Eduard von Keyserling : Heiße Sommer, dunkle Seele

Die gar nicht so gute alte Zeit in neu entdeckten Texten: Eduard von Keyserlings Romane porträtierten das Landgut als Lebensform. Zum 100. Todestag erscheint ein neuer Erzählband.

Abgründige Idyllen. Eduard von Keyserling schuf in seinen Romanen magische Erinnerungslandschaften.
Abgründige Idyllen. Eduard von Keyserling schuf in seinen Romanen magische Erinnerungslandschaften.Foto: dpa/Andreas Gebert

Es ist ein ebenso großartiges wie schonungsloses Porträt, das Lovis Corinth im Jahr 1901 von ihm gemalt hat: ein hager-hängeschultriger Mann im zu knappen Jackett, den es im Leben zu frieren scheint. Die von faustgroßen Ringen umschatteten Augen quellen weit hervor, während das Kinn zurückflieht. Die Lippen sind merkwürdig geschwollen. Untröstlicher kann niemand sein.

Eduard von Keyserling war damals eine ziemlich enterbte Existenz. Von den baltischen Gütern hatte es ihn in die Münchner Bohème verschlagen. Gesundheitlich ging es bergab: Syphilis. Halb gelähmt und fast blind, hatte der 1855 auf Schloss Paddern im heutigen Lettland geborene Schriftsteller den Kopf voller magischer Erinnerungslandschaften. Mehr Sommer war nie als in den Erzählungen des fröstelnden Keyserling: „Die grünen Vorhänge waren vor der Mittagssonne zurückgezogen. Die Fliegen kreisten summend um den Kronleuchter. Draußen kochte der Garten in der Mittagsglut“, heißt es in der Novelle „Schwüle Tage“. Die Landschaften leuchten und glühen, als hätte van Gogh sie gemalt. „Auf dem Felde waren die Schnitter bei der Arbeit, weiße Gestalten, die in lauter Glanz zu waten schienen.“ Bei näherem Hinsehen freilich sind es „Arbeiter, die Gesichter von Hitze entstellt“.

Haltung vor dem Abgrund

Warum sind Keyserlings Figuren, die aus einer uns völlig fremd gewordenen Welt kommen, trotzdem so faszinierend? Es hat mit ihrer „Haltung“ zu tun. Sie tun so leicht und fühlen so schwer. Es ist ihre Anmut am Abgrund. Dieser Abgrund wird meist historisch vermessen, was nicht falsch, aber einseitig ist - der kurländische oder ostpreußische Adel hatte eben keine Zukunft mehr. „Die Elmts waren so vornehm, dass sie kaum leben konnten. Sie starben auch aus. Der Onkel Thilo heiratete nicht, um der letzte Reichsgraf zu Elmt zu sein. Aussterben ist vornehm.“ Ob die baltischen Adligen wirklich so fein und zart und traurig waren, wollen wir gar nicht wissen; es werden oft genug derbe Landjunker gewesen sein.

Die wichtigste Veröffentlichung zum 100. Todestag des Autors ist der umfangreiche Band „Landpartie“; eine grandiose Lektüre. Er enthält, kommentiert von Horst Lauinger, die gesammelten Erzählungen, darunter neben den langen Jahrhundertnovellen wie „Am Südhang“, „Im stillen Winkel“ oder „Seine Liebeserfahrung“ auch viele kürzere Erzählungen aus vergriffenen Bänden und fünf Geschichten, die überhaupt noch nie in Buchform veröffentlicht wurden. Wer bereit sei, Keyserling „als einen Modernisten“ zu lesen, könne bei ihm „aufregende Entdeckungen machen“, schreibt Florian Illies im Nachwort. Das ist freilich die Floskel vieler „Wiederentdeckungen“ – noch jedem Schriftsteller vergangener Epochen wird dann das Gütesiegel aufgepappt, er sei eigentlich doch unerhört „modern“ gewesen. Modern war Keyserling aber nur in einer Hinsicht – in der Distanz, die seine Figuren zu sich selbst haben, in der unaufhörlichen Selbstbeobachtung und Gebrochenheit ihres Fühlens. Jede Emotion steht hier gewissermaßen in Anführungszeichen und wird zelebriert. Das kann einerseits zur Intensivierung der Gefühle führen, andererseits aber auch zu Verstimmung und Melancholie, wenn sich das Gefühl nicht in der gewünschten Form einstellt.

Das Landgut ist in Keyserlings Geschichten eine Lebensform. Man übt sich in feinen Gebärden und sagt sich hübsche Sachen. Ab und zu hält es einer der Herren in solcher „Musterwirtschaft des Lebens“ nicht mehr aus und geht hinter einen Busch, um sich zu erschießen. Die Frauen warten. Und sehnen ein Ereignis herbei.

Lakonische Prägnanz

In der nun wieder zu lesenden Erzählung „Winterwege“ empfindet Isa von Syritz Überdruss an ihrem Gatten Oskar, der am liebsten über Kartoffeln, Schnapsbrennerei und Zigarren plaudert und „so schwere, gefräßige Kinnbacken“ hat. Das „Ereignis“ steht für sie schon bereit: Ottomar, ein feinsinniger junger Mann, mit dem sie eine Schlittenpartie unternimmt. Der Fahrt durch den frischen Schnee gewinnt Ottomar poetische Betrachtungen ab. Endlich einmal hat man den Bezirk des Alltäglichen mit seinem „mechanischen Abschnurren dummer Gewohnheiten“ verlassen! Dann aber, nach dem Austausch erster Küsse, verfahren sich die beiden im Schneetreiben, und Ottomar muss feststellen, dass der sanfte Schnee unangenehm nass wird, wenn er schmilzt. Schließlich finden sie eine Unterkunft bei armen Waldleuten. Im Nebenzimmer stirbt gerade eine alte Frau; vier hungrige, verängstigte Kinder starren die vornehmen Gäste an wie „kleine, blonde Gespenster“. So hat Ottomar sich das nicht vorgestellt. Verstimmt zieht er sich ins Bett zurück.

Keyserlings Stil ist von lakonischer Prägnanz. Dabei sind es oft konventionelle Motive, die seine impressionistische Erzählkunst auf den Trab einer Handlung bringen - Ehebruch, Spielschulden und immer mal wieder eine Duellforderung. Die Beschwörung von Stimmungen wird nie zum Selbstzweck, sondern verbindet sich mit der nicht weniger intensiven Darstellung verfahrener „Lebenslagen“. Es geht immer ums Ganze, um Konflikte, die oft tödlich enden. Schon die frühesten, in diesem Band erstmals wieder abgedruckten Geschichten befassen sich mit dem Tod, am eindringlichsten „Das Sterben. Ein Sommerbild“, wo es um die letzten Tage einer Magd geht. Der Titel benennt bereits prototypisch die Grundspannung der späteren Werke: viel Sommer und viel Tod, flimmerndes Licht und saugende Dunkelzonen.

Fiebrige Darstellungen sexueller Ekstase

„Keyserlings wehmütige Skepsis durchdringt alles und verdammt doch keinen: Sie sieht den Zug des Lebens als den bunten Leichenzug, der er ist“, schrieb Herman Bang. Das klingt tatsächlich sehr mürb und morbide. Aber die Emphase des Vergänglichen bedingt umgekehrt eine Gier und kaum stillbare Sehnsucht nach dem Leben, in der Angst, dass „gefräßige Uhren die ungenutzten Lebensaugenblicke wegticken“. So formuliert es ein weiterer in der Reihe der verzweifelten Genussmenschen, den Keyserling zu Beginn des Romans „Beate und Mareile“ allerdings mit einer an Loriot erinnernden Komik einführt: „Aus dem Badezimmer erscholl ein gleichmäßiges Plätschern. Günther von Tarniff saß in seinem rotgelben Badebassin.“ Kann man sich einen solchen ersten Satz bei Fontane vorstellen, mit dem Keyserling oft in einem Zug genannt wird? Wohl ebenso wenig wie die fiebrigen Darstellungen sexueller Ekstase.

Auch soziale Aspekte werden von diesem Autor nicht übersehen. Wenn Günther von Tarniff ein einziges Mal bei der Arbeit gezeigt wird, dann geht es ihm nur um den Effekt, darum, eine Frau zu beeindrucken: „Es trieb ihn, vor Mareiles Fenster eine imponierende Gutsherrentätigkeit zu entfalten“ - ein Beispiel für die feine Ironie Keyserlings, der es in jungen Jahren auch einmal mit dem Sozialismus versucht hatte. Eine seiner Figuren resümiert: „Es ist ja sehr gut, zu versuchen, den Besitz gleichmäßig zu verteilen, so dass jeder genug zu essen und zu leben hat, aber ist das auch erreicht, dann sind die Daseinsfragen, die uns quälen, damit um keinen Schritt ihrer Lösung näher gerückt.“

Weg in die Freiheit über den Niedergang

Die Literatur um 1900 hatte die Neigung, das Bürgertum oder den Adel als im Niedergang befindliche Welten zu schildern und am Horizont eine vage Erwartung zum Anderen, Besseren glimmen zu lassen – man denke an den Dramatiker Tschechow. Die „Enge“ des bürgerlichen Lebens oder der herkömmlichen Ehe wurde dargestellt, und daraus ergab sich, dass irgendwo, mit einem Romantitel von Arthur Schnitzler gesagt, „der Weg ins Freie“ sein musste. In Keyserlings Roman „Wellen“ steht der Aufbruch dagegen nicht am Ende, sondern hat zu Beginn bereits stattgefunden: Die weibliche Hauptfigur Gräfin Doralice ist aus ihrer Adels-Ehe ausgebrochen und eine neue Beziehung mit einem Künstler eingegangen. Nur, leider, ist sie auch schon wieder desillusioniert von dieser zweiten Ehe und dem Freigeist-Getue des Malers. Der Weg aus dem Käfig führt immer in irgendeine neue Zwangslage. Kaum erstaunlich, dass „müde“ ein Grundwort in Keyserlings Welt ist. „Das ist es nun also…“, sinniert Doralice.

Bisher wurde erstaunlicherweise noch keine Biografie dieses Schriftstellers geschrieben. Er hat die Spuren hinter sich verwischt, indem er die Vernichtung seines Nachlasses anordnete. Was hat es auf sich mit der berühmten „Lappalie“, die er sich während seiner Studienzeit in Dorpat zuschulden kommen ließ, mit dem Resultat, dass er sich in der „guten Gesellschaft“ seiner kurländischen Heimat unmöglich machte? So ganz läppisch kann es wohl nicht gewesen sein. Klaus Modick hat um dieses Mysterium seinen neuen Roman „Keyserlings Geheimnis“ gebaut (Kiepenheuer & Witsch). Indem er sich viel vom Sprach- und Beschreibungszauber Keyserlings ausborgt, gelingt ihm ein überzeugendes Psychogramm des Schriftstellers. Auch die Entstehung des Porträts von Lovis Corinth wird ausführlich geschildert. Es mag ja gut gemalt sein, meint Keyserling im Roman und fällt in den sanften Singsang seiner baltischen Mundart: „So aussehn mecht ich aber lieber nich.“

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Eduard von Keyserling: Landpartie. Gesammelte Erzählungen. Hrsg. und kommentiert von Horst Lauinger. Manesse, München 2018. 744 S., 28 €.

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