Frühbarock im Pierre Boulez Saal : Sinnenfreuden

Das Ensemble Europa Galante um Fabio Biondi und der Tenor Ian Bostridge präsentieren die Vielfalt des Frühbarock im Pierre Boulez Saal.

Europa Galante im Pierre Boulez Saal.
Europa Galante im Pierre Boulez Saal.Foto: Peter Adamik

Ein „kurtzweilig Quodlibet“, um mit dem Untertitel des ungewöhnlichsten Werkes des Abends zu sprechen, stellt dieses Programm des Originalklang-Ensembles „Europa Galante“ im Pierre Boulez Saal dar. Beleuchtet wird der stile moderno, der im 17. Jahrhunderts die Polyphonie der Renaissance durch einen von vertikalen Akkorden gestützten Melodiesatz ablöste. Dabei entstanden Vorformen der Oper, als deren Hauptmeister Claudio Monteverdi gilt. Ian Bostridge ist der berufene Interpret des „Combattimento di Tancredi e Clorinda“ aus den „Madrigali guerrieri ed amorosi“: Im Kampf tötet der Kreuzritter Tancredi seine Geliebte, die als Mann verkleidete Sarazenin Clorinda. Dass er ihr noch schnell die Taufe verpasst, soll mit der blutrünstigen, so bildhaft wie sensibel vertonten Geschichte versöhnen. Da klirren die Schwerter im Cembalogerassel, seufzen die Streicher, tut sich der Himmel auf mit Harfe und Theorbe. Bostridge glänzt mit buchstäblich atemberaubender, heftig akzentuierter Koloratur und rührt mit gedehnten Kantilenen in todtraurigem Pianissimo.

70 Jahre später dominieren in Henry Purcells Trauergesang auf den Tod von Queen Mary II. edles Espressivo und formale Geschlossenheit, während der Sänger in Monteverdis „Tempro la cetra“ (Ich stimme die Leier) zum üppig-besinnlichen Instrumentalklang quasi „freie Rede“ betreibt. Mit geschmeidiger Präzision und reicher Farbpalette bilden die sieben Musiker um den behutsam leitenden Geiger Fabio Biondi ein schönes Pendant zum souverän gestaltenden Gesang. In Dario Castellos „Sonata à quattro“ gehen Violinen und Viola reizvolle Hell- Dunkel-Kontraste mit dem „grundierenden“ Klangapparat ein. In drei Stücken aus Girolamo Frescobaldis „Fiori musicali“ trifft volkstümlicher auf gelehrten Stil, immer wieder musikantisch-tänzerisch aufgehellt. Vollends vom Reichtum der Alten Musik kündet Carlo Farinas „Capriccio stravagante“, das als "kurtzweilig Quodlibet" mit unscharf landenden Glissandi, diskreten Dissonanzen und allerlei Lautmalereien bis zum Katzenmiauen aufwartet.

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