Einspringer für Rattle : Wenn Engel lächeln

Mikko Franck dirigiert die Berliner Philharmoniker und rettet Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“.

Es ist ein bekanntes Phänomen der Kulturgeschichte: Immer wieder geraten einzelne Werke oder auch ganze Epochen aus dem Bewusstsein, werden als démodé geschmäht, bis sie eine Renaissance erleben – weil sie das gewandelte ästhetische Empfinden erneut ansprechen. Mendelssohn hat so Johann Sebastian Bach ins Repertoire zurückholen können, Leonard Bernstein gelang es später mit Gustav Mahler.

Robert Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ galt seit der Nachkriegszeit als schwer vermittelbar. Dabei hatte der Komponist 1842 einen Riesenerfolg damit gehabt, ja, es war einst so populär, dass es die britischen Operetten-Meister Gilbert & Sullivan sogar durch eine Parodie adelten. Im Mittelpunkt steht die Tochter eines gefallenen Engels und eines Sterblichen, die unbedingt in den Garten Eden will. Dafür muss diese Peri aber zunächst „des Himmels liebste Gabe“ finden. Das „Kind der Lüfte“ macht sich also auf zu „Indiens Blumenhügeln“, zu „Ägyptens Königsgrüften“ und den „nachtigallenreichen Wäldern“ Syriens. Mit dem letzten Blutstropfen eines Helden aber wird sie ebenso abgewiesen wie mit dem Todesseufzer einer Liebenden. Erst die Träne eines reuigen Sünders erweist sich als Schlüssel zum „Goldportal“.

Schumanns Oratorium ist ein Herzenswerk von Rattle, doch der musste absagen

Simon Rattle schwärmt schon seit jungen Jahren für das mystisch-orientsehnsüchtige Opus, das er 2009 mit den Berliner Philharmonikern aufgeführt hat und sich für seine Finalsaison nun noch einmal wünschte. Und siehe da, jetzt vermag die Musik – zumindest beim Rezensenten – eine Saite anzuschlagen, weitet sich die kitschige Lieblichkeit zur humanistischen Weltumarmung, erzählt die Partitur von dem feinnervigen Einfühlungsvermögen des Komponisten.

Dabei steht Rattle gar nicht selber am Pult. Aus familiären Gründen hat er das Dirigat an Mikko Franck abgegeben, der das 90-minütige Opus am Donnerstag so klug im Fluss hält, dass sich die vielen atmosphärischen Temperaturschwankungen auf wunderbar organische Weise ergeben. Erhebend erhaben klingt der Rundfunkchor Berlin, unter den Solisten ragt Gerhild Romberger heraus, in deren goldbronzenem Mezzosopran alle Schattierungen des menschlichen Mitleids aufscheinen.

Noch einmal heute, Samstag, 19 Uhr, auch live in der Digital Concert Hall.

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