Ein Umweltschützer über Humboldt : „Humboldts Maßstäbe gelten bis heute“

WWF-Umweltschützer Roberto Maldonado über brennende Wälder, soziale Gerechtigkeit und den Forscher als Vorbild.

Überleben im Amazonas. Ein Jaguar sucht Schutz vor den Flammen.
Überleben im Amazonas. Ein Jaguar sucht Schutz vor den Flammen.Foto: REUTERS

Der Deutsch-Bolivianer Roberto Maldonado, 43, betreut die Südamerika-Abteilung der Umweltschutzorganisation WWF. Der gelernte Diplom-Forstwirt sieht seine Hauptaufgabe im Schutz des Amazonaswaldes

Señor Maldonado, Alexander von Humboldt blickte völlig neu auf die Natur Südamerikas. Welche Bedeutung hat er heute für Umweltschützer wie Sie?
Von Humboldt ist eine Institution, seine Sicht auf die Natur war revolutionär! Er hat uns gelehrt, auf Wechselwirkungen zu achten. Ein Beispiel: Wenn wir das Phänomen der „fliegenden Flüsse“ untersuchen – gemeint sind Wolken, die über dem Amazonas entstehen und weit entfernt abregnen – dann beruht das auch auf Humboldts ganzheitlichem Blick. Er verstand, dass alles miteinander zusammenhängt. Für mich persönlich sind sein Scharfsinn und Ausdauer eine Inspiration. Wer schon mal wochenlang im Regenwald geforscht hat, weiß wie anstrengend das ist. Humboldt hat es unter schwierigsten Bedingungen getan – und vor 200 Jahren mit entsprechend beschränkter Ausrüstung.

Warum ist er immer noch aktuell?
Weil er mit seiner Neugier ein Vorbild ist. Es gibt noch so viel zu entdecken, zu verstehen. Im Amazonaswald werden quasi täglich bislang unbekannte Tier- und Pflanzenarten gefunden. Aber auch über die Wissenschaft hinaus ist Humboldt ein Star. In Lateinamerika ist er noch bekannter als etwa in Deutschland.

Was können die Lateinamerikaner von ihm lernen?
Wir könnten seine Begeisterungsfähigkeit für den Regenwald gut gebrauchen. Dann würde er vielleicht etwas weniger zerstört. Es ist paradox: Viele in Südamerika sind stolz auf den Amazonaswald, aber ihr Wissen über ihn ist begrenzt.

Der Amazonaswald ist zuletzt in den Fokus geraten, er brennt in apokalyptischem Ausmaß. Wie ist die derzeitige Situation in Brasilien und Ihrem Heimatland Bolivien?
Sie ist dramatisch. In keinem anderen Land Südamerikas haben mehr Schutzgebiete gebrannt als in Bolivien. Es sind riesige Waldflächen vernichtet worden, prozentual noch mehr als in Brasilien. In Brasilien wiederum ist die Lage auch deswegen so tragisch, weil das Land bereits bewiesen hatte, dass es Wirtschaftswachstum und Umweltschutz in Einklang bringen kann. Die Rodungen in Brasilien waren schon um 70 Prozent zurückgegangen. Nun steigen sie wieder stark an, übrigens auch außerhalb der Amazonasregion.

Alexander von Humboldt war nie in Brasilien und Bolivien, dafür in anderen Amazonas-Anrainern. Wie ist die Lage des Waldes insgesamt?
Grundsätzlich lässt sich sagen, dass große Teile Amazoniens Umweltschutzgebiete oder Indigenen-Reservate sind. Sie sind daher offiziell geschützt. Das ist die gute Nachricht. Leider stehen diese Gebiete überall unter Druck: illegale Goldgräber, Holzfäller, Rinderzüchter, Landspekulanten, Gas- und Ölfirmen sowie Bergbaukonzerne dringen immer tiefer vor. Es werden überall neue Straßen gebaut, die weitere Zerstörung nach sich zieht.

Wie geht es der Natur in den Regionen, die Alexander von Humboldt erforscht hat?
Humboldt war ja vor allem in den Anden unterwegs. Dort sieht es nicht mehr so aus wie zu seinen Zeiten. Die Natur dort ist komplett verändert worden. Wir können sie – ähnlich wie in Deutschland – im besten Fall noch als Kulturlandschaft bezeichnen. Wer schon einmal die Rosengewächswälder auf rund 5000 Meter Höhe in Venezuela gesehen oder eines der letzten Hochmoore durchwandert hat, weiß wie es dort einst gewesen sein muss. Die Anden waren ja teilweise bewaldet.

Für Humboldt waren auch soziale Fragen von Bedeutung. In Mexiko kritisierte er beispielsweise die Arbeitsbedingungen von Minenarbeitern. Inwiefern hängen Umweltschutz und soziale Fragen zusammen?
Es ist ein fataler Irrtum, sie als Gegensatz zu betrachten. Wo die Umwelt zerstört ist, wird auch der menschliche Fortschritt unmöglich. Gerade in Brasilien sehen wir das. Dort leiden schon heute Millionen Menschen unter Trockenheit. Schuld daran ist die Abholzung im südlichen Amazonasgebiet. Das Ausbleiben des Regens betrifft natürlich auch die Landwirtschaft. Die bittere Ironie daran ist: Die Agrarindustrie raubt sich mit der Zerstörung des Amazonaswalds ihre eigenen Existenzbedingungen. Eine Politik nach Humboldt würde vielleicht versuchen, der Natur einen wirtschaftlichen Wert zu geben. Ein klassisches Beispiel ist der Ökotourismus. Ein anderes ist die Açai-Palme, eine Amazonaspflanze, deren Früchte unter anderem für Energy-Drinks genutzt werden. Mittlerweile ein Milliardengeschäft.

Humboldt hatte einen europäisch-analytischen Blick auf die Umwelt. Das unterscheidet ihn von den indigenen Völkern, die eher eine mystisch-holistische Vorstellung haben.
Aber was sie verbindet, ist der systematische Blick auf die Natur. Die Ureinwohner betrachten die Natur wie Humboldt als Netzwerk. Es ist nicht ausgeschlossen, dass Humboldt das von ihnen gelernt hat. Was wir uns heute noch von den Indigenen abschauen sollten, ist ihre Gemeinschaftlichkeit. Unsere Gesellschaften sind zu egoistisch, handeln zu kurzfristig.

War Humboldt der erste Umweltaktivist Lateinamerikas?
Ich würde sagen, dass er der erste wirkliche Naturforscher Lateinamerikas war. Seine Maßstäbe sind bis heute gültig.

Bevormunden die Europäer die Lateinamerikaner, wenn es um Umweltschutz geht?
Ich würde es so formulieren: Es dient nicht der europäischen Glaubwürdigkeit, wenn man andere kritisiert, aber selbst beim Naturschutz zögerlich ist. Der Waldschutz in Deutschland ist mangelhaft, die Politik kuscht vor der Auto- und Kohleindustrie. Deutschland sollte außerdem verbindliche Umweltstandards für den Freihandelsvertrag zwischen der EU und den Mercosur-Ländern fordern. Die EU darf nichts importieren, für das der Regenwald zerstört wurde. Alexander von Humboldt würde das wahrscheinlich auch so sehen.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!