Drama „In the Middle of the River“ : Das Herz schlägt an der Peripherie

Bedrückendes Amerika-Porträt: Damian John Harpers Familiendrama „In the Middle of the River“ über einen heimgekehrten Irak-Veteranen.

Familienballast. Gabriel (Eric Hunter, links) und sein Großvater (Max Thayer).
Familienballast. Gabriel (Eric Hunter, links) und sein Großvater (Max Thayer).Foto: Farbfilm

Der Fluss, den Damian John Harpers „In the Middle of the River“ im Titel trägt, ist der San Juan River im US-Bundesstaat New Mexico, der das Örtchen Farmington vom Navajo-Nation-Reservat trennt. Eine natürliche Grenze, die über nicht viel mehr als die behördlichen Zuständigkeiten bestimmt. Die Lebensbedingungen sind auf beiden Seiten ähnlich desolat, geprägt von Armut, Gewalt, Drogen, Perspektivlosigkeit, Hass. Vom idealisierten Bild des amerikanischen Schmelztiegels könnte diese Gegend nicht weiter entfernt sein. Hier verschmilzt nichts.

Und so ist der Fluss auch eine Metapher für den aussichtslosen Kampf gegen die strukturellen Probleme: „Jeden Tag fühle ich mich, als sei ich gefangen in der Mitte eines großen Flusses“, sagt Gabriel (Eric Hunter) einmal. „Ich kämpfe mit den Fluten. Aber ich kann sie nicht aufhalten.“ Der Irak-Veteran ist nach Jahren an seinen Heimatort zurückgekehrt, um die Umstände des plötzlichen Todes seiner Zwillingsschwester aufzuklären. Er sucht ein Ventil für seine Wut. Er sucht Rache.

Nach Hause kommen bedeutet immer auch eine Auseinandersetzung mit der Vergangenheit, der Familie. Mit der Ex-Freundin Dana (Nikki Lowe), die im Reservat lebt und ihre Wut als Amateurboxerin abreagiert. Mit seinem halbstarken Bruder Ishmael (Morgan Hill), der zwischen Nachahmung und Abgrenzung schwankt. Mit der Großmutter, die den Laden zusammenzuhalten versucht. Mit dem jähzornigen Großvater Laurence (Max Thayer). Und den Kindern der toten Schwester, die Gabriel erzählen, dass die Mutter ein Geheimnis hatte. Er verfolgt diese Fährte verbissen.

Harpers Film handelt von Trumps USA

Auch für den in Colorado geborenen Regisseur Damian John Harper ist der Film eine Rückkehr. Ausgebildet an der Münchner Filmhochschule, drehte er in Mexiko sein Debüt „Los Ángeles“, das 2014 im Forum der Berlinale lief. Mit „In the Middle of the River“ richtet er nun den Fokus auf sein Heimatland und entwirft das düstere Panorama einer widersprüchlichen Welt, in der die Peripherie zugleich das sogenannte „Heartland“ ist – und das Milieu der Abgehängten zugleich die Stammwählerschaft des Präsidenten.

„In the Middle of the River“, der auf dem Filmfest München den Förderpreis Neues Deutsches Kino für sein Drehbuch gewann, ist eine Koproduktion, doch der deutsche Anteil beschränkt sich auf ein paar Namen im Abspann. Harpers Film handelt von Trumps USA, es geht um Rassismus und Misogynie, um „Obamacare“ und Medikamentenmissbrauch. Gabriels Nachforschungen über den Tod seiner Schwester werden von gleich zwei Nebenhandlungen flankiert: Während Dana verzweifelt versucht, ihren Vergewaltiger, den örtlichen Drogenboss Trigger-Finger, zur Rechenschaft zu ziehen, wird Gabriels kleiner Bruder in einen rassistischen Bandenkrieg verwickelt.

Der Film geht permanent aufs Ganze

Das ist gekonnt konstruiert, mag allerdings nicht so recht zum harschen Realismus der Inszenierung passen. Der Film ist überwiegend mit Laiendarstellern besetzt, ohne künstliches Licht gedreht und in langen, ungeschnittenen Einstellungen aufgenommen, in denen die Handkamera atemlos hinter den Figuren herhetzt. In den besten Momenten erzeugt die Spannung zwischen ausgetüftelter Dramaturgie und ungeschönter Ästhetik eine enorme Intensität und geradezu klaustrophobische Unmittelbarkeit.

Doch nicht immer gelingt der Balanceakt. Dann steht die Inszenierung der Geschichte im Wege, und auch die Darsteller können nicht durchweg schauspielerische Defizite mit dem dokumentarischen Gestus des Films kompensieren. So wirkt „In the Middle of the River“ bisweilen etwas überambitioniert, als hätte sich Harper für seine Rückkehr in die Heimat zu viel vorgenommen – oder als erforderte die prekäre Lage der Figuren, dass der Film permanent aufs Ganze gehen müsse. Am Ende, immerhin, scheint doch noch so etwas wie Hoffnung auf. Auch wenn es nur der Morgennebel über dem San Juan River ist.

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