Essays von Olga Martynova : Reflexionen über Russland

„Über die Dummheit der Stunde“: In Essays und Notizen setzt sich die russische Lyrikerin Olga Martynova mit dem sowjetischen Riesenreich auseinander.

Klaus Hübner
Die Sonne geht hinter einer Kirche in Nischni Nowgorod unter.
Die Sonne geht hinter einer Kirche in Nischni Nowgorod unter.Foto: AFP PHOTO / Mladen ANTONOV

Die Beziehungen zwischen Russland und der Ukraine spielen die Hauptrolle in diesem Buch – weniger im tagespolitischen Sinn als im Hinblick auf die komplexe Geschichte des zaristischen und sowjetischen Riesenreichs und deren ungewöhnlich tief gehende Nachwirkungen. Der „Westen“, klagt die in Leningrad aufgewachsene Olga Martynova in „Über die Dummheit der Stunde“, könne sich oft nicht vorstellen, dass Freiheit und Menschenrechte, Demokratie und Zivilgesellschaft weniger wichtig sein sollen als Vaterland und Volk, Ordnung und Ehre.

„Der ganze postsowjetische Raum ist im Hinblick auf die Verarbeitung von Geschichte problematisch“, heißt es in dem Essay „Borschtsch, Schtschi und Brodsky“. Was das bedeuten könnte, zeigen bereits die literaturgesättigten Porträts von Moskau und St. Petersburg, die im ersten Teil des Buches neben weiteren anregenden Reisefeuilletons stehen, darunter Liebeserklärungen an Lissabon und Helsinki.

Der dritte Teil bietet Annäherungen an bedeutende Dichter und Überlegungen zu ihrer Literatur, zum Beispiel Aufsätze über Jan Graf Potocki, Ossip Mandelstam und Europa oder Marina Zwetajewa und Giacomo Casanova, auch einen aufschlussreichen Essay über russische Poeten im Ersten Weltkrieg, dessen Titel „Gebratene Nachtigallen“ nur anfangs irritierend wirkt. Man mag manche der Themen abgelegen nennen – verhandelt werden sie stets in guter, höchst musikalischer Prosa. Der dritte Teil enthält auch den für Olga Martynovas literarisches Schreiben zentralen, sich mit den Unterschieden und Gemeinsamkeiten von Engagement und Elfenbeinturm sowie E- und U-Kultur auseinandersetzenden Essay „Flaschenpost versus Flaschenpost“. Sie bezieht darin deutlich Stellung gegen jegliche Indienstnahme von Literatur: „Das innere ästhetische Ziel eines literarischen Textes ist nach wie vor (egal, welche äußeren Ziele er verfolgt), die Zeit zum Stillstand zu bringen. Die Aufmerksamkeit zu fassen. Eine tiefere Konzentration zu ermöglichen.“

Keine Lösung durch Diplomatie und Dialog

Ähnliche Gedanken werden im zweiten Teil erörtert, der aus fünf fundierten poetologische Skizzen besteht. In „Probleme der Essayistik“ zum Beispiel haben Hugo von Hofmannsthal, Oscar Wilde, Gottfried Benn, Moses Rosenkranz und einige andere Dichter ihren Auftritt. Im titelgebenden Essay „Über die Dummheit der Stunde“ bricht sie erneut eine Lanze für die Unabhängigkeit aller Kunst.

„Wenn Künstler ihr politisches Engagement mit ihrer Kunst illustrieren“, schreibt sie, „erzählen sie meistens Quatsch. Ob sie ihren Quatsch talentiert erzählen, ist das Einzige, was zählt. Dann bekommt das Werk einen Mehrwert, der weit über das gestellte Ziel hinausreicht.“ In dem Aufsatz „Über den Patriotismus“ zeigt sie, dass sie auch austeilen kann. „Der Westen muss sich von der Illusion verabschieden, dass Diplomatie und Dialog zu einer Lösung führen werden“, hatte die 2015 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnete Swetlana Alexijewitsch geschrieben. Denn: „Es gibt diese Erfahrung in der bellizistischen russischen Gesellschaft nicht, und schon gar nicht in der fanatisierten russischen Politik. Die Sache ist mit Reden nicht zu stoppen.“

Für Olga Martynova sind das „unverantwortliche und auf billige Effekte abzielende Worte“, die man auch als „Aufruf zu einem neuen Weltkrieg“ verstehen könne. Ein paar Seiten weiter polemisiert sie gegen Michail Ryklin, dem sie vorwirft, er habe Joseph Brodsky als russischen Imperialisten verunglimpft. Harsche Urteile, aber mit guten Argumenten unterfüttert.

Martynovas Krim-Tagebuch ist ein intimes Zeugnis

Den Schlussteil des Buchs bildet ein Krim-Tagebuch vom Spätsommer 2017, das unter anderem eine Auseinandersetzung mit dem 2015 erschienenen Prosatext „Karadag Oktober 13“ von Esther Kinsky und Martin Chalmers ist. Martynova fordert mit Nachdruck absolute Genauigkeit beim Beschreiben der Widersprüchlichkeit der Halbinsel und warnt vor jeder Simplifizierung: „Oft geht es Menschen, die über die Krim reden, gar nicht um die Krim.“ Warum diese Warnung? Worauf sollte man achten? „Jeder Flecken auf der Erde ist ein Palimpsest, aber auf diesen sind besonders viele Schichten aufgetragen. Ein Apfel der Zwietracht in Blätterteig … Die Krim scheint sich aus einer Zeitschleife herausgeschält zu haben. Als wären die ganzen Jahre von 1991 bis 2014 weder ukrainische noch russische Zeit gewesen, sondern eine andere Art, sich aus der sowjetischen Epoche zu befreien. Eine Zone zwischen allen Realitäten. Und sie bleibt es heute noch.“ Abgesehen von der Politik allerdings ist dieses Krim-Tagebuch auch ein sehr intimes Zeugnis: „Diese Landschaft bricht mir das Herz, nicht nur, weil ich sie liebe, sondern auch, weil ich sie nicht beschreiben kann (irgendwann, wenn ich mehr Zeit habe, vielleicht).“

Vor allem mit ihren Romanen „Sogar Papageien überleben uns“ (2010), „Mörikes Schlüsselbein“ (2013) und „Der Engelherd“ (2016) hat sich die seit 27 Jahren mit ihrem Mann, dem eminenten Schriftsteller Oleg Jurjew, in Frankfurt am Main lebende und auf Deutsch schreibende Olga Martynova Respekt erworben. „Über die Dummheit der Stunde“ wird ihn noch steigern. Er zeigt erneut, dass sie eine ungewöhnlich belesene, intellektuell anregende und im besten Sinne europäische Schriftstellerin ist.

Olga Martynova: Über die Dummheit der Stunde. Essays. S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M. 2018. 300 S., 22 €.

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