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Mit etwas Glück verbinden sich an einem lauen Sommerabend die Kulisse des Rheinsberger Schlosses und der Klang des Orchesters zum atemberaubenden Gesamterlebnis.
© Uwe Hauth

Klassikfestival Rheinsberg: Entenquaken und revolutionärer Orchesterklang

Beim Klassikfestival in Rheinsberg wird in diesem Jahr Ludwig van Beethovens Genie gefeiert. Auch im Berliner Umland sehnt man sich wieder nach Livekultur.

Eigentlich müsste man das Städtchen Rheinsberg in diesem Sommer in Ludwigslust umbenennen. Denn noch bis zum 21. August wird hier rund um das Schloss ein großes „Fest für Beethoven“ gefeiert. Weil es die Pandemie im vergangenen Jahr vereitelt hat, dass der 250. Geburtstag des Komponisten angemessen begangen werden konnte, verschob Georg Quander, der Leiter der „Kammeroper Schloss Rheinsberg“, seine Programmplanung kurzerhand auf 2021 – und erweiterte sie dann sogar noch.

So wie man das aus seiner Zeit als Intendant der Lindenoper von 1991 bis 2002 kannte, geht der studierte Theater- und Musikwissenschaftler auch beim Sommerfrische-Festival im Ruppiner Land dramaturgisch in die Tiefe. Mit den jungen Sängerinnen und Sängern, die sich in diesem Jahr für das Rheinsberger Nachwuchsförderprogramm qualifiziert haben, präsentierte er bereits Beethovens Bearbeitungen von Volksliedern aus aller Welt – was besonders gut passte, weil ja auch das Ensemble einen bunten Nationalitätenmix darstellt. Nach dem Abschlusskonzert der Meisterklasse von Siegfried Jerusalem gab es einen Abend, bei dem vierstimmige „Fidelio“-Passagen den stilbildenden Streichquartetten Beethovens gegenüber gestellt wurden.

Ab dem 4. August schließlich wird die einzige Oper des Komponisten in einer Open-Air-Neuinszenierung gezeigt, Regie führt der Intendant selbst. Doch hat er natürlich nicht die üblicherweise gespielte Fassung von 1814 ausgewählt, sondern die Erstversion von 1805.

Als Quander am vergangenen Wochenende mit dem Dirigenten der Produktion, Peter Gülke, bei einem Lecture Concert über die Entstehungsgeschichte des Werks sprach, stieß das auf reges Interesse beim zahlreichen Publikum, wie er im Gespräch berichtet. Überhaupt zeigt sich der Intendant von der Entwicklung des Vorverkaufs positiv überrascht. Nicht nur in Berlin, auch rund um die Hauptstadt brennen die Leute offensichtlich darauf, endlich wieder Livekultur in großem Rahmen erleben zu können.

Ein perfekter Sommerabend in der Schlossanlage

Mit den Künstlern lief es da nicht ganz so sorgenfrei. Die Teilnehmer:innen aus Großbritannien mussten zuhause bleiben, bei den russischen Sänger:innen hieß es zunächst, ihnen werde ebenfalls die Ausreise verwehrt – und als sie dann doch nach Rheinsberg kommen durften, waren dort bereits die „Fidelio“-Proben in vollem Gange.

Finanziell hat Georg Quander von Anfang an vorsichtig mit nur 50 Prozent Platzauslastung kalkuliert (so, wie es jetzt auch gehandhabt wird), zu Beginn des Jahres war sein Team in Kurzarbeit. Und weil die für Juli geplante „Fra Diavolo“-Produktion coronabedingt wegfallen musste und sowohl die staatlichen Geldgeber als auch die Sponsoren ihre Fördersummen wie geplant überwiesen haben, wird er seinen Etat wohl nicht überziehen müssen. Wenn das Wetter weiterhin so mitspielt wie bisher.

Durch die doppelte Säulenreihe der Kolonnaden kann der Blick weit schweifen, im Hintergrund der Grienericksee.
Durch die doppelte Säulenreihe der Kolonnaden kann der Blick weit schweifen, im Hintergrund der Grienericksee.
© Uwe Hauth

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Am Freitag jedenfalls können die Besucher:innen im Innenhof der dreiflügeligen Schlossanlage einen perfekten Sommerabend erleben, beim ersten von drei Konzerten, in denen die Akademie für Alte Musik Beethovens Sinfonien unbekannten Werken seiner Zeitgenossen gegenüberstellt. Die Sitzreihen mit den luftig aufgestellten Klappstühlen sind so platziert, dass der Blick durch die doppelte Säulenreihe der Kolonnaden weit schweifen kann, über den Grienericksee hinweg, der im Licht der untergehenden Sonne glitzert, bis hin zum Wald auf der anderen Seite, vor dem ein Obelisk die barock gedachte Sichtachse des Parks krönt. Ein aufgeregter Schwalbenschwarm zischt jeweils zwitschernd zur Seite, wenn die Musik lauter wird, zwischen den Sätzen kann man auch mal ungnädiges Entengequake vernehmen.

Klingender Comic mit musikalischen Mitteln

Bevor das Orchester die „Eroica“ spielt, ohne Dirigent, mit vollem Körpereinsatz und wippendem Pferdeschwanz angeleitet von der Konzertmeisterin Meesun Hong Coleman, erklingt eine absolute Rarität, Paul Wranitzkys 1797 entstandene „Grande symphonie caractéristique pour la paix avec la République Francaise“. Beethoven kannte den Musikdirektor des Wiener Burgtheaters gut, die Partitur der Sinfonie, die den Friedensschluss zwischen Österreich und Napoléon von Campoformio feiert, stand in seiner Bibliothek.

( Das Festival läuft bis zum 21. August. Weitere Informationen unter: www.kammeroper-schloss-rheinsberg.de)

Paul Wranitzky hat eine Art klingenden Comic komponiert, mit plakativen musikalischen Mitteln erzählt er aktuelle Zeitgeschichte: Im ersten Satz geht es ums Schlachtgetümmel, scharf werden atmosphärische Episoden gegeneinander geschnitten. Der zweite Satz stellt die Ruhe nach dem Sturm dar, dann folgt eine Feierstunde, in deren Verlauf dem Volk mit jeder Menge Kanonenschlägen der Vertragsabschluss bekanntgegeben wird, ein heiteres Alles-Wird-Gut-Finale beschließt die Sinfonie.

Gerade in der direkten Gegenüberstellung mit seinen Zeitgenossen wird Beethovens Genie immer besonders deutlich. So wunderbar vital die Akademie für Alte Musik Wranitzkys Opus auch spielt, die nur sechs Jahre später, 1803, geschriebene „Eroica“ hat so viel mehr Substanz, ist rhythmisch innovativer, harmonisch reicher, melodisch raffinierter. Diese autonome Musik braucht keine zusätzliche Erzählebene um zu wirken, sie muss nichts bebildern, weil sie für sich alleine spricht. Sie steckt voller Überraschungen und entwickelt sich dabei doch absolut organisch, ja mit bezwingender Logik, weil alle Gedanken auf meisterliche Weise miteinander verwoben werden.

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