Diskussion um Barenboims Führungsstil : Unter den Linden herrscht weiter die Angst

An der Berliner Staatsoper kann das Betriebsklima nur dann besser werden, wenn es die Belegschaft wagt, ihrem Musikchef Grenzen aufzuzeigen.

Daniel Barenboim ist seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und der Staatskapelle Berlin.
Daniel Barenboim ist seit 1992 Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und der Staatskapelle Berlin.Foto: dpa

Niemand traut sich, ihm zu widersprechen. Keiner erhebt die Stimme, um ihn in seiner Schranken zu weisen, um ihm zu sagen, dass auch für Genies die Grundregeln zwischenmenschlicher Kommunikation gelten. Untergebene anzubrüllen gehört im Jahr 2019 definitiv zu den Verhaltensweisen eines Chefs, die nicht mehr tolerierbar sind.

Daniel Barenboim ist einer der größten lebenden Künstler überhaupt, ein Titan am Pult wie an den Klaviertasten, einer, der musikalisch immer neugierig geblieben ist in den mittlerweile 69 Jahren seiner Karriere, einer, der sich politisch einmischt, der mit dem West-Eastern Divan Orchestra und der Barenboim-Said-Akademie Institutionen der gelebten Völkerverständigung leitet.

Seit 1992 hat er zudem unendlich viel Gutes für die Berliner Staatsoper getan. Und doch liegt ein Schatten über seiner glanzvollen Persönlichkeit, seit das Online-Klassikmagazin „Van“ im Februar dieses Jahres einen Bericht veröffentlicht hat, in dem ehemalige Mitarbeiter von regelmäßigen cholerischen Ausbrüchen des geschätzten Maestro berichten.

Niemand zweifelt Barenboims künstlerische Qualitäten an

Seitdem wird mal wieder eine Debatte darüber geführt, ob man das Sozialverhalten eines Ausnahmekünstler mit anderen Maßstäben messen muss als das eines Normalsterblichen. Im Fall des Sängerstars Plácido Domingo, der Frauen unangemessen mit seiner Zuneigung bedrängt haben soll, liegt die Sache klarer, auch dank der #MeToo-Debatte. Wie aber ist Machtmissbrauch zu werten, wenn er nicht im sexuellen Kontext steht, sondern wenn er betriebsinterne Hierarchien betrifft?

Der aktuelle Fall, den das „Van“-Magazin nun veröffentlicht hat, betrifft eine Lappalie. Barenboims Ehefrau Elena Bashkirova veranstaltet stets im Frühling ein Kammermusikfestival im Glashof des Jüdischen Museums. Dafür muss sie sich einen Konzertflügel ausleihen. Mehrfach war der schon von der Staatsoper zur Verfügung gestellt worden. Im Frühjahr 2018, kurz nach dem Rückumzug ins sanierte Stammhaus Unter den Linden aber waren die Instrumente im entsprechenden Zeitraum eigentlich alle belegt.

Bis auf die Sonderanfertigung der Firma Steinway & Sons für Daniel Barenboim. Laura Eisen, eine Mitarbeiterin im Orchesterbüro der Staatsoper schlug daraufhin dem Jüdischen Museum vor, dass Elena Bashkirova ihren Mann doch fragen könnte, ob er ihr seinen privaten Flügel ausleihen würde.

Die jüngste Fall beruht auf einem Missverständnis

Als sie einige Tage später in Barenboims Garderobe kam, fand sie den Dirigenten zornig vor, wie sie gegenüber „Van“ berichtet: „Er schrie mich an, ich solle den Raum verlassen und er könne mir nicht mehr vertrauen. Als ich dazu etwas sagen wollte, kam er auf mich zu, packte mich mit beiden Händen zwischen Schultern und Hals und schüttelte mich. Dabei schrie er mich an, dass ich verschwinden solle. Ich war geschockt, trat zwei Schritte zurück Richtung Tür und verließ direkt den Raum. Ich erinnere mich an den Gesichtsausdruck von Herrn Barenboim, der in dem Moment meines Zurückweichens selbst schockiert über sein Handeln zu sein schien.“

Der Grund für Barenboims Ausraster war, wie sich herausstellte, ein Missverständnis. „Er meinte, ich würde hinter seinem Rücken mit seinen Instrumenten disponieren.“ Nach dem Vorfall ärgerte sich Laura Eisen auch über sich selber. Weil sie sich die Demütigung widerspruchslos hatte gefallen lassen. Sie vertraute sich ihrer Vorgesetzten an, die den Fall wiederum dem Intendanten Matthias Schulz vortrug. Der stellte daraufhin ein baldiges Treffen mit Barenboim in Aussicht, zum Zweck der Aussöhnung.

Strafrechtlich relevant ist das Verhalten nie gewesen

Mehrfach musste die Betroffene allerdings darauf drängen, so berichtet sie im „Van“-Magazin, bis die Begegnung dann tatsächlich stattfand. Dabei allerdings wurde der Vorfall vom Intendanten gar nicht angesprochen – und Laura Eisen selber wagte es wiederum nicht, dem Maestro gegenüber klarzumachen, dass sie sein Verhalten nicht tolerieren könne. Fünf Monate später wurde der jungen Frau mitgeteilt, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde. Der Grund dafür läge aber lediglich in ihrer „nicht zufriedenstellenden“ Arbeitsleistung.

Staatsopernintendant Matthias Schulz hat stets betont, dass es bei den Vorwürfen gegen Barenboim nicht um strafrechtlich relevante Tatbestände handelt. Und zu diesem Ergebnis kommt auch der Mediator, der auf Drängen vom Berliner Kultursenator im Frühjahr eingesetzt wurde. Am 4. Juni wurde daraufhin Barenboims Vertrag als Generalmusikdirektor der Staatsoper bis zum Sommer 2027 verlängert. Allerdings lag Klaus Lederer lediglich eine zweiseitige Zusammenfassung des Berichts vor, wie sein Sprecher „Van“ bestätigte. Und darin sind weder die konkreten Beschwerdefälle genannt, die an den Ombudsmann herangetragen wurden, noch die Namen derer, die sich ihm anvertrauten. So wie Laura Eisen.

Sollte Barenboim bei der Arbeit eine Body-Cam tragen?

Wie aber kann sichergestellt werden, dass in den kommenden acht Jahren Unter den Linden ein konstruktives Arbeitsklima herrscht? Werden die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter den Mut finden, sofort entschieden einzuschreiten, falls sich der Maestro mal wieder im Ton vergreift? Barenboim geht offen damit um, dass er ein vulkanisches Temperament besitzt und ungeduldig wird, wenn jemand nicht die Leistung erbringt, die er demjenigen zutraut. Barenboim bestreitet auch nicht, Laura Eisen angeschrieen zu haben. Angefasst oder gar geschüttelt aber will er sie nicht haben. Das würde er auch eidesstattlich versichern, heißt es aus der Staatsoper.

Vielleicht sollte Daniel Barenboim darüber nachdenken, künftig bei der Arbeit eine Body-Cam zu tragen. Eine Körperkamera, wie sie von Polizisten bei Einsätzen genutzt wird, um die eigenen und die Handlungen des Gegenübers zu dokumentieren. Gerade hat die Verwaltungsfachhochschule Gelsenkirchen in einer Studie deren deeskalierende Wirkung bestätigt. Daniel Barenboim konnte mit dem technischen Gerät übrigens schon Erfahrung sammeln. Im Juni dirigierte er beim „Staatsoper für alle“-Spektakel das „Tristan“-Vorspiel mit einer Body-Cam.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

11 Kommentare

Neuester Kommentar