Eine Gefahr für die Demokratie : Psychiater warnen in einer Studie vor Donald Trump

In einer Studie untersuchen einige der renommiertesten Psychiater Amerikas das Verhalten des US-Präsidenten - und warnen eindringlich: Er sei Narzisst, Paranoiker und gänzlich amtsunfähig.

Bereits 2016 forderten Psychiater in einem Offenen Brief an den damaligen Präsidenten Obama eine neuropsychiatrische Untersuchung des Kandidaten Trump. Sie blieb aus.
Bereits 2016 forderten Psychiater in einem Offenen Brief an den damaligen Präsidenten Obama eine neuropsychiatrische Untersuchung...Foto: picture alliance / Evan Vucci/AP/dpa

An sich sind die Regularien, die sich Amerikas Psychiater und Psychotherapeuten auferlegt haben, strikt. Informell bekannt als „Goldwater Rule“ ist die selbst auferlegte Zurückhaltung, sich über den mentalen Zustand von Personen des öffentlichen Lebens zu äußern, die man in Behandlung hatte, und von denen man nicht zur Stellungnahme autorisiert wurde. Soeben werfen gleichwohl 27 der renommiertesten Vertreter ihres Standes „Goldwater“ über Bord, für einen einzigen, konkreten, schweren Fall. Allesamt veröffentlichen sie Aufsätze, die sich mit der Psyche von Donald Trump befassen, soweit sie ihr begegnen konnten, im öffentlichen Raum wie in Berichten derer, die mit dem Schulkind oder dem Erwachsenen zu tun hatten.

Mit ihrem Band folgen die Autorinnen und Autoren einem Zweck, der höher ist als jener der ehernen Regel. Leonard Glass stellt klar: „Here there is no patient“ – Trump ist bei keinem von ihnen in Behandlung. Er ist der Präsident. Seine Auffälligkeiten verlangen nachgerade, wie die Medizinerin und Mitherausgeberin Bandy Lee schreibt, die Pflicht zu warnen. Trump, „der gefährliche Fall“, hat den Fachleuten keine Träume auf der Couch erzählt, er würde ihren Rat eher scheuen. Aber es existiert hinreichend Material, um Hypothesen und Ferndiagnosen zu wagen, nicht nur, weil der Fluss von Trumps Rede, bei aller manipulativen Absicht, teils dem des freien Assoziierens in der Psychoanalyse ähnelt.

Das Leben des Donald Trump
Lebemann. Trump machte sich im Unterhaltungsbusiness einen Namen. Bis 2015 war er Miteigentümer der Miss Universe Organization, die etwa die Miss Universe und Miss USA Wettbewerbe ausrichtete. Hier zu sehen ist er 1997 mit den damaligen Gewinnerinnen. Er produzierte außerdem die TV-Show "The Apprentice" und schrieb mehrere Bücher.Weitere Bilder anzeigen
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09.11.2016 12:10Lebemann. Trump machte sich im Unterhaltungsbusiness einen Namen. Bis 2015 war er Miteigentümer der Miss Universe Organization,...

Robert Jay Lifton von der Columbia University, berühmt unter anderem durch seine Studien zur NS-Ärzteschaft und zu psychischen Schäden als Folge des Abwurfs der Atombombe auf Hiroshima, fordert angesichts des von viel zu vielen als normal erachteten, pathologischen Zustands („malignant normality“) von Regierung wie Gesellschaft den aufklärenden Blick der Psychiater als „professionelle Zeugen“. Gemeinsam mit der Harvarder Kollegin Judith Herman, Autorin eines Standardwerks zur Traumatisierung („Die Narben der Gewalt“), hatten Psychiater bereits 2016 in einem Offenen Brief an Präsident Obama in der „Huffington Post“ eine neuropsychiatrische Untersuchung des Kandidaten Trump gefordert und vor den Folgen der Persönlichkeitsstörungen des Präsidenten gewarnt. Lifton und Herman veröffentlichten einen ähnlichen Appell in der „New York Times“. Eindrucksvoll schildert ihr Prolog ein „Klima der Furcht“ in Fachzirkeln, das so manche daran hindert, offen Kritik an der Präsidentschaft zu üben.

Aber Amerikas führende Psychiater werden hier deutlich. Sie erkennen auf Realitätsverlust, auf Grandiosität, also Selbstüberhöhung, sie diagnostizieren Narzissmus, Egozentrik, Paranoia, Rassismus, fragilen Selbstwert, die Unfähigkeit, sich mitempfindend in die Lage anderer zu versetzen, die Unfähigkeit zu vertrauen. Tony Schwartz, reuiger Ghostwriter von Trumps Bestseller „The Art of the Deal“, der hunderte Stunden mit dem damaligen Immobilien-Tycoon verbrachte, trägt als Fachfremder Schlüsselszenen zur Ätiologie von Trumps Störungsbild bei. Aus nächster Nähe hat er die Sucht nach Anerkennung und nach Auftrumpfen erfahren. Steve Wruble widmet sich Trump als dem Sohn eines übermächtig-autoritären Vaters, der nach dem Alkoholtod des älteren Bruders dessen designierter Nachfolger wurde. Donald fand sich in der Hochspannung zwischen dem Wunsch, dem Vater zu gefallen und ihn zu übertrumpfen.

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Der Mann an der Macht, so das Fazit, ist offenkundig amtsunfähig. Wie eine Warnsirene tut dieser Band kund, was folgen kann: Machtmissbrauch, Rachsucht, Fehlentscheidungen, Krisenversagen, Unbelehrbarkeit, Wirklichkeitsflucht. Doch dass diese Publikation überhaupt erscheint, stärkt die Zuversicht in den besseren Teil der Vereinigten Staaten, die 75 Prozent, die Trump nicht gewählt haben – und die Hoffnung auf das notwendige Erstarken der psychologischen Dimension in den Gesellschaftswissenschaften.

The Dangerous Case of Donald Trump: 27 Psychiatrists and Mental Health Experts Assess a President. Ed. by Bandy X. Lee. St. Martin’s Press, New York, 360 Seiten, 27,99 USD.

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