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Traumstadt. Nikita Teryoshins Serie zeigt Eindrücke aus Moskau.
© Andreas Klaer

Monat der Fotografe in Potsdam: Die verlockende Schönheit falscher Paradiese

Das Potsdamer Kunsthaus zeigt zum Monat der Fotografie eine Sammelausstellung. Die Werke lassen die Abbilder der Wirklichkeit zerfließen.

Der Himmel ist blassblau. Schönwetterwölkchen. Eine Palme winkt ins Bild. Das Wasser sieht aus, als wäre es angenehm warm. Man hätte Lust, sich zu den Badenden zu gesellen. Aber halt. Etwas stimmt nicht. Wo sind die Wellen? Und was sind das für Schatten über den Wolken? Himmel hilf: Gestänge.

Was man eben noch neidvoll als ein exotisches Urlaubsparadies betrachtete, lässt einen irritiert zurückzucken. Kein Paradies. Eine Halle.

„Pommes im Paradies“ heißt die Serie, die die Fotografin K.T. Blumberg im Potsdamer Kunsthaus sans titre zeigt. Die Sammelausstellung zum European Month of Photography verknüpft unter dem Titel „Floating Identities“ fünf Positionen. Neben K.T. Blumberg sind Andreas Herzau, Nikita Teryoshin, Andrea Wilmsen und Wolfgang Zurborn dabei.

Blumbergs Serie ist in einem Wellnessparadies à la Tropical Island entstanden. An dem beschriebenen Foto prallt man ab wie Jim Carrey an der Kulissenwand hinterm Ozean in der „Truman Show“. K.T. Blumberg lässt dem falschen Paradies gerade so viel Illusion, dass der Aufprall in der Realität ordentlich wehtut.

Sich über die von der Ferne Träumenden unterm Hallendach lustig zu machen, wäre leicht gewesen. Die Potsdamer Fotografin aber lässt dem Traum seinen Reiz, den Träumenden ihre Sehnsucht. Die Handtücher, mit denen die Hallenurlauber ihre Liegestühle markieren, erzählen davon: Pelikane, Tiger und ein nostalgischer VW-Bus sind aufgedruckt.

Durch eine Landschaft geht ein Riss

Auch die anderen Arbeiten tasten die colorierten Kulissen ab, an denen Truman sich Beulen holt. In der Serie „Helvetica“ geht es um die Bruchstelle zwischen Illusion und Wirklichkeit. Fotograf Andreas Herzau zeigt schneebedeckte Schweizer Berge. Allerdings sind sie Dekoration.

Durch die hübsche Landschaft geht ein vertikaler Riss, verweist auf die Funktion dahinter, eine Tür. Die echten Schweizer Berge auf dem Foto daneben sehen dagegen geradezu unwirklich aus. Erst das vertikale Element, das auch hier durchs Bild schneidet – ein Fensterrahmen – holt einen ins Jetzt.

[Kunsthaus sans titre, Französische Str. 18, Potsdam, bis 31.10., Mi-So 14-18 Uhr]

Bei dem Kölner Wolfgang Zurborn und der in Berlin lebenden Andrea Wilmsen sind erkennbare Orte Fragmenten gewichen. Am poetischsten bei Wilmsen. Der Schatten eines alten Mannes, die zärtliche Berührung zweier Hände, mit Gaze umwickelte Holzscheite: Ausschnitte einer radikal subjektiven Wahrnehmung.

Der Traum vom Meer

Ähnlich in Zurborns Fotoserie „Playtime“. Hier zerfließt der auf Wandtapete gebannte Traum vom Meer auf die davorstehende Wachstuchdecke. Sie ist stechend blau wie der Ozean, scheint geradezu nach der Betrachterin zu greifen.

Ein anderes Foto zeigt eine Hand auf einem Kinderwagen, darin ein Baby. Im Hintergrund eine Taucherin. Der Blick der Mutter ist zweigeteilt, mindestens. Wie auch der, der ständig am Smartphone hängenden digital natives. Und wie auch der des Babys: am Wagen baumelt ein großer Stoffhase.

Zeremonien, Fernsehstudios, Shopping Malls

Offensiver, mit deutlicher gesellschaftskritischem Bezug geht Nikita Teryoshin ans Werk. Er zeichnet mit der Serie „I have never been to Russia“ ein Porträt des gegenwärtigen Moskau. Jung, schrill, verstörend. Der in Berlin lebende Künstler, geboren in St. Petersburg, besuchte im Jahr 2019 Moskau das erste Mal.

„I have never been to Russia“ zeigt, in erbarmungslosem Licht, dass auch Teryoshin Traumfabriken vorfand: religiöse Zeremonien, Fernsehstudios, Shopping Malls. Auf dem letzten Foto der Reihe ist ein ausgestopfter Hund zu sehen, fotografiert im Moskauer Hygienemuseum.

Einst soll Iwan Petrowitsch Pawlow die nach ihm benannten Reflexe an dem Tier ausprobiert haben. Jetzt hängt er da, von Seilen gehalten, und schaut ins Nichts.

Lena Schneider

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