"Die Zukunft der Schönheit" von F.C. Delius : Kratzen und schaben

Das ästhetische Erbe von 1968: Friedrich Christian Delius erzählt in brillant rasender Jazzprosa von der "Zukunft der Schönheit“.

Carsten Otte
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, 75
Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius, 75Foto: Jens Kalaene/dpa

Ein New Yorker Jazzclub Mitte der sechziger Jahre. Ein junger Schriftsteller aus Deutschland besucht mit zwei Freunden ein Konzert des Saxofonisten Albert Ayler. Die Wildheit der Musik, das Jaulen und Heulen, der mal scharfe, mal vermeintlich holprige Rhythmus, kurzum: Aylers Free Jazz, löst bei ihm zunächst einen ästhetischen Schock aus.

Ob das noch Musik sei, ob mit diesem „Schallüberfall“ der Jazz aufhöre oder erst beginne, fragen und diskutieren die drei Freunde, die in den USA zu Gast auf einer Schriftstellertagung sind. Angestrengte und anstrengende Gespräche mit Allen Ginsberg im Kreise seiner Jünger haben sie hinter sich, erschöpft sind sie von „all dem Ernst und Getue dieser Tage“, und da löst Albert Aylers „verschreckendes Saxofon“ bei dem jungen Schriftsteller einen Gedankenstrom aus, der unter anderem vom Elternhaus, den politischen Verhältnissen und schließlich von einem neuen Begriff schöner Kunst handelt.

Es handelt sich bei dem Schriftsteller um den jungen Friedrich Christian Delius, und über ein halbes Jahrhundert später überträgt Delius nun die freien Formen des Free Jazz in seine Erzählung „Die Zukunft der Schönheit“. Dabei zeigt er allein in der Sprache, wie sich sein junges Alter Ego nach der anfänglichen Überforderung schon bald mitreißen lässt von den befreienden Klängen und Schlägen, vom Kratzen und Schaben der Instrumente. Die Sätze werden länger, die Aufzählungen atemloser, unberechenbarer, Worte bilden Echoräume, Absätze enden nicht mit einem klassischen Punkt, sondern mit einem Gedankenstrich, der vieles offen lässt und die alte Zeichenordnung infrage stellt. Der Free Jazz wirkt auf den jungen Delius einerseits als musikalische Anklage gegen den Vietnam-Krieg – und ist andererseits ein ästhetisches Therapeutikum, eine Art Befreiung von einer Kindheit in provinzieller und protestantischer Enge.

Delius blickt mit Nachsicht auf seinen Vater zurück

Ein Schlüsselmoment dieser brillant rasenden Jazzprosa ist ein groteskes Erlebnis mit dem Vater, der als evangelischer Pfarrer sich grundsätzlich auf der richtigen Seite der Moral wähnt. Zum 17. Geburtstag feiern sechs Jungen und sechs Mädchen in der elterlichen Wohnung mit Cola und Schnittchen. „Um 23 Uhr war Schluss gewesen wie verabredet, nun galt es, die Mädchen zu ihren Haustüren durch die Kleinstadt zu begleiten bis halb zwölf und spätestens um Mitternacht wieder zu Hause zu sein.“ Die Mädchen werden brav heimgebracht, aber dann lässt sich der Pastorensohn noch zum Bier in einer Kneipe überreden, in der es auch Live-Jazz gibt. Zu Ehren des Geburtstagskindes und auf seinen ausdrücklichen Wunsch spielt die Band „Oh When The Saints Go Marching In“, einen Gospelklassiker, der auch hier als Jazzstandard gut ankommt. Ein zweites Bier folgt, ein drittes, die Gruppe spielt Bebop und Blues, und bald ist das Versprechen gebrochen, pünktlich daheim zu sein.

Der zornige Vater empfängt den Nachtschwärmer mit einem Kissen, „hilflos, fast lächerlich“. Im Schlafanzug steht der Priester im Hausflur und schleudert, begleitet von strengen Flüchen, das weiche Geschoss in Richtung des Sünders. Empört ist der auf Sittlichkeit bedachte Papa nicht nur wegen der Unpünktlichkeit. Er hat den Verdacht, der Sohn habe sich als Verführer schuldig gemacht. Der Irrtum wird nicht aufgeklärt, schon bald stirbt der Vater an einer Gelbsucht, die er sich im Krieg zugezogen hat. Dennoch blickt Delius nicht mit Hass, sondern eher mit versöhnlichem Nachsehen auf die Szene zurück, so schlimm sie für ihn gewesen sein muss. Denn Delius vermutet, er habe wohl vom Vater, für den das biblische Wort so wichtig war, auch seine literarischen Sehnsüchte und Fähigkeiten geerbt. Die Nachsicht wird sogar zur Einsicht, weil gerade das Schreiben jene seelischen Wunden heilen konnte, die in seiner Jugend aufgerissen worden sind.

Delius verteidigt das Erbe seiner Generation

Der Schriftsteller Friedrich Christian Delius kann tatsächlich auf ein bewegtes Leben zurückschauen, gerade die politischen und gesellschaftlichen Umbrüche der späten sechziger Jahre bilden für ihn ein Reservoir von Geschichten, mit denen er auch andere Verwerfungen und Neuerungen in der Gesellschaft zu beschreiben versucht hat. Seine Arbeiten erzählen oft von eigenen Erlebnissen: 1943 in Rom geboren, wo sein Vater Pfarrer an der Deutschen Evangelischen Kirche war, ging es in den Wirtschaftswunderjahren in die hessische Provinz, viel Anerkennung verdiente sich der Georg-Büchner-Preisträger Delius nicht zuletzt mit literarischen Erkundungen seiner Familiengeschichte wie „Der Sonntag, an dem ich Weltmeister wurde“ oder „Bildnis der Mutter als junge Frau“.

An die letztere Erzählung schließt nun „Die Zukunft der Schönheit“ an, nur dass der Fokus statt auf der liebenden Mutter auf dem strafenden Vater liegt. Delius entwickelt hier aus den privaten und politischen Erfahrungen eine Art ästhetisches Manifest, das da lautet: Die Schönheit hat immer Zukunft, wenn sie sich ihrer gesellschaftlichen Kontexte, ihrer vermeintlich oder tatsächlich hässlichen Anteile bewusst ist. Das mutet theoretisch an, liest sich im konkreten Fall aber anschaulich und überzeugend. Über den persönlich mühevollen und dann befreienden Zugang zu einer literarischen Sprache, die den eigenen Maßstäben gerecht wird, verteidigt Delius schließlich das bleibende Erbe seiner Generation, das nicht in den Straßenkampfparolen besteht, sondern in einer Idee vom Schönen, die „nichts beschönigt, nicht flieht vor dem Schrecklichen und Lügen nicht verkleistert“.

Diese schmale Erzählung löst ihr ästhetisches Versprechen ein. Sie besticht durch ihre Kongruenz von Form und Inhalt, dadurch, dass hier auch schmerzhafte Eingeständnisse ihren literarischen Raum finden.

Friedrich Christian Delius: Die Zukunft der Schönheit. Rowohlt Berlin, Berlin 2018, 92 Seiten, 16 €. Buchpremiere am Mi, 28.2., 19 Uhr, in der Akademie der Künste, Pariser Platz

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