Freie Zeit in der Isolation : Die Kunst der Langeweile

Quelle der Kreativität und Sinnlichkeit: Die Literatur und die Philosophie haben die Langeweile schon früh als Kunstform des Lebens entdeckt.

Produktives Nichtstun: Bill Murray sucht in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ noch nach Inspiration.
Produktives Nichtstun: Bill Murray sucht in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ noch nach Inspiration.Foto: ddp images

Sie ist zurück. Viele Menschen erleben in diesen Corona-Tagen unfreiwillig das Comeback eines selten gewordenen Gefühls, das lange verscheucht und vertrieben war, das keinen Platz mehr in unserem Leben hatte: der Langeweile. Wahrlich nicht alle. 

Während Pflegerinnen, Lkw-Fahrer, Kassiererinnen und andere, deren „Systemrelevanz“ plötzlich erkannt wird (was sich hoffentlich in besserer Bezahlung niederschlägt) am Limit arbeiten und darüber hinaus, die Gesellschaft am Laufen halten und daneben noch Kinder betreuen, sind andere zurückgeworfen auf sich selbst, auf die eigenen vier Wände, bestenfalls noch das eigene Viertel. 

[Wenn Sie alle aktuellen Entwicklungen zur Coronavirus-Krise live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere runderneuerte App, die Sie hier für Apple-Geräte herunterladen können und hier für Android-Geräte.]

Der Radius zieht sich zusammen, die „Weltreichweite“, wie Soziologe Hartmut Rosa es nennt, schrumpft drastisch. Wenn die Arbeit im Homeoffice getan, die zehnte Netflix-Folge geguckt, das tolle neue Rezept ausprobiert ist, beginnt der Stundenbrei, fangen die Tage an, sich zu gleichen.

Langeweile. Es wirkt, als würde eine entfernte Verwandte plötzlich an der Tür klopfen. Eine Verwandte, die ganz sicher seit Beginn der Digitalisierung, wahrscheinlich schon lange vorher aus unserem alltäglichen Erfahrungshorizont verdrängt war, systematisch außer Betrieb gesetzt von einem Wirtschaftssystem, das die sofortige Befriedigung von Bedürfnissen immer weiter perfektioniert hat. 

Die Rettung, Ablenkung, emotionale Belohnung durch Likes und Emojis ist immer nur einen Klick entfernt, Geduld zu einer Ressource geworden, knapper als Klopapier

Und selbst minimale Wartezeiten an der roten Ampel oder der Supermarktkasse empfinden wir inzwischen als Irritation, ja Zumutung. Damit Langeweile entstehen kann, muss eine Zwangssituation gegeben sein, aus der man sich nicht ohne Weiteres entfernen kann. 

Die Entgrenzung der Welt, die vergleichsweise einfache Erreichbarkeit jedes Punkts der Erdoberfläche, die ständige Verfügbarkeit von Dingen hat dazu beigetragen, dass wir solchen Zwangssituationen immer seltener ausgesetzt sind. 

Vorläufig ist es mit diesen Freiheiten vorbei. Gelegenheit, Langeweile wieder schätzen zu lernen.

Interessant, dass es sprachlich keine gemeinsame Wurzel gibt, dass das Phänomen vielmehr sehr unterschiedlich benannt wird. Eine lange Weile: Der deutsche Begriff betont die zeitliche Dimension. 

Das englische „boredom“ hat handwerkliche Ursprünge, „bore“ als Bezeichnung für eine langsame, wenig inspirierende Tätigkeit dürfte mit „Bohren“ (von dicken Brettern) verwandt sein. Radikaler, emotionaler geht das Französische an sie Sache ran, hier wird Langeweile eindeutig als lästig abgelehnt. 

In „ennui“ steckt der Hass, das lateinische „inodiare“ (von „in odio esse“) bedeutet: ein Objekt des Hasses sein, jemandem verhasst sein. Gerade die französische Literatur hat sich, neben der russischen (Tschechow! Oblomow!) am häufigsten mit Langeweile auseinandergesetzt. 

Interaktive Karte

Flaubert macht sie zum Grundzustand seines Romans „Madame Bovary“, für Baudelaire gehört sie zu den Ingredienzen des „spleen“ des Großstadtmenschen. Sartre knüpft daran an in „Der Ekel“ mit der Figur des Einzelgängers Antoine Roquentin, der von der Sinnlosigkeit der menschlichen Existenz angewidert ist.

Wir wissen nicht, ob die Antike ein Konzept von Langeweile kannte, aber in den Fokus von Philosophen und Schriftstellern scheint sie erst mit der Aufklärung und der beginnenden Moderne zu rücken. 

Der mittelalterliche Mensch, darf man mutmaßen, fühlt sich noch aufgehoben in einem umfassenden religiösen Seins- und Sinnzusammenhang. 

Blaise Pascal (1623-1662), vor allem bekannt für sein Bonmot „Das ganze Unglück der Menschen rührt allein daher, dass sie nicht ruhig in einem Zimmer zu bleiben vermögen“, gilt als erster Denker, der die Langeweile philosophisch untersucht: „In der vollkommenen Ruhe“, schreibt er in den „Pensées“, werde „der Mensch sein Nichts fühlen, seine Preisgegebenheit, seine Unzulänglichkeit, seine Abhängigkeit, seine Ohnmacht, seine Leere“. 

Pascal sieht (noch) in Gott die einzige Instanz, die diesen unendlichen Abgrund füllen kann. Kein Wunder, dass später vor allem Existenzialisten wie Schopenhauer und Kierkegaard diesen Ball aufgreifen, ist doch die Langeweile genau der Zustand, in dem sich der Mensch der letztlichen Zufälligkeit seines Daseins, Heideggers „Geworfenheit“, schmerzhaft bewusst wird. 

Heidegger ist es auch, der der Langeweile, vor allem in „Die Grundbegriffe der Metaphysik“ (1929), die umfassendste denkerische Aufmerksamkeit widmet; er unterscheidet das „Gelangweiltwerden von etwas“, das „Sich-Langweilen bei etwas“ und, am fundamentalsten, die „tiefe Langeweile als das ,es ist einem langweilig‘“. 

Prokrastinieren sei der Weg zu den besten Ergebnissen, meint Monty-Python-Legende John Cleese.
Prokrastinieren sei der Weg zu den besten Ergebnissen, meint Monty-Python-Legende John Cleese.Foto: Fabrizio Bensch/Reuters

War es ein Modethema der zwanziger Jahre? Auch Thomas Mann hat 1924 der Langeweile in seinem großen Zeitroman „Der Zauberberg“ ein eigenes Kapitel gewidmet, betitelt „Der große Stumpfsinn“. 

Sie dient hier dazu, die Sackgasse, in die die bürgerliche Gesellschaft 1914 geraten war, atmosphärisch zu beschwören: „Hans Castorp blickt um sich ... Er sah durchaus Unheimliches, Bösartiges, und er wusste, was er sah: das Leben ohne Zeit, das sorg- und hoffnungslose Leben, das Leben als stagnierende betriebsame Liederlichkeit, das tote Leben.“

Offenbar ist Langeweile nicht nur vor, sondern auch nach einem großen Krieg ein prägendes Lebensgefühl. Nach 1945 sind bedeutende Bücher erschienen, die sich mit der Erfahrung gedehnter Zeit, des Warten-Müssens, der existenziellen Sinnlosigkeit menschlichen Daseins auseinandersetzen, am berühmtesten natürlich Becketts „Warten auf Godot“ (1948). 

Verschwinden der Langeweile

In Deutschland nahezu unbekannt, gilt Gerard Reves Debütroman „De Avonden“ („Die Abende“, 1947) als einer der bedeutendsten niederländischen Romane überhaupt. 

Reve schildert zehn Tage aus dem Leben des 23-jährigen Bürogehilfen Frits van Egters und lässt in der Sorgfalt, die er auf die Beschreibung von Belanglosigkeiten verwendet, keine Illusionen aufkommen, nach der Katastrophe könne es so etwas wie Aufbruch, Zuversicht oder Zielgerichtetheit geben.

Heute scheint das Verschwinden der Langeweile als literarisches Motiv – von Ausnahmen wie Wolfgang Herrndorfs Roman „Tschick“ abgesehen, in dem die Protagonisten allerdings durchaus die Möglichkeit haben abzuhauen – mit dem Verschwinden der Langeweile zu korrespondieren. 

Erfolg durch Prokrastination

Vielleicht könnte die Coronakrise, bei allen schrecklichen Folgen, wenigstens dies bewirken: die teilweise Rehabilitation der Langeweile als einer Haltung zur sinnlich erfahrbaren Welt. Denn so negativ, wie sie in Literatur und Philosophie oft besetzt ist, muss sie nicht sein. 

Und selbst dort ist ihre Beurteilung ambivalent. In der „Fröhlichen Wissenschaft“ kommt Nietzsche zu dem Ergebnis: „Für den Denker und für alle empfindsamen Geister ist Langeweile jene unangenehme ,Windstille‘ der Seele, welche der glücklichen Fahrt und den lustigen Winden vorangeht.“

Der Langeweile in der Kunst steht die Langeweile als Kunst gegenüber. Monty-Python-Legende John Cleese hat vor einigen Jahren in Kreativitätskursen gelehrt, dass das Prokrastinieren – also das Aufschieben von Aufgaben, das „Backenlassen“ von Ideen, die Langeweile, während der Geist auf Wanderschaft geht – zu den besten Ergebnissen führen kann. 

Der aktuelle Corona-Ausnahmezustand wäre dann eine Chance: Langeweile wieder zuzulassen, sich ihr zu öffnen, das unvoreingenommene, interesselose Betrachten der Welt, wie es etwa der Flaneur praktiziert, zu üben. Langeweile als Portal, als Durchgang und Ausgangspunkt, als Quelle von Kreativität.

Einer, dem das Flanieren – das man im Übrigen schon immer allein, im gehörigen Abstand zu anderen unternommen hat – wahrlich nicht fremd war, Walter Benjamin, hat im „Erzähler“-Aufsatz die vielleicht schönste Formulierung dafür gefunden: „Wenn der Schlaf der Höhepunkt der körperlichen Entspannung ist, so die Langeweile der geistigen. 

Die Langeweile ist der Traumvogel, der das Ei der Erfahrung ausbrütet. Das Rascheln im Blätterwalde vertreibt ihn.“ Also: vielleicht nicht sofort auf den nächsten Newsfeed stürzen, lieber das gefiederte Wesen noch eine, nun ja, lange Weile festhalten. Denn wahrscheinlich wird die ferne Verwandte, sobald sich das Leben wieder normalisiert hat, sehr schnell nur noch ferne Erinnerung sein.


Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!

1Kommentar

Neuester Kommentar