Doku über das jüdische Berlin : Das Ritual ist die Rettung

Spurensuche: In ihrem Dokumentarfilm „Lebenszeichen“ erkundet Alexa Karolinski das jüdische Berlin.

Elena Meilicke
Philosophie und Gartenarbeit. „Was diese Wärme bedeutet, die ich mit einem jüdischen Zuhause verbinde, das habe ich erst hier gelernt“, sagt diese Berlinerin im Film.
Philosophie und Gartenarbeit. „Was diese Wärme bedeutet, die ich mit einem jüdischen Zuhause verbinde, das habe ich erst hier...Foto: Edition Salzgeber

Ein Rentnerehepaar macht sauber, kehrt Zigarettenkippen auf, putzt und schrubbt. Einer der Schauplätze, den der Dokumentarfilm „Lebenszeichen – Jüdischsein in Berlin“ aufsucht, ist das Mahnmal „Züge in das Leben – Züge in den Tod“. Seit 2008 erinnert es am S-Bahnhof Friedrichstraße an die Kindertransporte 1938/39 nach England, durch die einige jüdische Kinder vor der Naziverfolgung gerettet werden konnten. Das alte Ehepaar kommt regelmäßig hierher, um die bronzene Figurengruppe zu reinigen; der Mann erzählt, dass er selbst auf einem Kindertransport war. Später beobachtet die Kamera, wie ein Obdachloser eine Bierflasche auf dem Kopf einer Figur abstellt, noch später, wie eine junge Passantin die Bierflasche wieder wegräumt.

Ein Mahnmal in Ordnung halten – es sind solche kleinen Gesten, unscheinbare und kollektive Akte der Fürsorge, die der Film immer wieder in den Blick nimmt, ohne sie groß zu kommentieren oder zu bewerten. In der Form lose, assoziativ und mäandernd, interessiert sich „Lebenszeichen“ von Alexa Karolinski weniger für institutionalisierte Formen jüdischer Kultur oder Religion, sondern eher dafür, wie Spuren jüdischen Leben und die Erinnerung an den Holocaust in die alltägliche Gegenwart des heutigen Berlin eingelassen sind.

So zeigt der Film die Stolpersteine im Pflaster einer Charlottenburger Straße, folgt französischen Touristen durch das Holocaust-Mahnmal in Mitte, begleitet eine Schulklasse durch die Gedenkstätte Sachsenhausen und verbringt Zeit mit Frauen, die ehrenamtlich den Garten der Max-Liebermann-Villa in Wannsee pflegen. Das Material ist heterogen. Neben den Ortsbegehungen stehen Interviews, solche mit Experten – einer Historikerin, einem Medienwissenschaftler – und solche, die persönlicher, intimer, autobiografischer sind. In längeren Passagen sprechen Karolinskis Bruder und Mutter darüber, was jüdische Identität und jüdisches Leben in Deutschland ihnen bedeutet. Anderes bleibt hingegen ausgespart, der Zuzug junger Israelis nach Berlin etwa oder der Zuwachs antisemitischer Gewalttaten in der Stadt – die thematische Auswahl, die der Film trifft, ist dezidiert subjektiv.

Darin, und mit den persönlichen, ins Autobiografische ausgreifenden Gesprächen, schließt „Lebenszeichen“ an das erfolgreiche Debüt der Filmemacherin von 2012 an. „Oma & Bella“ ist ein berührendes Porträt von Karolinskis Großmutter, das die Biografie der in Berlin lebenden Holocaust-Überlebenden erzählt, indem die Kamera ihr geduldig bei ihrem liebsten Hobby zuschaut, dem Kochen.

Typologie von Alltagsritualen

Im Vergleich dazu huscht „Lebenszeichen“ etwas fahrig von einem Schauplatz zum nächsten, von einer Protagonistin zur andern, ohne wirklich Beobachtungsenergie entfalten zu können. Wo das doch gelingt, entwickelt der Film eine ganze Typologie von Alltagsritualen und scheint gerade dort sein eigenes, säkular geprägtes Verständnis dessen zu verorten, was Jüdischsein in Berlin heute bedeuten kann. Schon in „Oma & Bella“ stand mit dem Kochen eine Alltagsroutine im Zentrum, die ritualhaften Charakter annimmt: eine wiederholte Handlung, die Identität, Geschichte und Herkunft in sich birgt, eine Handlung, in der man sich verlieren und finden kann, die hält und die trägt.

In „Lebenszeichen“ bilden die langsam fortschreitenden Vorbereitungen eines Rosh-Hashanah-Festmahls eine dramaturgische Klammer, sorgfältig rückt Karolinskis Mutter Stühle, platziert Teller und Besteck, schneidet Blumenschmuck im Garten. Am Ende des Films füllen festlich gekleidete Gäste das anfangs leere Wohnzimmer.

Ihr Ehemann, Karolinskis demenzkranker Stiefvater, hat sich derweil sein ganz persönliches Alltagsritual geschaffen, das der Film in einer dichten Montagesequenz sichtbar macht. Tag für Tag nimmt er sein Frühstück in der stets gleichen Art und Weise zu sich, öffnet ein Tütchen mit Nahrungsergänzungspulver, pustet mit Bedacht hinein, schüttet es in ein Glas Wasser, rührt konzentriert mit dem Löffel um. „Es gibt ihm Sicherheit. Diese Rituale sind so wichtig für ihn, sie formen sein Dasein und bestimmen, wer er ist als Mensch“, sagt Karolinskis Mutter. Sie sind Lebenszeichen.

In den Berliner Kinos Delphi, Filmkunst 66, Filmtheater am Friedrichshain, fsk, Krokodil, Tilsiter

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