen zu vereinbaren sucht. Ausdruck eines tiefen Misstrauens gegenüber dem Universitätsbetrieb, dem sie später gerne entsagte, um ihrer literarischen Berufung zu folgen. Und ein Liebesmelodram, dessen wahres Ausmaß die Briefe gar nicht schildern können.

Es wurde höchste Zeit, dass die Aufmerksamkeit auch auf Susan Taubes fällt.

Susan, in Budapest geboren, war zusammen mit ihrem Vater Sandor S. Feldmann, einem rabiatfreudianischen Psychoanalytiker, 1939 in die USA emigriert. Die Mutter, von der er sich Anfang der 30er Jahre hatte scheiden lassen, blieb in Ungarn zurück, und die junge Susan wuchs bei Verwandten in Pittsburgh auf, bis sie der Vater 1941 zu sich nach Rochester, New York, holte. Als Jüdin war sie weltlich orientiert, was ihre Passion für die katholische Mystik von Simone Weil, über die sie mit „The Absent God“ bei Paul Tillich promovierte, nicht hinderte. Jacob dagegen, selbst ordiniert, stammte aus einer Zürcher Rabbinerfamilie. Sein Verhältnis zu Israel war emotionaler als das von Susan, und die religiöse Kluft zwischen ihnen tut sich etwa bei ihrem Verhältnis zum ultraorthodoxen Jerusalemer Viertel Mea Shearim auf, dessen Bewohner heute noch mittelalterlichen Regeln folgen.

Das jüdische Gesetz, klagte sie, sei der wunde Punkt des Ganzen. „Deshalb beeindrucken mich die Menschen von Mea Shearim nicht; das Böse und der Schmutz der Welt, gegen den sie mit großen Worten anschreien, läuft auf völlig Triviales hinaus, es geht ums Tragen von Hüten, um kurze Ärmel, ums Essen von diesem und jenem; wenn es aber um Dinge geht, die wirkliche Übel verursachen, sind sie weniger skrupulös.“ Er sah in Mea Shearim eine „verzauberte Welt“ mit Verfallsdatum: „So wird auch unsere Welt vergehen.“ Die Orthodoxen wollten allerdings in Stolz sterben, „wissend, dass das Neue, das kommt, nicht besser und wahrer“ sein werde, höchstens „tüchtiger“ und im „Teufelspakt“ mit dem „Fürsten der Welt“.

Es fallen einem indes die Augen aus dem Kopf, wenn man in den Archiven des New Yorker Leo Baeck Instituts (www.archive.org/details/seligsohnkronerfamily), jene Briefe liest, die Jacob parallel an Gerda Seligsohn in New York schrieb. Die 1909 als Tochter des Philosophen Richard Kroner in Freiburg geborene Altphilologin und Jacob hatten schriftlich beurkundet, einander „für das ganze Leben treu zu sein, sich zu lieben, zu ehren, füreinander zu sorgen, soweit es anderweitige Verpflichtungen nicht stört“.

Im Nachwort von Christina Pareigis wird diese „ménage à trois“ zwar erwähnt, ihre Sprengkraft jedoch beschönigt. Denn Susan, die in Gerda eine Freundin sah und erst mit Ethan (1953) und Tania (1956) Mutter wurde, wusste offenbar nicht, wie Jacob gegenüber Gerda, die bereits eine Tochter hatte, Schwängerungsträume äußerte und eine gemeinsame „Großfamilie“ imaginierte. „Susan ist so schrecklich naiv“, erklärt Jacob, „dass sie bis heute noch nicht gemerkt hat, welchen Grad und welche Weise unsere Beziehung erreicht hat. Glückliche Unschuld.“ Und an anderer Stelle: „Ich beginne ihr anzudeuten, dass du mir ,sehr nahe‘ gekommen bist und ich dir als Mensch ,außerordentlich‘ viel verdanke, aber unsere sexuellen Relationen habe ich ihr noch nicht offenbart.“ Und wie nennt er Gerda? „Mein Diadem“ und „Mein allerliebstes Baby“: „Recht herzlichen Dank für gestern und – immer.“ Oder, mit sadistisch-masochistischen Versprechen: „Du bist mein Opfer, ich dein Priester.“

Jacob Taubes fing früh an zu erkunden, wie viele geistige, emotionale und sexuelle Leben man nebeneinander führen kann, ohne daran irre zu werden. Ein Experiment, das ihm im Hinblick auf seine spätere manisch-depressive Erkrankung wohl nicht recht gelang. Wenn man Ethan Taubes glaubt, der sich heute als US-Jurist von Staats wegen mit Asyl- und Menschenrechtsfragen beschäftigt, sah sich sein Vater in der Rolle eines zeitgenössischen Sabbatai Zwi, dessen Jünger im 17. Jahrhundert der messianischen Losung folgten, die Gershom Scholem mit der Formel „Erlösung durch Sünde“ umschrieb. Die Vielweiberei, erklärte er bei der Präsentation der Korrespondenz im Humboldt-Carré, war ein Weg dorthin.

1961 trennten sich Susan und Jacob, 1967 ließen sie sich scheiden, zwei Jahre später nahm sich Susan, die gerade den autobiografischen Roman „Divorcing“ veröffentlicht hatte, auf Long Island das Leben. Jacob heiratete seine FU-Kollegin, die Philosophin Margherita von Brentano. „Scheiden tut weh“ (Matthes & Seitz), sagte Ethan Taubes, sei das Prisma, mit dessen Hilfe er die jetzt vorliegenden Briefe lese. Seine Mutter sei immer tapfer gewesen, aber auch zerbrechlich und sehr allein: Für den rechthaberischen, mit allen talmudistischen Wassern gewaschenen Jacob war sie Sekretärin, Muse und Mutter von Kindern, für deren Bedürfnisse er weder ein Händchen hatte noch die nötige Zeit. Obendrein war sie ein vom Tod besessenes Wesen ohne jede geistige Heimat. In Assisi, auf einer Reise mit Ethan und dem Komponisten Frederic Rzewski soll sie sogar eine religiöse Krise überfallen haben, bei der sie sich dem Katholizismus in die Arme werfen wollte. Für Ethan Taubes ist die Beziehung seiner Eltern aber auch ein Sinnbild der Spannungen, die die Mehrzahl der intellektuellen Juden nach der Shoah miteinander austragen mussten. Es wurde höchste Zeit, dass die Aufmerksamkeit dabei jetzt auch auf Susan Taubes fällt.

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