Fast wegen Corona abgesagt : So wurde das Klassikfestival Young Euro Classic eröffnet

Kleineres Publikum, mehr Berliner Talente: Wegen Corona ist bei der Eröffnung von Young Euro Classic alles etwas anders. Der Jubel ist trotzdem groß.

Griechischer Abend. Danae Dörken begeistert bei der Eröffnung am Piano.
Griechischer Abend. Danae Dörken begeistert bei der Eröffnung am Piano.Foto: Kai Bienert

Ungeheure Nüchternheit liegt über diesem Abend im Konzerthaus. Schon an den Außeneingängen am Gendarmenmarkt müssen Masken angelegt werden, die steinernen Treppengänge hat man mit Richtungspfeilen beklebt, mehr als drei Viertel der Sitze im wunderschönen großen Saal bleiben gesperrt.

Zum Eröffnungsabend des diesjährigen Festivals Young Euro Classic wurden nur 350 Besucherinnen und Besucher zugelassen. Sie agieren verhalten und hören dennoch aufmerksam zu, was Kultursenator Klaus Lederer und Willi Steul, der Vorsitzende des Deutschen Freundeskreises europäischer Jugendorchester, vor Beginn des Konzertes mitzuteilen haben.

Lederer blickt zurück auf die über viermonatige Schließzeit der Berlin Kulturhäuser und erinnert daran, dass Kunst auf Nähe und Körperlichkeit angewiesen ist.

Herzlich fordert er das Publikum dazu auf, zu applaudieren, als sei der Saal vollbesetzt.

Steul hingegen spricht vom letztjährigen Festival, bei dem niemand sich die Verhältnisse im heurigen Sommer vorstellen konnte; noch im Frühjahr seit unklar gewesen, ob und wie Young Euro Classic überhaupt stattfinden könne.

Dieses Mal wurden vor allem Berliner Musiker rekrutiert

Inzwischen hat das YEC Team mit scheinbar allergrößter Leichtigkeit umdisponiert. Statt internationaler Jugendorchester, die aus dem Ausland anreisen, wurden vor allem in Berlin ansässige junge Musikerinnen und Musiker rekrutiert, statt großer Ensemble kleinere Formationen verpflichtet.

An diesem ersten, griechisch inspirierten Konzertabend spielt das CAERUS chamber ensemble mit Jonian Ilias Kadesha am Konzertmeisterpult eine charmante Mixtur aus Werken von Iannis Xenakis, Nikos Skalkottas und Felix Mendelssohn Bartholdy, immer präzise, oft mit freundlich swingender Motorik.

Dazwischen geht es im Geiste nach Wien beziehungsweise in die Berge, singt die wunderbare Sopranistin Siobhann Stagg „Der Hirt auf dem Felsen“ von Franz Schubert, sekundiert von Dionysis Grammenos an der Klarinette und Julien Quentin am Klavier.

Einbildungskraft ist nichts für Bequeme

Stagg singt indessen mit angezogener Handbremse, was ausnahmsweise nicht der Coronakrise, sondern eher den Anforderungen dieses Stückes geschuldet sein dürfte, das ebenso alpenfrisch wie artifiziell klingen will.

Und dann wieder rezitiert Julia Jaschke, sehr elegant, etwas aufgepumpte Worte der Schriftstellerin Lea Singer zu Kunst, Musik und Weltverständnis, zum Beispiel „Einbildungskraft ist nichts für Bequeme. Die Muskeln dafür werden trainiert in Arkadien.“ Aha. Ach so!

Der Abend ist schon fast zu Ende, da tritt Danae Dörken auf und hämmert mit großer Leuchtkraft zwei Préludes von Manolis Kalomiris in den Flügel, und gleich danach prescht Konzertmeister Kadesha mit dem Ensemble durch ein Arrangement von Bartóks erster Rhapsodie für Violine und Streicher.

Und gerade diese beiden, Dörken und Kadesha, bieten der Coronokrise trotzig die Stirn, sie musizieren, als ob vor uns noch Hunderttausende neuer Morgen lägen, als könne nichts und niemand der reinen Kraft der Musik etwas anhaben. Großer Jubel! Er hilft, den Geist des Festivals auch in diesem Jahr zu entfachen.

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