"Elfie" an der Neuköllner Oper : Lulu vom Lande

Die Neuköllner Oper adaptiert eine Mordgeschichte von Tankred Dorst. Jetzt hatte „Elfie“ an der Karl-Marx-Straße Uraufführung.

Puppe, Stube, Videos. Inka Löwendorf als Elfie der Neuköllner Oper.
Puppe, Stube, Videos. Inka Löwendorf als Elfie der Neuköllner Oper.Foto: Matthias Heyde

Da gerät allerlei aneinander und macht Spieler und Zuschauer ein wenig perplex. Beispielsweise fährt in der Mitte des jüngsten Rundum-Musiktheaters der Neuköllner Oper ein nagelneuer ICE aus dem Modellbaukasten an sehr putzigen, innen erleuchteten Fachwerkhäuschen vorbei. Wie durch eine deutsche Puppenstubenaltstadt. Aber weil Videokameras das alles vor und hinter den Köpfen des Publikums auch auf umlaufende Screens projizieren und der dort vergrößerte ICE dann auch sehr echt aussieht, bekommt das seine Bedeutung. Nur welche?

Die immer wieder famosen Neuköllner haben bei der Uraufführung ihres Musikstücks „Elfie“ zugleich eine Ausgrabung gemacht. Bernhard Glocksin als Künstlerischer Leiter des Hauses und Dramaturg der Produktion ist nämlich auf einen alten Drehbuchentwurf von Tankred Dorst gestoßen. Der 2017 in Berlin verstorbene Schriftsteller hatte vor drei Jahrzehnten mal einen Drehbuchentwurf unter dem Titel „Eine Mordgeschichte“ verfasst. Doch ist der geplante Film mit dem Kameramann Jürgen Jürges (der den gerade viel umraunten „DAU“-Film des russischen Regisseurs Ilya Khrzhanovsky gedreht hat) nie zustande gekommen. Dafür hatte Dorst zusammen mit seiner Frau und Mitarbeiterin Ursula Ehler aus dem Stoff sein 2002 uraufgeführtes Theaterstück „Die Freude am Leben“ gemacht.

Glocksin und der federführende Regisseur Martin G. Berger haben nun ein Libretto aus der „Mordgeschichte“ und „Lebensfreude“ destilliert, zur Musik von Wolfgang Böhmer. Der Komponist des legendären „Wunders von Neukölln“ ist zuletzt für die Musik zu Peter Lunds 2016 an der Neuköllner Oper inszenierten „Stella – Das blonde Gespenst vom Kurfürstendamm“ mit dem Deutschen Musical-Preis ausgezeichnet worden: für die Geschichte der gerade wegen des Takis- Würger-Romans „Stella“ neu ins Gerede gekommenen jüdischen Gestapo-Agentin Stella Goldschlag.

Emanzipierte Frau und promiskes Luder

Um ein blondes Gespinst geht’s freilich auch jetzt. Denn die Titelfigur Elfie, von der tatsächlich sehr blonden Schauspielerin und Tänzerin Inka Löwendorf verkörpert, ergibt eine Mischung aus emanzipierter Frau und promiskem Luder. Bei Dorst ist die mit einem selbstversponnenen Schullehrer verheiratete und mit allen Honoratioren des Orts in die Betten fallende Elfriede Steinheuer eine verschärfte Elfi Briest oder gar: eine Lulu vom Lande. Der Handlungsort soll eine fränkische Kleinstadt sein, wohl das von Tankred Dorst seit früher Nachkriegsstudentenzeit geliebte Bamberg.

Daher die altdeutschen Fachwerkhäuschen am Rande der ICE-Strecke. Wobei der Zug der Zeit hier haltlos ins eher Ungefähre geht. Auf dem zentralen Spielpodest, um das sich an vier Seiten die Zuschauer gruppieren, liegt jenseits der Modelleisenbahn dunkles Laub. Waldlaub, um darunter eine Leiche zu vermuten, das ist die Assoziation (Ausstattung Sarah-Katharina Karl). Irgendwie und irgendwann wird Elfies Gatte Ernst Steinheuer, dargestellt vom massigen Bariton Clemens Gnad, zum Mörder der untreuen Frau – und ist es am Ende wohl doch nicht ganz. Mit diesem (eigenen) Einfall hält die Neuköllner „Elfie“ durchaus fein die Schwebe zwischen Liebesmord und Lebenslust. Oder auch zwischen Schmerz und Scherz. Aber der Einfall kommt spät.

Es brennt, es flackert zuvor um alle Köpfe in Roman Rehors Videos auf den Leinwänden, Die meist sprechsingenden Akteure werden dort mal zu Puppen, mal verdoppeln sie sich live: ein sich bei Gelegenheit nackt präsentierender Elektrogroßhändler, ein Musikkritiker, ein Chirurg. Alle sind sie Elfies Männer, aber auch eingestandene Schwächlinge, Schwadroneure, Schemen. Manches klingt etwas wedekindisch oder mal büchnerhaft, so irgendwo zwischen „Lulu“, „Woyzeck“ und Dorst natürlich. Aber trotz Wolfgang Böhmers teils expressiv schlagwerkender, teils schwermütig dahinharfender Musik, die auch das fränkische Volkslied adaptiert, fehlt dieser Moritat das wirklich Spukhafte. Das Gespenst und Gespinst: eine Vision, sei’s von gestern oder morgen. Und der ICE ist keine Geisterbahn.

Wieder am 2. und vom 7. - 10., 14. - 17. und 14. - 28. Februar

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