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Weiblichkeit ist an der Zeit. Eine Frauenquote, sagen ihre Befürworter, verbessert die Unternehmenskultur.

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Es geht nur mit Druck: Die Zeit ist reif für die Frauenquote

Eine Frauenquote für Führungskräfte ist mühsam. Aber anders lassen sich die Strukturen nicht verändern, meint Antje Sirleschtov. Dies ist der erste Beitrag in einer Serie zum Thema Frauen, Quote, Arbeitswelt.

Von Antje Sirleschtov

Pünktlich zum 8. März, dem Frauentag, hat Philipp Rösler bekanntgeben lassen, dass er zum ersten Mal in der Geschichte des Bundeswirtschaftsministeriums eine Frau in den Stand einer Staatssekretärin erhoben hat. Was für eine Nachricht: Statt Quote fördert Herr Rösler Frauen bis ganz nach oben in höchste Ämter. Was für eine dreifache Frechheit!

Erstens: Hat der Mann schon vergessen, dass sich die Personalvertretung seines Ministeriums nicht darüber beklagt, dass es zu wenig Frauen in Führungsetagen des Hauses gibt, sondern neuerdings zu viele FDP-Mitglieder? Röslers Berufung folgt wohl eher einer solchen Quote. Als Beleg für seine Sensibilität für weibliche Führungskräfte taugt die Berufung einer weiblichen Staatssekretärin nicht.

Zweitens: Was heißt hier zum ersten Mal? Mit Margareta Wolf (Grüne) und Dagmar Wöhrl (CSU) waren Frauen an der Führung dieses wichtigen Ministeriums beteiligt, als an einen Minister Rösler noch nicht einmal zu denken war.

Und drittens: Bevor sich der Vizekanzler Rösler mit der Berufung einer Frau in ein Führungsamt brüstet, sollte der FDP-Vorsitzende Rösler erst einmal die Frage beantworten, warum Frauen in seiner männerdominierten Partei seit Jahren vergeblich für die sonst in allen Parteien übliche Quote streiten müssen.

Es sind die kleinen, unscheinbaren Randnotizen, die seit Jahren ganz nebenbei in den Alltag hineintröpfeln. Und die nur einem einzigen Ziel dienen: Sie sollen Frauen mit der subversiven Botschaft füttern, dass für ihre berufliche Entwicklung, für ihr Fortkommen und ihre Chancen von den Männern ganz oben viel getan wird – sehr viel, ausreichend. Weshalb das Gerede von der Quote ganz und gar nicht notwendig ist. Ein Relikt frühfeministischer Kämpfe. Und schädlich natürlich – nicht etwa für die Männer, wohl aber für die, denen sie beim Aufstieg helfen soll, die Frauen nämlich. Weil Quoten aus Frauen nämlich ganz selbstverständlich Quotenfrauen machen. Und wer will sich schon bei jeder kleinen Panne von den Kollegen Abteilungsleitern belächeln lassen: Naja, Quote eben.

Seid wachsam, Mädels! Gerade wenn man es gut mit euch zu meinen scheint. Denn die Erfahrung lehrt: Aus manchem Frosch wird nie ein Prinz, auch wenn man ihn noch so oft küsst. Philipp Röslers hat es in der vergangen Jahren immer wieder gegeben und es gibt sie auch heute noch. Sie zeigen stolz auf ihre Stellvertreterinnen. Sie beteuern bei jeder Gelegenheit den unschätzbaren Wert weiblicher Führungskräfte. Sie umschmeicheln uns sogar mit Gesten der Läuterung und versprechen uns die Jobs ganz oben. Wenn sie selbst denn mal abgetreten sein sollten. Dem Ziel, die Gesellschaft und damit auch die Wirtschaft mitzubestimmen, hat das die Frauen in Deutschland allerdings keinen Zentimeter näher gebracht. Trotz ewiger Debatten, trotz vieler Selbstverpflichtungen. An den Schalthebeln, also Geschäftsführungen, in den Vorständen und Aufsichtsräten, sind sie nach wie vor unterrepräsentiert.

Die Erfahrung lehrt: Ohne Druck geht es nicht

Nein, Frauen wollen nicht warten, bis irgendwann einmal in ferner Zukunft in jeder deutschen Kleinstadt Kinderbetreuung ganztags zu erschwinglichen Preisen angeboten wird. Sie haben sich von ihren Müttern sagen lassen, dass ihnen nur eigene Leistung in Schule und Ausbildung den Weg in die Selbstbestimmung ebnen kann. Sie haben diese Leistung erbracht – zigtausendfach. Und sie verdienen es nicht, danach vor die Alternative von beruflicher Entwicklung und Familie gestellt zu werden. Weil die Gesellschaft wichtige Jahrzehnte beim Ausbau von Infrastruktur für Familien versäumt hat. Und auch in diesem 21. Jahrhundert mitten in Europa die meisten Entscheidungen junger Paare, die ein Kind erwarten, zugunsten der beruflichen Entwicklung von Vätern ausgehen. Und zwar schlicht deshalb, weil der von beiden mit den Kindern zu Hause bleibt, die Elternabende besucht und bei Fieber am Bettchen sitzt, der weniger verdient. Und das sind nun mal noch immer meist die Mütter.

Doch wie sollen aus dem Heer der sehr gut qualifizierten jungen Frauen mehr weibliche Führungskräfte heranwachsen, wenn der größte Teil mit Mitte dreißig erst mal zwangspausieren oder in Teilzeit arbeiten muss? Und damit keine Missverständnisse auftreten: Es sind keine bösen männlichen Verschwörungen im Gange, wenn junge Frauen nachmittags zu Klavierlehrern hasten und auf Spielplätzen sitzen. Es sind die so vielfältigen Anforderungen und Widersprüche, die in erster Linie auf die jungen Frauen selbst einstürmen – zwischen der Verantwortung für das Wohlergehen der Kinder und ihrer eigenen Entwicklung. Und aus denen sich viele zu befreien suchen, indem sie ihre berufliche Entwicklung hintanstellen. Keine Karrierefrau zu sein, das lässt man sich gern sagen von Nachbarn und Lehrern. Rabenmutter dagegen ist ein schlimmer Vorwurf. Und er schmerzt besonders, wenn andere Frauen ihn auch nur andeuten.

Es mag also viel Wahrheit darin stecken, wenn die magere Zahl der Frauen, die in den Führungsetagen von Unternehmen zu entdecken sind, mit fehlendem Selbstbewusstsein der Frauen begründet wird. Wer über lange Strecken miterlebt hat, wie viel Zeit, Aufmerksamkeit und Kraft dazu gehört, Verantwortung nicht nur für seinen eigenen Schreibtisch zu übernehmen, der streckt den Finger nicht schnell nach oben, wenn der Abteilungsleiter in Rente geht und die Position neu zu besetzen ist. Werde ich das können, werde ich mich neben den vielen Männern behaupten können, wie wird das mit der Familie in Einklang zu bringen sein? Fragen, die sich bestimmt nicht nur Frauen stellen, wenn es um Führungsaufgaben geht. Aber sie tun es viel häufiger als ihre männlichen Kollegen. Und sie treffen dabei auf eine – meist männliche – Umgebung, die ihre Nöte entweder nicht versteht oder mit schlichtem Achselzucken beantwortet: Wer Karriere machen will, muss sich entscheiden.

Es geht bei der Diskussion über die Einführung einer Quote für Frauen in den Führungsetagen der Unternehmen nicht darum, den alten Traum der Frauen von der Gleichberechtigung nun mit Macht durchzudrücken. Und auch nicht um Strafe für Unternehmen, die ihre guten Chefs nicht rausschmeißen wollen, damit weniger gute Chefinnen an ihre Plätze rücken. Es geht vielmehr darum, bei der Neubesetzung jeder frei werdenden Führungsposition Frauen ernsthaft in die vorderste Reihe der Kandidaten zu setzen.

Die Erfahrung lehrt: Wenn es dafür keinen äußeren Rahmen – einen Zwang – gibt, dann funktioniert es nicht. Wenn sich in den Unternehmen niemand ernsthaft mit der Frage beschäftigen muss, dann wird sich auch niemand ernsthaft die Frage stellen, welche Bedingungen geschaffen werden müssen, um es für Frauen irgendwann einmal selbstverständlich erscheinen zu lassen, ihren Finger nach oben zu recken und zu rufen: Hier bin ich, ich kann was, und jetzt will ich es auch zeigen.

Quoten sind, wo immer sie auftreten, nur das zweitbeste Mittel. Sie benachteiligen im schlimmsten Fall die Guten und helfen den Schlechten. Doch sie bewirken etwas sehr Wichtiges. Etwas, das keine Selbstverpflichtung der Wirtschaft bis heute zuwege gebracht hat. Quoten üben Druck aus, eingefahrene Gleise zu verlassen und traditionelle Strukturen zu verändern. Und immer dort, wo Strukturen gezwungen sind, sich neu zu ordnen, da brechen Dämme, werden Gewissheiten und eingefahrene Rituale über Bord geworfen. Die Zeit ist reif für die Frauenquote.

Der Text von Antje Sirleschtov, Leiterin der Parlamentsredaktion des Tagesspiegels, ist der erste Beitrag einer Serie zum Thema Frauen, Quote, Arbeitswelt.

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