Günter Kunerts „Ohne Umkehr“ : Das große Unglücksspiel der Kräfte

Gegen den geistigen Stillstand: Günter Kunert setzt seine pessimistischen Aufzeichnungen mit dem Band „Ohne Umkehr“ fort.

Wend Kässens
Günter Kunert, geboren 1929 in Berlin
Günter Kunert, geboren 1929 in BerlinFoto: Carsten Rehder/picture alliance / dpa

Seit über 40 Jahren schreibt der Lyriker, Erzähler und Essayist Günter Kunert als selbst erklärter Chronist „signifikanter Unsäglichkeiten“ an seinem „Big Book“ aus Maximen, Reflexionen und tagesaktuellen Aufzeichnungen. Geprägt durch seine jüdische Abstammung und eine, wie er einmal sagte, „staatlich verpfuschte Kindheit“ in Nazideutschland, dann als von Becher und Brecht geförderter Schriftsteller, der skeptisch die Verheißungen des real existierenden Sozialismus in der DDR beäugte und schließlich gegen die Biermann-Ausweisung protestierte, übersiedelte er 1979 in die schleswig-holsteinische Provinz.

Dort stilisierte er sich zur „männlichen Kassandra von Kaisborstel“, einer kleinen Gemeinde bei Itzehoe. „Meine Angst hat sich rapide verringert, aber meine Befürchtungen sind gewachsen“, erklärte er damals. Seither hat Kunert zahlreiche Ausschnitte aus seinem „Big Book“ veröffentlicht. 2001 erschien „Nachrichten aus Ambivalencia“, drei Jahre später „Die Botschaft des Hotelzimmers an den Gast“ mit Texten aus drei Jahrzehnten: Nachrichten aus einer Welt, in der der Dreck unter den Teppich gekehrt wird und der Horizont aus Kulissen besteht. 2013 folgte „Tröstliche Katastrophen“ mit Aufzeichnungen aus den Jahren 1999 bis 2011, die mit Versen des Barockdichters Friedrich von Logau enden: „Weistu, was in dieser Welt / Mir am meisten wolgefällt? / Dass die Zeit sich selbst verzehret / Und die Welt nicht ewig wehret.“

Inzwischen steht Kunert im 90. Lebensjahr. Der Titel des neuen Bandes lautet nüchtern „Ohne Umkehr“, und er beginnt so: „Warum schreiben Sie das alles, Herr Kunert? Auf Sie hört doch keiner.“ Die Antwort: „Es gilt das Denken in Bewegung zu halten, geistigen Stillstand zu vermeiden, um in der Auseinandersetzung mit der unsichtbaren Allgemeinheit, von der man nur die erste Silbe tilgen muss, ihren wahren Charakter zu entdecken.“ Es ist die süffisante Eröffnung einer Tour d’horizon durch ein Leben in skeptischer bis schmerzhafter Menschen- und Weltwahrnehmung. Noch immer ist Kunert klar im Denken, frei im Offenbaren eigener Blößen und deutlich in der Formulierung von unbequemen Meinungen. Es öffnet sich ein Assoziationsraum rund um das gelebte und ungelebte Leben, in dem Kunert noch einmal Vergangenheit und Gegenwart in Reflexionen, Erinnerungen, (Alb-)Träumen und Geschichten durchmisst. Er erkundet ein Ich, das wie sein Vorbild Montaigne von Geschehnissen und ihren Widersprüchen so bewegt ist, dass er nicht aufhören kann, davon zu berichten.

Kunert traut der Fiktion nicht mehr

Das Ganze ist ein unterhaltsames, mitunter provokantes Anrennen gegen unser pseudobuntes Dasein in Ignoranz, Gleichmut, Verdrängung und Ablenkung. Holocaust, Bombenkrieg und Nachkriegszeit haben darin ebenso Platz wie der Bosnienkrieg, der Ukrainekonflikt und das aggressive Russland im „Unglücksspiel der Kräfte“. Angesichts von Kriegen, Völkermorden, Armut und Hungersnot rückt die Flüchtlingsproblematik zwischen Verständnis und Ablehnung in den Fokus. Kunert fragt sich, wie Islam und Islamismus zusammenhängen, auch Überbevölkerung und das Zerfallen von Nationen und Völkern werden diskutiert. Es geht um angebliche Werte, hinter denen sich oft nur materielle Interessen verstecken, und um die Probleme der Digitalisierung, die politische Einflussnahme durch Fake News, Denunziation und öffentliche Vorverurteilung. Um die Überalterung unserer Gesellschaft, politische Stagnation, den Verlust von Heimat, wachsenden Antisemitismus, die zunehmende Fremdheit im eigenen Land.

Als Pessimist sieht Kunert schwarz – aber er nennt die Sprache seine eigentliche Heimat. Der Fiktion traut er nicht mehr, „die Realität hat alle Fantasie übertroffen“. Diese Aufzeichnungen werden manchen unter die Haut gehen und andere verärgern. Günter Kunert kann sich nicht mehr wünschen.

Günter Kunert: Ohne Umkehr. Erinnerungen für morgen. Wallstein Verlag, Göttingen 2018. 169 Seiten, 20 €

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