Georg Kolbe Museum : Von Wind und Wellen geschliffen

Bildhauerinnen der ersten Stunde: Das Kolbe Museum widmet sich zehn Künstlerinnen der Berliner Moderne.

(Frau und Hund. Renée Sintenis schuf auch den Berlinale-Bären (Ausschnitt).
(Frau und Hund. Renée Sintenis schuf auch den Berlinale-Bären (Ausschnitt).Foto: Jaro von Tucholka/Archiv Georg Kolbe Museum

Käthe Kollwitz lacht in die laufende Kamera. Für den Filmemacher Hans Cürlis hat sie ihr Zeichenbrett raus auf den Balkon ihrer Wohnung im Prenzlauer Berg getragen. Die Bildhauerin Renée Sintenis filmte der Dokumentarist ebenfalls bei der Arbeit. Schnell und sicher biegen ihre Hände Drähte zu einem groben Körpergerüst, formen darauf aus Tonklumpen den liegenden Tierkörper. Das dauert nur wenige Minuten, schon spitzt das stilisierte Reh aufmerksam die Ohren, lebt. Die beiden Künstlerinnen gehörten in den zwanziger Jahren zur Crème der Berliner Kunstszene. Sonst hätte Cürlis sie nicht gefilmt. Auch die anderen acht Frauen der Ausstellung „Die erste Generation. Bildhauerinnen der Berliner Moderne“ waren erfolgreich.

Die Ausstellung im Georg Kolbe Museum macht auf ein Phänomen aufmerksam, das schon den Zeitgenossen auffiel, heute aber fast vergessen ist. In den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg rückten die Frauen im Bildhauermetier nach. Unerschrocken und hartnäckig, ungeachtet schwieriger Ausbildungssituation und lästiger Widerstände aller Art waren sie Jahr für Jahr in der Secession und auf anderen maßgeblichen Plattformen mit eigenständigen Arbeiten präsent.

Allein im Atelierhaus Siegmundshof in Tiergarten arbeiteten seit 1910 18 verschiedene Bildhauerinnen, darunter auch Käthe Kollwitz. Die gestandene Kritikerriege reagierte mit Häme oder herablassend auf die Newcomerinnen. Aber Sammler zeigten sich aufgeschlossen und verschafften den Bildhauerinnen ein teilweise beachtliches Einkommen. Vor allem Sintenis profitierte dabei vom Engagement ihres Galeristen Flechtheim. Milly Steger konnte, unterstützt vom einflussreichen Museumsmann Karl Ernst Osthaus, in Hagen als Stadtbildhauerin überlebensgroß in Stein arbeiten. In der Ausstellung zu sehen sind aber fast durchweg handliche Statuetten und Kabinettformate. Dies dokumentiert auch die Vorlieben von Sammlern. Das Gros der rund 100 Exponate entstammt einer einzigen Berliner Privatsammlung.

Die Arbeiten sind frei, modern und expressiv

Erst ab 1919 hatten Frauen die Möglichkeit, an einer Akademie zu studieren. Diese Pioniergeneration konnte davon also noch nicht profitieren. An teuren Privatakademien oder Kunstgewerbeschulen verschafften sich die Frauen ihr Rüstzeug. So gerieten sie gar nicht erst ins Fahrwasser offizieller wilhelminischer Bildhauerei. Ihre ausgestellten Arbeiten zeigen sich von Anfang an frei, modern, oft expressiv und reflektieren die vielfältigen Stilformen der Zwanziger. Statt naturalistische Details herauszuarbeiten, formten Bildhauerinnen wie Milly Steger, Marg Moll und Emy Roeder klarlinige Körper, deren gespannte Oberflächen geometrische Schärfe gewinnen. Im Zurückschwingen der Oberkörper, Sich-Heben der Füße und grazilen Ausgreifen der Arme versetzt Stegers Tänzerinnenduo gleich den ganzen Raum mit in Schwingung. Ihre späten Holzskulpturen der Vierziger dagegen verharren starr und steif im Block, ganz nach innen gewandt, in Wartestellung.

Marg Molls „Liebespaar“ stammt von 1928 (Ausschnitt).
Marg Molls „Liebespaar“ stammt von 1928 (Ausschnitt).Foto: G. Ladwig

Emy Roeder wich in der NS-Zeit nach Italien aus und gestaltete nun verstärkt Tiermotive: ein Themenfeld, das viele Bildhauerinnen anzog. Es galt in der frühen Moderne nicht als harmlos, sondern bot die Chance, der inhaltlich überfrachteten wilhelminischen Skulpturentradition zu entkommen. Sintenis schätzte die herbe Ausdrucksschönheit von Tierkörpern ohnehin mehr als die menschliche Figur. Ihren Berlinale-Bären halten jedes Jahr aufs Neue die Gewinner in der Hand. Ihre kräftig-zarte „Daphne“, die es in einer Version von 1930 bis ins Museum of Modern Art in New York schaffte, bleibt trotzdem unübertroffen. Die mythische Königstochter entzieht sich männlichem Zugriff durch Verwandlung ins Vegetabile. Beim Herumgehen wird das kräftig gekerbte Rückgrat sichtbar, das wie eine dynamische Kraftlinie die ganze Erscheinung durchpulst.

Ein lebensgroßes Schwein, ihre bekannteste Skulptur

Louise Stomps’ Skulptur „Sitzende“ von 1928 ruht massig wie ein Kiesel im grünen Sandstein, aus dem sie gehauen ist: wie von Wellen und Wind beschliffen. Mit ihren Nachkriegsarbeiten zielte die Bildhauerin noch stärker ins Abstrakte. Dass die Schriftstellerin Christa Winsloe auch als Bildhauerin gearbeitet hat, ist wenig bekannt. Sie schrieb pointierte Gesellschaftsanalysen und die Romanvorlage für den lesbisch grundierten Coming Of Age-Film „Mädchen in Uniform“ von 1931. Ihre bekannteste Skulptur war ein lebensgroßes Schwein. Ausgestellt sind treffend modellierte Hamster und andere Nager. Sie stammen aus dem Nachlass.

Christa Winsloe, undatiertes gelbes Meerschweinchen.
Christa Winsloe, undatiertes gelbes Meerschweinchen.Fotos: Enric Duch

Den Stifter James Simon beeindruckte die Bildhauerin Tina Haim-Wentscher derart, dass er nicht nur sein eigenes Bildnis, sondern auch eine originalgetreue Kopie der Nofretete bei ihr in Auftrag gab. Kein anderes Objekt der Berliner Gipsformerei wurde häufiger bestellt. Viele ihrer anderen Arbeiten sind nur noch in historischen Fotografien präsent. Das Verschwinden ganzer Oeuvres macht die Erforschung der Künstlerinnen heute zur Detektivarbeit. Manches taucht überraschend im Kunsthandel auf. Oder unter der Erde: Bei einem spektakulären Skulpturenfund vor dem Berliner Rathaus 2010 barg man aus dem Bombenschutt auch Plastiken von Emy Roeder, die seinerzeit als „entartet“ beschlagnahmt wurden.

Den Bildhauerinnen selbst hätte die rein weibliche Präsentation vielleicht nicht recht behagt: „Den Begriff ,Frauenkunst‘ möchte ich für mich ablehnen“, äußerte Milly Steger. „Es gibt nur eine Kunst, so wie es nur eine Mathematik gibt.“

Eines aber fällt auf: Dem passiven Ideal klassischer Weiblichkeit verweigern sich die Frauenbilder, die diese Künstlerinnen formten. Hier wird nicht im Stil einer hingegossenen Venus herumgelegen. Wenn Jenny Wiegmann-Mucchi die Liegefigur eines jungen Mädchens modelliert, dann streckt sich das Modell von feiner Körperspannung gestrafft so aktiv, dass ihr Körper kaum den Boden berührt. Meist stehen die Figuren aufrecht, sie sitzen, hocken und tanzen, oft offenkundig inspiriert vom seinerzeit boomenden Ausdruckstanz. Sie testen neue Posen. Das war es aber auch schon mit den Gemeinsamkeiten.

Georg Kolbe Museum, Sensburger Allee 25, Westend, bis 17. Juni, täglich 10-18 Uhr, ein Katalog erscheint im April

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