Florian Lutz : Intendant der Oper Halle muss gehen

Florian Lutz sollte die Spielstätte erneuern. Doch sein Vertrag wurde nach einem erbitterten Machtkampf nicht verlängert. Die Entscheidung des Aufsichtsrats dürfte auch politisch motiviert sein.

Regine Müller
Intendant der Oper Halle, Florian Lutz.
Intendant der Oper Halle, Florian Lutz.Foto: Hendrik Schmidt/dpa

Wer ein Theater verändern soll, braucht Vertrauen. Und Zeit. Um beides musste das Theater-Leitungsteam um Florian Lutz in Halle an der Saale kämpfen – und zwar schon kurz nach dem fulminanten, mit dem Faust-Theaterpreis prämierten Auftakt mit der Raumbühne „Heterotopia“. Nun hat ein undurchschaubares Zusammenspiel von künstlerischen Ressentiments, Machtspielen und kühlem politischem Kalkül zum verfrühten Ende von Lutz’ Opernintendanz geführt. Der politisch besetzte Aufsichtsrat der „Theater, Oper und Orchester GmbH Halle“ wollte am Freitag seinen Vertrag nicht über 2021 hinaus verlängern.

Die Dramaturgie ist jedoch selbst in der Niederlage perfekt, als sich wenige Stunden nach Bekanntgabe des Votums der Vorhang zu Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ hebt. Es geht in dem Stück genau um die zentralen Fragen des Hallenser Opernkriegs: um die Freiheit der Kunst und darum, wie weit Geldgeber in die Kunst hineinregieren dürfen. Darum, wie ernst Kunst sein darf, oder ob sie vielleicht doch besser nur unterhalten sollte? Und es geht in „Ariadne“ auch um Theater-Querelen, um eitle Künstler, selbsternannte Genies, Pragmatiker, knochentrockene Verwalter und aalglatte, sich den jeweiligen Machtverhältnissen anpassende Vermittler.

In der Pause schnappt man ungläubige, betroffene Kommentare auf, von Premierengästen in durchaus vorgerückten Jahren. Die sich nämlich keineswegs alle abgewandt haben von den Innovationen der Ära Lutz. Obwohl es immer wieder hieß, die Älteren seien vergrault worden, dafür käme aber nicht genug jüngeres Publikum nach.

Demonstrative Begeisterung beim Schlussapplaus

„Ariadne“-Regisseur Paul-Georg Dittrich steht auf seine Weise für die Ästhetik der Hallenser Dramaturgie. Er arbeitet stark mit Brüchen, erzählt die konstruierte Handlung kunstvoll auf mehreren Ebenen. Sein Bühnenbildner Sebastian Hannak setzt nicht auf Opulenz, sondern auf anspielungsreiche Kargheit. Eine intelligente, handwerklich makellose Regie-Arbeit, Michael Wendeberg im Graben animiert die Staatskapelle Halle zu rhetorisch lebendigem Spiel, die Sängerpartien sind solide bis herausragend besetzt, insbesondere ein Hallenser Neuzugang, die Sopranistin Liudmila Lokaichuk in der Mount-Everest- Rolle der Zerbinetta ist phänomenal.

Demonstrative Begeisterung beim Schlussapplaus. Nicht unter den Premierengästen ist der Geschäftsführer der Bühnen Halle, Stefan Rosinski, ein erklärter Gegner der Opernleitung. Der sich nun am Ziel wähnen dürfte, denn in der Stellungnahme der Opernleitung zur Entscheidung heißt es, natürlich polemisch überspitzt: „Wir bedauern natürlich, dass heute in einer denkbar knappen Abstimmung die Entscheidung in Richtung eines Generalintendantenmodels unter der Leitung von Geschäftsführer Stefan Rosinski gefällt wurde.“

Die Besucherzahlen verbessern sich gerade

Schauspielchef Matthias Brenner wirft Rosinski „Übergriffigkeit, Vertrauensbruch und Störung des Betriebsfriedens“ vor. Sein Vertrag allerdings wurde bis 2026 verlängert, ebenso wie der von Christoph Werner, dem Leiter der Puppentheatersparte. Sie müssen also weiter mit dem früheren Berliner Opernstiftungs-Geschäftsführer Rosinski zusammenarbeiten.

Der traurige Witz an der Causa Halle: Die Besucherzahlen verbessern sich gerade, in dieser Spielzeit kann das Haus fast 60 000 Besucher nachweisen. Und mit Peter Konwitschnys Inszenierung von „Julius Caesar in Ägypten“ zur Eröffnung der Händelfestspiele im Mai kommt noch ein sicherer Knüller auf den Spielplan. In der Stellungnahme der künstlerischen Theaterleitung heißt es mit Blick auf die Geschäftszahlen von 2018: „Mit gut 1,14 Millionen Euro Einnahmen wurden nach heutigem Stand 80 000 Euro mehr Erlöse erzielt als im Wirtschaftsplan vorgegeben.“

Aber es waren wohl vor allem politische Überlebensinstinkte, die am Ende den Aufsichtsrat bewegten. Wobei die Frage erlaubt sein darf, ob eine geheime Abstimmung eigentlich angemessen ist? Warum wird so etwas nicht öffentlich im Stadtrat verhandelt? Im Mai stehen in Sachsen-Anhalt Kommunalwahlen an. Sowohl die CDU als auch die SPD fürchten erdrutschartige Verluste. Vielleicht lässt sich so erklären, warum man mit einem Entscheid gegen die Innovation im Theater Halle einer potentiellen AfD-Wählerschaft sozusagen „entgegenkommen“ möchte.

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