Ist die Begeisterung bei Straßenprotesten eine Form der Transzendenz, Herr Joas?

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"Fridays for Future" als Religion? : Alle verehren Greta
Sendungsbewusst. Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg am Freitag auf der Piazza del Popolo in Rom.
Sendungsbewusst. Die 16-jährige Klimaaktivistin Greta Thunberg am Freitag auf der Piazza del Popolo in Rom.Foto: AFP/Filippo Monteforte

Vielleicht ist das Quasi-Religiöse an „Fridays for Future“ auch die Begeisterung im Kollektiv, das Gefühl, man wachse durch die Bewegung über sich hinaus …
Ich möchte nicht bestreiten, dass man sich durch das Gemeinschaftserlebnis auf Demonstrationen über sich selbst hinausheben kann. Doch gilt das leider für Demonstrationen aller Art. Also auch für die Attacke auf Einwanderer.

Ist das auch eine Art Rauschzustand?
Ja. Aber es besagt noch nichts über die moralische Bewertung …

Kann durch diese Form der Transzendenz, um es nochmals in einen religiösen Begriff zu fassen, politische Macht entstehen?
Gesellschaften sind darauf angewiesen, die Quellen der Begeisterung zum Fließen zu bringen – ob in religiöser oder politischer Hinsicht. Nicht jede Art von Begeisterung ist aber gut. Ich möchte die Schülerdemonstrationen nicht voreilig zu einem neuen historischen Phänomen stilisieren. Es gibt in allen Gesellschaften spontane Phänomene, in denen aus Charisma-Hunger einzelne Figuren zu Charismatikern werden. Oft nur für kurze Zeit. Wenn eine Bewegung andauert, entgeht keine der Institutionalisierung, dem, was Weber die Veralltäglichung des Charismas nennt.

In Ihrem Buch befassen Sie sich auch mit der Entstehung von Idealen, mit der Unterteilung der Welt durch den Menschen in gut und schlecht. Wie funktioniert das?
Das Heilige, wie ich es verstehe, ist weder moralisch gut noch schlecht. Auch das Schlechte, sprich das Teuflische und Dämonische erfüllt die Bedingung hoher emotionaler Aufladung. Das, was dabei tief emotional packend ist, kann nun selber zu der moralischen Überlegung führen: Darf ich mich von dem, was mich da packt, packen lassen? Oder ist das die Verführung zu etwas Bösem? Ideale sind das Ergebnis einer solchen Reflexion über das Heilige. Sie bewerten, ob das, was ich als heilig erlebt habe, gut ist und Bindekraft für mich und andere haben sollte oder nicht. Deshalb steckt da auch leicht etwas Missionarisches drin. Denn habe ich das einmal erkannt, möchte ich auch, dass andere sich anschließend fügen.


Der Religionssoziologe Hans Joas lehrt unter anderem an der Humboldt-Universität Berlin.
Der Religionssoziologe Hans Joas lehrt unter anderem an der Humboldt-Universität Berlin.Foto: imago/ Wolf P. Prange

Ein junger Mensch geht zu einer Demonstration, er empfindet die Situation als intensiv und emotional und leitet daraus eine moralische Vehemenz ab …
Klar. Aber vieles hier ist ein typisches, sympathisches Phänomen der Jugend. Mir erschließt sich allerdings die Verehrung von Greta Thunberg nicht. Ich kann es begreifen, aber nicht nachempfinden. Das ist bei Charisma-Phänomenen ganz normal. Auch politisch kann ich die Begeisterung für „Fridays for Future“ freilich nicht ganz nachvollziehen.

Warum?
Man kann den kompromisslosen Idealismus, zu dem Jugendliche neigen, in Hinsicht auf die Motivationskraft begrüßen. Man entkommt aber nicht der Frage, welche Kompromisse eingegangen werden müssen, damit die Forderungen friedlich und realistisch gelebt werden können. Mich stört es, wenn die Demonstranten die Arbeitsplatzinteressen etwa in der Lausitz nicht genügend ernst zu nehmen scheinen. Es liegt in der Verantwortung von Politikern und allen Erwachsenen, den Jugendlichen das entgegenzuhalten. Es ist gespenstisch, wenn das ausbleibt und man sich einfach anbiedert.

Ist eine Entzauberung notwendig?
Jedenfalls sollten diese Klimaproteste nicht so idealisiert werden, wie es in den Medien derzeit geschieht.

Der Sozialphilosoph Hans Joas, 1948 in München geboren, lehrt an der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität Berlin und an der Universität von Chicago. Der Ernst-Troeltsch-Honorarprofessor widmet sich in seinen Forschungen Fragen von Religiosität und Wertewandel. Zuletzt erschien 2017 bei Suhrkamp sein Buch "Die Macht des Heiligen. Eine Alternative zur Geschichte von der Entzauberung".

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