Europakonzert der Philharmoniker : Eine unerschöpfliche Welt im Kleinen

Die Berliner Philharmoniker spielen ihr jährliches Europakonzert im reduzierten Rahmen und erinnern an die Krise an den Außengrenzen des Kontinents.

Die Berliner Philharmoniker geben am 1. Mai ein Konzert in Kammerensemble-Größe.
Die Berliner Philharmoniker geben am 1. Mai ein Konzert in Kammerensemble-Größe.Foto: Monika Rittershaus

Es ist ein kleines Wunder, das die Berliner Philharmoniker vollbringen, um ihr Europakonzert zu retten. Seit dem Fall des Eisernen Vorhangs haben die Musikerinnen und Musiker stets am 1. Mai die europäische Idee und auch sich selbst sowie ihre Orchesterrepublik gefeiert, bislang in 16 Ländern. Dieses Jahr sollten sie Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier begleiten und in Tel Aviv musizieren, zwischen den Gedenkfeiern für die Befreiung von Auschwitz und die Unabhängigkeit Israels.

Stattdessen muss das Orchester zu Hause bleiben, die Philharmonie ist geschlossen. Dennoch ein Konzert zu geben, das in über 80 Länder übertragen wird, erfordert akribische Logistik. Mehr als 15 Personen dürfen nicht auf der Bühne sein, der Mindestabstand zwischen den Pulten beträgt zwei Meter, die Bläser sitzen extra weit hinten, alle Mitwirkenden wurden auf das Virus getestet. „Das Kulturleben ist bedroht“, sagt Steinmeier in seiner Ansprache. „Es ist keine verzichtbare Nebensache, sondern ein Lebensmittel.“

Meditative Schübe der Trauer

Wenn die Kamera zu Arvo Pärts „Fratres“ über die verwaisten Sitzreihen der Philharmonie schweift, löst die meditative Musik Schübe der Trauer und des Vermissens aus. Sie gehen weit über den Wunsch hinaus, bald wieder Musik in Gemeinschaft erleben zu können. Im Gesicht von Chefdirigent Kirill Petrenko spiegeln sich Schmerz und Anteilnahme, die nicht nur künstlerischer Ausdruck bleiben sollen: Die Philharmoniker stiften ihr TV-Gage für Unicef und fordern die Zuschauer auf, sich anzuschließen, um jenen zu helfen, die an den Außengrenzen Europas keinen Schutz finden.

György Ligetis „Ramifications“ berühren die akustische Grenze dessen, was am Bildschirm noch zu vermitteln ist; eine Raum-, eine Traummusik, wie sie sich nur im Konzertsaal ganz entfalten kann. Samuel Barbers tränenumflortes „Adagio for Strings“ entkleidet Petrenko dann aller Filmmusik-Gefühligkeit, er dirigiert es bereits mit einem tiefen Verständnis für die Musik Gustav Mahlers, in dessen 4. Symphonie das Europakonzert gipfelt. Seine Miene erhellt sich, die philharmonischen Solisten verströmen sich hingebungsvoll – und es tut sich eine unerschöpfliche Welt im Kleinen auf. Sie umfasst auch jenes Europa, das Steinmeier als gemeinsames Zuhause beschwört.

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