Filmkritiken von Graham Greene : Unser Mann im Kinosaal

Hemmungsloses Meinen: Das "Schreibheft" präsentiert den Schriftsteller Graham Greene als Filmkritiker. Die Zeitschriftenkolumne.

Der britische Schriftsteller Graham Greene, 1904-1991.
Der britische Schriftsteller Graham Greene, 1904-1991.Foto: AFP

Nein, so geht Filmkritik wirklich nicht mehr: so hopplahopp ohne Gespür für den ersten Satz gleich ins Meinen hineingesprungen. So wertungsversessen vor jedem Bemühen, Tonfall und Atmosphäre szenisch zu veranschaulichen. Und zum Teil so glanzlos heruntergefiedelt, als wüsste der Autor dieser Texte aus den Jahren 1928 bis 1941 nicht, welche Möglichkeiten intelligenter Journalismus bietet. Wie kommt es, dass es trotzdem ein Vergnügen ist, Graham Greene bei der Arbeit zuzusehen?

Ein nicht unerheblicher Reiz besteht sicher darin, den britischen Weltklasseerzähler in unkonzentrierteren Momenten zu ertappen – und gleichzeitig zugeben zu müssen, dass sich auch im Parlando eine erstaunliche Beobachtungsgabe versteckt. Spannend zu erfahren ist auch, was einer der meistverfilmten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts, der selbst zahlreiche Drehbücher schrieb, vom Kino hielt. „Der dritte Mann“ entstand sogar zuerst für Carol Reeds Verfilmung aus dem Jahr 1949, bevor er im Jahr darauf auch als Roman Form annahm.

Greenes Rezensionen für die bis heute erscheinende Wochenzeitschrift „The Spectator“ oder sein eigenes Magazin „Night and Day“, die das „Schreibheft“ (Nr. 90, 15 €, www.schreibheft.de) zum ersten Mal auf Deutsch vorstellt, waren Nebenprodukte. Aber sie öffneten ihm die Tür zu einer der wichtigsten Gestalten der englischen Filmindustrie, dem Produzenten Alexander Korda, dessen Filme er zuvor stets verrissen hatte. Und sie entstammen, das darf man nicht vergessen, einer Zeit, in der sich die Literaturkritik ihrer Mittel schon sehr viel gewisser war.

Verleumdungsklage der Twentieth Century Fox

Die Auswahl enthält auch jene Bemerkungen zu John Fords „Rekrut Willie Winkie“, die Greene 1937 eine Verleumdungsklage der Twentieth Century Fox einbrachten. Über die neunjährige Shirley Temple, die darin die Hauptrolle spielt, schrieb er: „Die Kindheit ist ihre Maske, während ihre Attraktivität viel geheimnisvoller und erwachsener ist. Ihre Bewunderer – Männer mittleren Alters und Geistliche – reagieren bloß auf ihre zweifelhafte Koketterie, auf den Anblick ihres wohlgeformten und begehrenswerten kleinen Körpers, der eine enorme Vitalität ausstrahlt, weil der Schutzvorhang der Geschichte und des Dialogs zwischen ihren Verstand und ihre Begierde fällt.“ Greene verlor den Prozess; es war auch der Todesstoß für „Night and Day“.

Er machte kein Hehl daraus, wenn er sein Deutungsbesteck gleich in der Schublade lassen wollte. Zu „Lustige Burschen“, einem Sowjetmusical, das Sergej Eisenstein ehemaliger Assistent Grigori Alexandrow 1934 inszenierte, erklärte er: „Ich habe nicht das Bedürfnis, eine Kritik dieses Films zu schreiben, sondern möchte mich einfach nur an seinem Ungestüm, dem Grotesken, seinem Licht, den eingängigen Liedern und der Vorstellung eines guten Lebens jenseits von Champagner und teuren Kleidern erfreuen.“ Der Film sei nämlich der „größte Glücksfall für das Kino seit René Clairs ,Der Florentiner Hut‘.“ Von solchen sich gegenseitig neutralisierenden Urteilen und Einordnungen wimmelt es.

Ein Essay von makelloser Eleganz

Das sowjetische Revolutionsdrama „Wir in Kronstadt“ ist für ihn der „derzeit beste in London gezeigte Film“ oder Preston Sturges’ „Falschspielerin“ mit Barbara Stanwyck der „beste US-amerikanische Film“. Dies aber nur, „weil der letzte Film der Marx Brothers nicht den erwarteten Erfolg hatte“. Was hat das eine mit dem anderen zu tun?

Von makelloser Eleganz ist dagegen der Essay, in dem Greene auf seine Filmkritikerkarriere zurückschaut – und die spannungsreiche Zusammenarbeit mit dem Produzentenmogul David O. Selznick. Er zeigt überdies, wie genau Greenes Vorstellungen von der Ökonomie des Erzählens waren, wenn er sich abfällig über Alfred Hitchcock äußert: „Seine Filme bestehen aus einer Reihe kleiner, ‚unterhaltsamer‘, melodramatischer Situationen: der Knopf des Mörders, der auf dem Bakkarat-Tisch fällt; der Dauerakkord des erdrosselten Organisten in der leeren Kirche – ganz und gar beiläufig entwickelt er diese verzwickten Situationen (ohne jede Rücksicht auf Widersprüche, Ungereimtheiten, psychologische Absurditäten) und lässt sie wieder fallen. Sie bedeuten nichts; sie führen zu nichts.“ Da hat Greene etwas gesehen, wozu viele wohl erst heute bereit sind.

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