Flüchtlings-Doku „Eldorado“ : Falsches Paradies

Die Flüchtlinge heute und das Kriegskind von einst: Markus Imhoofs Dokumentarfilm „Eldorado“ basiert auf einem zutiefst humanistischen Ansatz.

Anke Westphal
Eine Frau findet Trost durch die Mitarbeiter der Mare Nostrum in einer Szene aus "Eldorado".
Eine Frau findet Trost durch die Mitarbeiter der Mare Nostrum in einer Szene aus "Eldorado".Foto: Peter Indergand, Majestic/zero one film

Im Jahr 1945 kommt die kleine Giovanna Viganò mit einem Kinderzug zur Familie Imhoof in die Schweiz. Das Mädchen ist unterernährt, ihr Vater in Stalingrad verschollen und die Mutter zu krank, um sich um die Tochter zu kümmern. Dass Giovanna während der letzten Monate des Zweiten Weltkriegs in die neutrale Schweiz reisen durfte, war Teil eines politischen Deals: Für jeden jüdischen Flüchtling in der Schweiz, der ein Visum nach Amerika und ein Schiffsticket hatte, wurde ein Durchreisevisum zum Hafen von Marseille gewährt, wenn die Schweiz als Gegenleistung drei unterernährte oder kranke Kriegskinder bei sich im Land auffütterte.

Es war die größte Kinderhilfsaktion während und nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Von 1940 bis 1945 profitierten rund 62 000 Minderjährige von diesen Aufenthalten. Wie alle Schweizer Familien erhielten auch die Imhoofs keine zusätzlichen Lebensmittelkarten für die Kinder. Sie teilten mit Giovanna, was sie eben hatten. Auf dieser Erfahrung tätiger Hilfe und selbstloser Menschlichkeit gründet der Dokumentarfilm „Eldorado“ des 1941 in Winterthur geborenen Regisseurs Markus Imhoof.

Das erste Bild von „Eldorado“ zeigt einen goldenen Hintergrund. Doch was zunächst den Reichtum eines Paradieses suggeriert, entpuppt sich als eine der Foliendecken, die den Geflüchteten nach ihrer Rettung aus dem Mittelmeer umgelegt werden: 70 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg suchen wieder Menschen in Europa nach Schutz. Imhoof folgt ihren Spuren. Er geht an Bord eines Schiffes der italienischen Marine, das im Rahmen der Aktion „Mare Nostrum“ operiert, in deren Verlauf mehr als 100 000 Menschen aus dem Mittelmeer geborgen wurden. Eine Woche nach den Dreharbeiten wurden die Rettungsaktionen aus Geldmangel und unter Druck rechter Parteien eingestellt.

Moderne Versklavung der Afrikaner

Die sogenannte Flüchtlingskrise ist für Imhoof Anlass, Fragen nachzuspüren, die ihn seit jeher beschäftigen. Es sind Fragen nach dem „Ich“ und dem „Uns“: Wer gehört zu „unserem“ Europa, und wer bestimmt darüber? Wohin führt der Weg der aus Afrika, Syrien, dem Irak und Afghanistan Geflüchteten? Das Material von „Eldorado“ wurde zwischen September 2014 und Mai 2016 aufgenommen; der Film dokumentiert die Ereignisse und offenbart dabei Zusammenhänge, die dem Zuschauer nicht alle bekannt sein dürften, obwohl wir fast täglich von neuen Vorfällen im Mittelmeer hören und lesen – und es schon Filme wie Gianfranco Rosis Berlinale-Gewinner „Seefeuer - Fuocoammare“ und Ai Weiweis „Human Flow“ gibt. In schier endlosen Reihen sitzen die 1800 Menschen hintereinander, welche die Besatzung der „San Giusto“ während der größten Rettungsaktion an Bord geholt hat. Ihre Individualität wird in der Maschinerie der humanitären Hilfe aufgerieben, sobald die Besatzung in ihren weißen Ganzkörperschutzanzügen die völlig erschöpften Bootsinsassen bei der Ankunft untersucht.

Giovanna, sagt Imhoof einmal, sei für ihn der Grund dafür, dass er hier auf dem Schiff ist, dass er für die Drehgenehmigung in einem aus Profitgier völlig überfüllten Flüchtlingslager kämpft und sich unter Lebensgefahr in ein illegales Camp begibt, dessen Bewohner für Hungerlöhne bei der Tomatenernte arbeiten oder – wenn es Frauen sind – sich prostituieren müssen. Von dieser modernen Versklavung der Afrikaner profitiert die Mafia. Später stellt ein Beamter der Schweizer Behörden quasi feierlich fest, dass er noch nie den Antrag eines Afrikaners positiv beschieden hätte.

„Eldorado“ basiert auf einem zutiefst humanistischen Ansatz. Es ist ein von Grund auf redlicher Film, aus der persönlichen Biografie heraus gedreht und angeschlossen an die globalen Entwicklungen. Im Wechsel von Erinnerungen an Giovanna und der Dokumentation von Ereignissen der jüngeren Vergangenheit bewahrt sich Markus Imhoof die Radikalität des Kinderblicks.

Möglich ist das wohl auch, weil in seiner Familie das Ausland immer eine große Rolle gespielt hat. Die Welt war ihm nie fremd. Der Vater hatte seine Dissertation über Auswanderer aus Europa geschrieben, die Mutter war in Indien geboren, eine Tante kam aus Odessa, eine andere lebte in Ägypten, ein Onkel in Kolumbien. Giovanna musste 1946 wieder zurück nach Mailand. Die Imhoofs hätten sie gerne länger behalten, aber der Schweizer Staat wollte tiefere Bindungen zu den Gastkindern gar nicht erst entstehen lassen. Dass dieses Mädchen in jungen Jahren in Mailand starb, haben die Eltern von Markus Imhoof, erzählt er im Film, nie verwunden.

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