Galerie Haverkampf in Charlottenburg : Die Unordnung der Dinge

Skurrile Zukunftsvisionen und mystische Nachthimmel: Die Galerie Philipp Haverkampf zeigt Werke der Künstlerinnen Lois Dodd und Okka-Esther Hungerbühler.

Laura Storfner
Grünfläche. „Grass Web“ von Lois Dodd.
Grünfläche. „Grass Web“ von Lois Dodd.Foto: Haverkampf, Berlin / Alexander Gallery, NYC

Nicht mehr als zwanzig Minuten braucht Lois Dodd für eine ihrer Momentminiaturen: Sie malt sie nicht auf Leinwand, sondern nutzt kleine Aluminiumplatten, sogenannte Flashings, als Bildgrund. Material, das eigentlich zum Abdichten von Dächern gedacht ist. Was andernorts Löcher stopft, schließt – sobald Dodd es in die Hand nimmt – ungeahnte Lücken in unserer Wahrnehmung.

Wie Postkarten sind ihre Gemälde (je 6900 Euro) auf einem Wandvorsprung der Galerie Philipp Haverkampf aufgereiht. Doch statt Sehenswürdigkeiten zeigt Dodd Ansichten, die infrage stellen, was der Mensch als sehenswürdig begreift. Ihre Kleinformate sind Lebenszeichen, die das Alltägliche in den Mittelpunkt rücken. Bilddepeschen, die den Tag dokumentieren, ohne seinen Verlauf zur Story zu machen. Wo jeder Moment auf Social-Media-Verwertbarkeit abgeklopft wird, hält Dodd inne und schlägt vor, mal zur Abwechslung die Augen aufzumachen. Sie lenkt den Blick durch geöffnete Scheunentore in ruhige Landschaften, zoomt Lavendel und Klee heran. Ihre Gemälde sind Sehgewohnheiten im Wortsinn: Sie zeigen, was vertraut ist, und überraschen doch, weil sie ausstellen, was wir kontinuierlich übersehen. Dabei scheinen Dodds Momentaufnahmen immer, als würden sie sich gleich in Abstraktion auflösen. So wirkt der bewölkte Nachthimmel der Malerin, die auch gelernte Textildesignerin ist, als wäre er mit Vichy-Karos übersät.

Kaum zu glauben, dass diese unaufgeregten Lebensausschnitte von einer Frau stammen, die in den Fünfzigerjahren eine der aufregendsten Produzentengalerien New Yorks mitbegründete. In der Tanager Gallery stellten Größen wie Alex Katz und Philip Pearlstein aus, viele der Künstler wurden zu Dodds Freunden. Gemeinsam verbrachten sie die Sommer in Maine und malten im Freien. Maine ist die 92-Jährige bis heute treu geblieben, dem Arbeiten en plein air ebenfalls.

Apokalypse Skiurlaub

Die Welt, wie Dodd sie sieht, ist bei Okka-Esther Hungerbühler längst ausgelöscht. Stattdessen skizziert Hungerbühler, Jahrgang 1988, skurrile Zukunftsvisionen zwischen Klimakatastrophe und LSD-Trip. In ihren gemalten „Weltuntergängen“ (je 2500 Euro) werden Denkmäler wie der Kölner Dom von Lawinen mitgerissen, während Palmen und Champagnerflaschen auf Skiern Berge hinunterwedeln – alles überschattet von einem vagabundierenden Todesplaneten. In der Lust am Chaos liegt auch ein Misstrauen gegen die geordnete Welt: Denn ist nicht Skiurlaub, die Spießerhölle schlechthin, schon eine Form der Apokalypse?

Vielleicht lässt gerade diese Melancholie Hungerbühlers Skulpturen, ihre kaum hüfthohen robotisierten Figuren, so herzzerreißend wirken. Wenn etwa der „Verkehrspolizist 1“ den Weg ins Nirgendwo weist, will man sich sofort hinunterbeugen, um diesem Dingwesen nah e zu sein. Hungerbühlers Materialien – Geschenkpapier, Tesafilm, Glitterbordüren – verstärken den Effekt: Luxus und Funktionalität werden lediglich imitiert, der Dilettantismus zahlt auf die Drolligkeit ein. Hungerbühler kreiert eine Atmosphäre wie Kindergeburtstage im Märchenwald. Niedlich ist ihr Ensemble aber nur auf den ersten Blick: Innen hohl, drehen sich ihre Skulpturen bisweilen jaulend um die eigene Achse. Wohl fühlt sich hier schon lange niemand mehr.

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Galerie Haverkampf, Mommsenstr. 67; bis 25.5., Mi–Fr. 11–18 Uhr, Sa 11–16 Uhr

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