Fontane für Kinder : Höchste Eisenbahn

Nasser Tod: Eine illustrierte Ausgabe von Fontanes Ballade „Die Brück’ am Tay“ von Tobias Krejtschi in der Reihe "Poesie für Kinder"

Fontane als Bilderbuch - von Tobias Krejtschi
Fontane als Bilderbuch - von Tobias KrejtschiIllustration: Tobias Krejtschi

Der Fortschritt war auf Schienen unterwegs, er wurde von Wasserdampf angetrieben. Vorwärts!, lautete die Parole. Die Eisenbahn brachte Bewegung in die Stagnationsjahre des 19. Jahrhunderts. Mit den Stahlrössern verband sich die Hoffnung auf eine bessere, gerechtere Welt. „Alles Ständische und Stehende verdampft“, schrieben Marx und Engels 1848 in ihrem Kommunistischen Manifest. Bald aber verlor der Optimismus an Schwung, der Umsturz ließ auf sich warten. Aus der Bahn wurde ein Massenverkehrsmittel, das Kontinente überspannte. Unfälle blieben nicht aus, es kam zu Katastrophen.

„Hei, das gibt ein Ringelreihn, / und die Brücke muss in den Grund hinein“, lässt Theodor Fontane in seiner Ballade „Die Brück’ am Tay“ die Hexen jubeln. Von der Brücke stürzt der „Edinburgher Zug“, das Unglück ist die Strafe für menschlichen Größenwahn, für seine Verblendung. „Tand, Tand / ist das Gebilde von Menschenhand!“, weiß die berühmte Verdammungsformel. Die drei Hexen hat der anglophile Dichter aus der ersten Szene von Shakespeares „Macbeth“ übernommen. Fontane arbeitete fast so schnell wie ein Reporter. Am 28. Dezember 1879 war die First-of-Tay- Brücke in Schottland zusammengebrochen und hatte dabei einen Zug mit 75 Menschen in den Tod gerissen. Das Gedicht erschien am 10. Januar 1880 in der Zeitschrift „Die Gegenwart“.

Der Hamburger Grafiker Tobias Krejtschi, der „Die Brück’ am Tay“ für die verdienstvolle Reihe „Poesie für Kinder“ des Kindermann Verlags illustriert hat, zeigt die Hexen mit Fisch- und Fuchsmasken, eine trägt eine Vogelmaske wie ein Pestdoktor. Im Kessel, in dem sie Ekliges zusammenbrauen, erscheint wellig wabernd die Lok. Dann wechseln rasant wie in einem Film die Szenen.

[Theodor Fontane: Die Brück' am Tay. Mit Bildern von Tobias Krejtschi. Kindermann Verlag, Berlin 2020. 24 Seiten. 18 €. Ab fünf Jahre.].

Im Brückenhaus warten langgesichtig die grauhaarigen Brücknersleut’ auf ihren Sohn, der mit dem Zug eintreffen soll. Bang blicken sie durchs Fenster in die Nacht, „sehen und warten, ob nicht ein Licht / übers Wasser hin ,Ich komme’ spricht“. Schnitt. Sohn Johnie, ein Gentleman mit Vatermörderkragen und Taschenuhr in der Weste, sitzt ungeduldig im Abteil: „Die Brücke noch! / Aber was tut es, wir zwingen es doch. / Ein fester Kessel, ein doppelter Dampf, / die bleiben Sieger in solchem Kampf.“ Er ballt die Faust, ein Technikgläubiger mit Tatendrang. Aber von wegen. Schnitt. Rampensteil ragt die Brücke hinauf, oben angekommen, fällt die Lok brennend hinab. „Und wieder ist Nacht.“

Krejtschi weiß, wie man Spannung auf die Spitze treibt. Er spielt mit Licht und Schatten, der Regen schneidet vertikal durchs Bild. Noch einmal sind die Hexen zu sehen, nun triumphierend. Der Zug hat sein nasses Grab im lilablauen Fluss gefunden, und im Abspann wird vorgeführt, wie das alles unters Volk gekommen sein könnte.

Ein Bänkelsängerpaar trägt zur Leierkastenmusik die Geschichte vom „Terrible Railway Disaster“ vor. Manche Blätter wirken wie collagiert, durch die gedämpften Farben schimmert körniger Grund. Krejtschi entwirft mit Bleistift auf Papier, die fertigen Bilder entstanden per Photoshop-Programm. Fontane kam durch die Bahn nicht zu Schaden. Sein Kollege Charles Dickens saß 1865 beim Eisenbahnunfall von Staplehurst im Zug. Zehn Reisende starben.

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