Frank Schätzing, Bestsellerautor : Der Flügelschlag der Algorithmen

Eine gewisse Vorhersehbarkeit: Wie es Frank Schätzing trotz schlechter Kritiken wieder einmal zu einem Nummer-eins-Bestseller geschafft hat.

Frank Schätzing, 60, Schriftsteller, in der Hand eine künstliche Intelligenz
Frank Schätzing, 60, Schriftsteller, in der Hand eine künstliche IntelligenzFoto: Oliver Berg/dpa

Ganz schön gewaltig, wie dieser Schmetterling jetzt mit seinen Flügeln schlägt. So unvermittelt, wie der Kölner Verlag Kiepenheuer & Witsch den „neuen Schätzing“ vor knapp zwei Wochen veröffentlicht hatte, so schnell „Die Tyrannei des Schmetterlings“ allüberall rezensiert worden war, so schnell und ohne Zwischenschritte ist der Roman nun auch das Buch der Woche auf dem Buchmarkt: „Frank Schätzing landet siebten Nummer-1-Bestseller“ vermeldete vor ein paar Tagen die GfK, die in Baden-Baden ansässige Gesellschaft für Konsumforschung, und zwar noch vor den in der selben Woche wie Schätzings Roman veröffentlichten neuen Krimis des Autorenduos Volker Klüpfel/Michael Kobr („Kluftinger“), Jussi Adler Olson („Selfies“) und Martin Walker („Revanche“).

Nun ist „Die Tyrannei des Schmetterlings“ im Feuilleton größtenteils verrissen worden. Von „Quantenquatsch mit Cowboysoße“ („FAZ“) über „als hätte eine erst halbvollendete KI wahllos alle Wikipedia-Artikel zum Thema KI verdaut“ („SZ“) bis zu „geringer Erkenntnisgewinn und Unterhaltungswert“ (Tagesspiegel) gingen die Urteile. Die scheinen aber in so einem Fall, also dem eines seit spätestens „Der Schwarm“ von 2004 eingeführten Bestseller-Autors niemand zu interessieren: Frank Schätzing ist eine eingeführte Marke. Sein jeweils neuer Roman wird immer sofort und blind gekauft, soll das Feuilleton ätzen, was es will. Selbst wenn andere, von Schätzing-Lesern- und -Leserinnen bevorzugtere Medien sich mit Jubelstürmen bedeckt halten, spielt das keine Rolle.

Der Verlag kauft Werbeflächen, schaltet Anzeigen, druckt 200.000 Exemplare

Diese abermalige Nummer-eins-Platzierung Schätzings ist insofern keine große Überraschung. Zumal der Verlag, auch das ist üblich, den Roman mit einer großen Druckauflage an den Start bringt, in Erwartung hoher Bestellzahlen des Buchhandels, in diesem Fall sind es 200 000 Exemplare. Und die liegen halt in großer Anzahl auf kaum zu übersehenden Verkaufstischen und landen schließlich, „ah, der neue Schätzing, der ist doch gut, den nehmen wir mal mit“, ohne großes Blättern oder gar Abwarten von Rezensionen im Einkaufskorb (den man sich als Bücher- und Literaturmensch ja immer gut gefüllt vorstellt, ist natürlich auch mehr so ein Wunschdenken, egal).

Ob bei der Lektüre aber doch manches Auge zufällt? Weil der versprochene Thriller trotz einiger durchaus fulminanter Kampf-Szenen im Mittelteil des Romans so gar nichts Thrillerhaftes und noch viel weniger Erkenntnisförderndes hat? Die Geschmäcker und Lektürevorlieben des Bestsellerpublikums sind manchmal unergründlich. Ob es „Die Tyrannei des Schmetterlings“ wirklich annimmt, werden jedoch erst die nächsten Wochen – die Buchcharts errechnen sich ja immer aus den Pro-Woche-Abverkäufen – und auch Jahre zeigen. Wenn nämlich der nächste „neue Schätzing“ erscheint und nur so im Mittelfeld der Charts landet. Gut möglich, dass dieser Schätzing-Roman (vielleicht mal übers Surfen? Oder Segeln?) dann einer ist, den die Literaturkritik richtig gelobt hat.

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