Gedichte von Jan Koneffke : Der Postbus hupt am First

Jan Koneffke schreibt in dem vierteiligen Gedichtband „Als sei es dein“ über seine Studienzeit in Ost-Berlin und sein Leben in Rumänien.

Bukarest, Wahlheimat von Jan Koneffke und Ortsmarke in seinem Gedichtband.
Bukarest, Wahlheimat von Jan Koneffke und Ortsmarke in seinem Gedichtband.Foto: Birgit Zimmermann/dpa-Zentralbild/dpa

„Vertrieb mir meine Zeit / in bundesdeutscher Ahnungslosigkeit“: Dieses selbstironische Fazit zieht der Lyriker, Romancier und Publizist Jan Koneffke aus seiner Berliner Studienzeit Mitte der 1980er Jahre. Der gebürtige Darmstädter verbrachte sie in einer Friedenauer WG, in Wahrheit aber im „Luftreich Schwung und Schwarm“. Seine Mitbewohner waren neben zwei Katzen ein vollbärtiger Chemiestudent, dessen nächtliche Laugen-Experimente die Abflussrohre angriffen, sowie eine „rechthaberische Amerikanistin / Satzdrechslerin Spottdrossel Brillenschlange“; ihre Schreibmaschinennotate fanden offenbar Abnehmer in Ost-Berlin. Über fünf Seiten erstreckt sich dieser autobiografische Rückblick, der sich zwischen entrückter Zeitkapsel mit dezentem Lokalkolorit und einer Ballade der Alltagsschönheiten und Grausamkeiten bewegt.

Das Vertrauen, das Jan Koneffke in klassische Reimformen und deren persuasives Vermögen steckt, ist erstaunlich und reißt beim Lesen immer wieder mit. So kleidet der romanophile einstige Villa-Massimo-Stipendiat seine aus politischen Gründen nicht immer ungetrübte Liebe zur Wahlheimat Rumänien in einen berückenden Kreuzreim. Dieser erinnert wiederum an rote Kreuzstichmuster auf weißen Trachtenblusen: „in dieses Land versprengt wer weiß warum / zerknack ich Sonnenblumenkerne ratlos / und halte mich in den Karpaten krumm / an Bohnenmus und Bauernregeln schadlos“. Die alte BRD, Rom, Belgrad, Bukarest und der Karpatenbogen sind einige Ortsmarken, an denen sich die Reflexionen des vierteiligen Gedichtbandes „Als sei es dein“ entspinnen. Die Melancholie des lyrischen Ichs, die sich aus teils schmerzhaften Erfahrungen speist, hält sich dabei stets die Waage mit einer ansteckenden Freude am Aufbruch: „hupender Postbus am First / pack deine Sachen spring auf der du bist / ist der du gewesen sein wirst“.

Jan Koneffke: Als sei es dein. Gedichte. Wunderhorn Verlag, Heidelberg 2018. 96 Seiten, 19,80 €.

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