DJ-Veteran Tanith : 30 Jahre Techno: „Wir wollten es krass“

Tanzen in Ruinen, Liebe für alle: DJ Tanith war von Beginn an dabei. Im Gespräch schaut er zurück auf die Geschichte des Techno in Berlin - und erklärt, warum er heute lieber auf dem Land lebt.

Pionier der Feierkultur. Tanith war in den Neunzigern Resident DJ im Tresor.
Pionier der Feierkultur. Tanith war in den Neunzigern Resident DJ im Tresor.Foto: privat

Im Rahmen des Red Bull Music Festivals wird das Jubiläum „30 Jahre Techno in Berlin“ gefeiert. Unter den DJs, die hier auflegen, wird neben DJ Hell, Westbam, Steffi und vielen anderen auch Tanith sein, der bürgerlich Thomas Andrezak heißt. Er hat die drei Dekaden Techno in Berlin von Anfang an miterlebt und -geprägt. Sein Markenzeichen war immer der Camouflage-Look, in dem der 56-Jährige auch zum Gespräch in einem Kreuzberger Café erscheint. Er kommt dafür mit dem Fahrrad aus dem 15 Kilometer entfernten Berlin-Karow, wo er seit fünf Jahren mit Familie und Hund in einem Haus mit Garten wohnt.

Tanith, diese Woche wird der 30. Geburtstag von Techno in Berlin gefeiert. Kommt das zeitlich eigentlich hin?

Ja, die Festlegung auf 1988 als Startschuss haut einigermaßen hin, wobei man damals noch eher von Acid House als von Techno sprach. Andererseits gab es auch schon weit vor 1988 so etwas wie Techno.

Seit wann denn?

Ich würde sagen, seit ungefähr 1981. Da entwickelte sich auch in Berlin die Stilrichtung Industrial, in der bereits Techno-Elemente enthalten waren. Nur gab es eben diese ganze Feierkultur rund um die Musik noch nicht.

Sie waren dabei, als sich diese Kultur zu entwickeln begann.

Ja, ich bin 1986 aus Wiesbaden nach Berlin gezogen. Ich habe dann ziemlich bald Dimitri Hegemann kennengelernt, der später den Tresor gründete. Der hatte damals noch einen Laden, der sich Fischlabor nannte und der eine Anlaufstelle für alle war, die sich für Acid House interessierten. Dann gab es ab 1988 das Ufo, in dem regelmäßig 150 Leute im Keller tanzten und bei Acid-Musik ihren Spaß hatten. Dort war ich später Resident-DJ.

Als der Begriff Techno sich langsam für diese neue Form von elektronischer Maschinenmusik etablierte, nannten Sie ihn Tekkno. Was sollte das?

Das war eben die Berliner Variante. Im Allgemeinen sagt man: Techno kommt aus Detroit und hat sich aus der Housemusik entwickelt. Ich denke: Na ja, das ist eine Facette dieser Musik. Viele von uns kamen damals in Berlin eher vom Industrial. House fanden wir toll, er war aber für uns nicht das, was Techno ausgemacht hat. Tanzen in Industrieruinen, darum ging es uns. Dazu passte keine Musik, die irgendwie auch schön klang. Wir wollten es krass, eher punkig als housig. Wir wollten Härte und dafür standen die zwei KK.

Sie sprechen von einem urbanen Lebensgefühl. Wie kommt es, dass Sie inzwischen aufs Land gezogen sind?

Ich habe ja lange genug in der Stadt gewohnt, aber das war eine andere Stadt als heute. Es ist hier nicht mehr so wie früher, wo du ein verlassenes Haus entdeckt und daraus einfach einen Club gemacht hast. Man merkt inzwischen auch diese Hektik in der Stadt, dieses Hinter-dem-Geld-Herrennen. Und es geht in Gesprächen nur noch darum, ob man sich seine Wohnung demnächst noch leisten kann. Früher hat man in den Tag hineingelebt und hatte keinen Zeitdruck.

Sie waren 1989 auf der legendären ersten Loveparade mit dabei, die damals noch über den Ku’damm zog. Um was ging es bei dem Umzug genau?

Das Ziel war, unser Lebensgefühl auf die Straßen zu tragen. Als die Loveparade dann vom Ku’damm an die Siegessäule verlegt wurde, war sie eigentlich nur noch ein Happening, um Werbemillionen einzukassieren. Auch die Musik, die dort gespielt wurde, hatte bald nichts mehr mit der Ursprungsidee von Techno zu tun. Diese Idee war, dass es akustisch wehtun muss. Doch die Loveparade war bald sehr weich gespült und verbreitete nur noch die Message: Ihr könnt alle dabei sein, wenn ihr euch ein paar Blumen ins Haar steckt.

Man träumte von der „Raving Society“. Der Hedonismus und das positive Lebensgefühl der Techno-Gemeinschaft sollte auf die ganze Gesellschaft übertragen werden. Hat sich davon etwas erfüllt?

Also wenn man nach Chemnitz blickt, muss man sagen, dass die Society bestimmt nicht ravet. „Raving Society“ war so ein Schlagwort, das sagte: Wir inkludieren alle. Doch das verwässert die ganze Sache auch. Ich fand die Idee schon immer ziemlich bescheuert, eine ganze Gesellschaft raven zu lassen. Eine Subkultur sollte eine Subkultur bleiben, sonst geht ihr verloren, worum es eigentlich geht.

Ist Techno denn noch eine Subkultur?

Ich denke schon. Techno findet ja nicht im öffentlich-rechtlichen Fernsehen statt, sondern immer noch in speziellen Clubs.

Aber Techno ist heute auch ein riesiges Geschäft. Die etablierten Clubs in Berlin boomen, DJ-Gagen sind inzwischen teilweise astronomisch hoch.

Es gab auch eine Krisenphase. So 1996, 1997. Damals wirkte die Szene auf mich plötzlich dogmatisch und verkopft. Alles, was aus Chicago oder Detroit kam, galt als gut, der Rest nicht. Die Technozeitschrift „Frontpage“ ist zu der Zeit eingegangen und der Club E-Werk als Kommunikationszentrum der Szene, verschwand. Dadurch kam es zu einer großen Desorientierung in Berlin. Erst durch das Ostgut, den Vorläufer des Berghains, der 1998 eröffnet wurde, änderte sich das wieder.

Aber Techno tut doch niemandem mehr weh, oder?

Oh, es gibt schon noch Techno, der richtig wehtut. Aber gesellschaftlich wollte Techno auch nie wirklich jemandem wehtun. Es ging darum, unser Ding zu leben. Wer mitmachen wollte, konnte mitmachen, wer nicht, der eben nicht. Die Musik kommt ja eigentlich aus Gay-Clubs. Schwule wollten mit dieser Musik einfach nur ihren Spaß haben.

Eine weitere Losung damals lautete: „Forward ever, backward never.“ Man wollte mit Techno alles hinter sich lassen und nur noch nach vorne blicken.

Der Spruch stammt ja eigentlich von Erich Honecker: „Vorwärts immer, rückwärts nimmer.“ Aber er entspricht schon dem, was ich damals auch selbst empfunden habe. Disco fand ich blöd. Die Achtziger mit ihrem Koks fand ich blöd. Deswegen begrüßte auch ich diesen Nullpunkt durch Techno. Als wir damals angefangen haben, gab es ja nichts Vergleichbares. Aber jetzt, nach 30 Jahren Techno- Historie, muss ich sagen, dass man auch wieder zurückblicken muss. Denn wer die Geschichte nicht kennt, ist bekanntlich dazu verdammt, sie zu wiederholen. Und um sie nicht zu wiederholen, muss man erst einmal zeigen, was war. Um dann daraus etwas Neues zu erschaffen.

Geht es denn noch voran mit Techno?

Ja, wenngleich auch nicht mehr in den ganz großen Schritten wie damals. Mit dem Techno ist es so wie mit dem Iphone. Bei den ersten Modellen sagtest du noch: Oh, welch Sensation. Und heute registrierst du nur noch: Okay, ein neues Iphone, eine Kamera ist auch wieder dabei. Von Modell zu Modell gibt es nur noch kleine Verbesserungen. Doch vergleicht man ein Iphone von heute mit einem von vor zehn Jahren, stellt man dann doch fest, dass sich bei dessen Entwicklung so einiges getan hat. Und so geht es mir auch mit der Musik. Höre ich heute Sets von mir, die vor drei Jahren entstanden sind, denke ich schon: Oh, so hat die Musik also damals geklungen.

Was denken Sie, wie wird es die nächsten 30 Jahre weitergehen mit Techno?

Keine Ahnung. Ich warte immer noch darauf, dass es zum großen Knall kommt und etwas völlig Neues entsteht. Ich selbst habe ja das große Glück, zwei Jugendkulturen miterlebt zu haben, Techno und Punk. Während Jugendliche heutzutage nur noch Jugendkulturen übernehmen können, die schon ihre Eltern geformt haben und sich in diesen Formen dann zurechtfinden müssen.

Das Gespräch führte Andreas Hartmann.

„30 Jahre Techno in Berlin“, 14.9., 20 Uhr, Shedhalle im Funkhaus Nalepastraße

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