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Wem gehört die Flagge der Nation? Fahnenverkäufer in Istanbul nach dem gescheiterten Putschversuch. Foto: Ozan Kose/AFP

© AFP

Meine Türkei: Die Türken lieben den starken Führer und maskulinen Mann

Putsch, Säuberung, Ausnahmezustand: Der Schriftsteller Murat Isik sieht eine Tradition der politischen Polarisierung in der Türkei - genauso wie die Intoleranz gegenüber der Meinung anderer. Ein Gastkommentar

Als ich das Land meiner Geburt, die Türkei, 1980 im Alter von zwei Jahren verließ, befand es sich am Rand eines Bürgerkriegs. Die politischen Unruhen trieben mich und meine Familie nach Europa, erst nach Deutschland, nach einem missglückten Asylverfahren ein paar Jahre später dann nach Holland, wo wir uns niederließen. Das politische Chaos in der Türkei gipfelte am 12. September 1980 im dritten Putsch in der kurzen Geschichte der Republik, ihrem womöglich blutigsten und grausamsten.

Der bittere Zufall will es, dass ich just vergangene Woche an meinem zweiten Roman schrieb, der von der dunklen Zeit dieses Staatsstreichs handelt, als am Abend in der Türkei unerwartet ein neuer Putsch stattfand und das Parlamentsgebäude von Bomben getroffen wurde. Surreale Zustände, die mein Fassungsvermögen auf die Probe stellten.

Lassen Sie mich in aller Deutlichkeit erklären: Ich werde niemals Präsident Erdoğan wählen und betrachte sein autoritäres Auftreten kritisch, aber ich bin erleichtert, dass der Coup gegen ihn gescheitert ist. Denn das Letzte, was die Türkei jetzt brauchen kann, ist eine Militärdiktatur. Die Staatsstreiche von 1960, 1971 und 1980 waren für die Demokratie und die Wirtschaft verheerend. Ein gelungener Putsch hätte das Land in totales Chaos gestürzt und vielleicht sogar zu einem Bürgerkrieg geführt. Auffällig war, dass ein Teil der türkischen Bevölkerung sich öffentlich gegen das Militär auflehnte und die Opposition sich hinter die Regierung stellte. Der Putsch, den nur ein kleiner Teil der Armee unterstützte, wurde abgewehrt, und Erdoğan ging aus den Kämpfen als Retter der Demokratie hervor.

Und hier beginnt die Bredouille. Denn Erdoğan ist zwar demokratisch gewählt, aber er ist nicht unbedingt ein Verfechter der Demokratie. Als Bürgermeister von Istanbul erklärte er 1996: „Man spricht über Demokratie. Was für eine Demokratie? Ist Demokratie ein Fortbewegungmittel oder schon Zweck und Ziel? Für uns kann Demokratie niemals ein Ziel sein. Im Kontext der islamischen Gesellschaft müssen wir uns bewusst machen, dass Demokratie nicht mehr ist als ein Instrument.“

Erdoğan nannte den misslungenen Putsch „ein Geschenk Gottes“. Er verschafft ihm allen Raum, um endgültig mit dem Prediger Fetullah Gülen abzurechnen, seinem früheren Bundesgenossen und Erzfeind seit 2013. Gülen ist ein schemenhafter und schwer fassbarer alter Mann, der mit 1100 Gefolgsleuten auf einem ummauerten Landgut im selbst gewählten Exil im US-amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania lebt. Er hat seit 2007 großen Einfluss auf die türkische Politik, und zwar durch sein Bündnis mit Erdoğan, der seine Unterstützung bitter nötig hatte, als es darum ging, die Macht der Armee zu brechen.

Aber seit 2011 stehen sich Erdogan und Gülen unversöhnlich gegenüber. In ihrem stets heftiger werdenden Streit wurde die AKP 2013 fast zerstört, als die Gülen-Bewegung einen großen Korruptionsskandal innerhalb der Regierung ans Licht brachte. Erdoğan, der Straßenkämpfer aus Kasimpasa, strauchelte, aber er behauptete sich, wilder denn je entschlossen, mit Gülen abzurechnen. Er macht ihn für den Putschversuch verantwortlich, hat dessen Bewegung zu einer terroristischen Organisation ausgerufen und führt politische Säuberungen im Staatsapparat von ungekanntem Ausmaß durch.

In wenigen Tagen wurden rund 60 000 Militärs, Richter, Anwälte, Polizisten, Beamte und Lehrer entlassen oder gefangen genommen, und das alles, bevor der dreimonatige Ausnahmezustand verhängt wurde. Von dieser Gruppe wird sicher ein Teil mit den Putschisten sympathisieren, aber es ist unwahrscheinlich, dass die Mehrheit überhaupt wusste, was vor sich ging. Es bleibt jetzt nur zu hoffen, dass Erdoğan den missglückten Putsch nicht nutzt, um alle seine Gegner aus dem Weg zu räumen, und dass er sich dabei nicht außerhalb der rechtsstaatlichen Grenzen bewegt.

In der Türkei gibt es kaum Raum für Kritik und die Interessen des Anderen

Wem gehört die Flagge der Nation? Fahnenverkäufer in Istanbul nach dem gescheiterten Putschversuch. Foto: Ozan Kose/AFP

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Erdoğan kann zumindest darauf verweisen, dass er vom Volk gewählt ist. Außerdem muss er vor dem Parlament Rechenschaft ablegen. Gülen hingegen ist weder jemals demokratisch gewählt worden, noch muss er sich politisch verantworten. Zudem ist seine politische Agenda völlig undurchsichtig, während sich seine Macht seit 2007 quer durch alle Schichten des Staatsapparates und der Armee verbreitet hat. In einer Demokratie ist derlei unerwünscht. Es scheint, dass die Gülen-Anhänger in der militärischen Führung eine Säuberung kommen sahen und in einer Art Alles-oder-nichts-Aktion einen Putsch planten, bevor sie selbst von der Bühne gejagt und möglicherweise bis zum Ende ihres Lebens festgesetzt werden. So hat der Kampf um die Macht die Türkei an den Rand des Abgrunds gebracht.

Unabhängig vom Streit zwischen Erdoğan und Gülen ist seit vielen Jahrzehnten das Problem der Türkei die ungeheure Polarisierung, die durch die Machthaber nicht nur aufrechterhalten, sondern auch vorangetrieben wird. Das war in der Zeit, als noch die säkularen Kräfte regierten, nicht anders. So gesehen hat sich seit dem Staatsstreich von 1980 wenig geändert. Wenn die säkulare Opposition nun etwa ausdrücklich für die Pressefreiheit eintritt, müsste sie sich eingestehen, dass diese während ihrer eigenen Herrschaft heftig unter Druck stand. Auch sie ließ zu Regierungszeiten Hunderte von Journalisten einsperren, oft ohne Prozess.

In der Türkei herrscht nun einmal eine Kultur der Unterdrückung unliebsamer Standpunkte von (politischen) Gegnern, Andersdenkenden und Minderheiten. Dies ist das große Problem der Türkei. Es gibt kaum Raum für Kritik, für ehrlichen Dialog oder die Interessen des Anderen. In diesem Klima werden Kritiker sehr schnell als „Verräter“ oder „faule Äpfel“ bezeichnet.

Tragisch ist, dass die Türken starke Führer und maskuline Männer lieben

Heute ist es Erdoğan, bald wird es vielleicht ein anderer sein, der denkt: Nun bin ich an der Reihe, nun darf ich endlich den anderen meinen Willen aufzwingen und meine Macht vergrößern. Tragisch ist, dass die Türken starke Führer lieben, den maskulinen Mann, der alle Probleme löst und Sicherheit garantiert.

Obwohl in dieser Sicht schon ein Höhepunkt erreicht ist, fürchte ich, dass von nun an die Gegensätze zwischen den Bevölkerungsgruppen in einer Hexenjagd auf Verräter nur noch zunehmen und Nationalismus, Intoleranz gegenüber Minderheiten und Paranoia. Und immer wieder wird man die Frage stellen: Bist du für, oder bist du gegen uns? Ich sorge mich wegen der Abschaffung der parlamentarischen Immunität, eine Aktion, die scheinbar die prokurdische HDP treffen sollte. Ich sorge mich um meine Familie und Freunde in Istanbul und Izmir. Ich sorge mich um meine Schriftstellerkollegen, die ich während meiner Auftritte in der Türkei getroffen habe. Und ich sorge mich um alle Türken, denn welche Türkei erwartet sie morgen?

Aber ich will ein positives Ende finden. Ich setze meine Hoffnung auf eine neue Generation von Türken, die genug hat von der giftigen und alles aufzehrenden Polarisierung, und es wagt, gegenüber ihren Führern und innerhalb ihrer eigenen Gruppe kritisch zu sein. Eine Generation, die es zulässt, dass Andersdenkende ein Podium bekommen und die mit ihren Gegnern in der politischen Arena eine konstruktive Debatte führt. Und wie klein diese Hoffnung auch sein mag, manchmal nicht stärker als das Flackern einer Flamme im Sturm, sie ist noch nicht erloschen.

Die Türkei ist nun zwar zurückgeworfen worden, aber wenn uns ihre ungestüme Geschichte etwas lehrt, dann ist es die Tatsache, dass ihre Bevölkerung einiges aushält und abzufedern weiß.

Aus dem Niederländischen von Rolf Brockschmidt

Murat Isik

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