Günter Rohrbach wird 90 : Das Lachen der Erkenntnis

Er ist Fernsehpionier, Kinoliebhaber und Widerspruchsgeist: ein Glückwunsch zum 90. Geburtstag des Filmproduzenten Günter Rohrbach.

Günter Rohrbach, am 23. Oktober 1928 im saarländischen Neunkirchen geboren.
Günter Rohrbach, am 23. Oktober 1928 im saarländischen Neunkirchen geboren.Foto: Imago

Das Erste, was man von ihm zu hören bekommt, ist immer sein Lachen. Diesen kleinen, schmalen, noch im hohen Alter agilen Mann mit der Basecap und der rundlichen Brille übersähe man leicht bei Filmpartys und Festivalempfängen, wenn da nicht dieses helle, durchdringende Lachen wäre. Es ist das Lachen über den Wahnsinn des Filmemachens, Ausdruck von Temperament und Trotz, Eigenschaften, ohne die Günter Rohrbach nicht auf das Lebenswerk zurückschauen könnte, das jetzt, zu seinem 90. Geburtstag einmal mehr Eindruck macht.

Günter Rohrbach, Fernsehredakteur, Kinofilmproduzent, Pionier, Talenteförderer, Krisenmanager, Unruhestifter und noch als Präsident der Deutschen Filmakademie bis 2010 ein unermüdlicher Widerspruchsgeist – die deutsche Nachkriegs-Filmgeschichte wäre ohne ihn anders verlaufen. Und er ist immer noch da. In seiner Geburtsstadt, dem saarländischen Neunkirchen, haben sie einen Filmpreis nach ihm benannt; der Preis wird Anfang November zum achten Mal vergeben. Fast alle seiner Mitstreiter für den anspruchsvollen Publikumsfilm, für jene Unterhaltung mit Mehrwert, für die er sich seit bald 60 Jahren verwendet, leben nicht mehr, Bernd Eichinger, Helmut Dietl oder auch Tankred Dorst. Nur sein Freund Jürgen Habermas – ja, die beiden sind enge Vertraute –, auch er wird nächstes Jahr 90.

Rohrbach verkörpert Segen und Fluch der deutschen Filmbranche

Rohrbach verkörpert Segen und Fluch der deutschen Filmbranche wie kein Zweiter. Den Segen eines einst mutigen öffentlich-rechtlichen Fernsehens, das die jungen Wilden des Neuen Deutschen Films finanzierte, wie es Rohrbach als WDR-Fernsehspielchef in den Sechzigern und Siebzigern tat. Er förderte und verteidigte Rainer Werner Fassbinder, Margarethe von Trotta, Wim Wenders, Klaus Lemke, Syberberg, Schlöndorff und viele andere mehr, auch Rosa von Praunheim mit seinem Subkulturklassiker „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ – der Bayerische Rundfunk blendete sich seinerzeit aus.

Rohrbach initiierte den „Tatort“, die erste Talkshow („Je später der Abend“), die erste Sitcom („Ein Herz und eine Seele“), die erste Comedy („Klimbim“), die Malocher-Serie „Acht Stunden sind kein Tag“. Er verstörte die Fernsehnation mit medienkritischen Dokufictions wie Wolfgang Menges „Millionenspiel“, und er kaufte vor 40 Jahren den amerikanischen TV-Vierteiler „Holocaust“ ein, dessen Ausstrahlung in fast allen dritten Programmen samt anschließenden Talkrunden für die erste breitenwirksame, nachhaltige Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit sorgte.

Mut bewies er auch nach seinem Wechsel zum Kino, als Bavaria-Chef ab 1979. Rohrbach realisierte „Das Boot“ unter Regie von Wolfgang Petersen, für damals unfassbare 32 Millionen Mark. Einen Kriegsfilm mit positiv gezeichneten deutschen Soldaten und ohne Frauen, der weitgehend unter Wasser spielt! Dann soff auch noch das Boot ab, im Sturm am Drehort La Rochelle. Rohrbach machte weiter. Was ihm und dem Team sechs Oscar-Nominierungen einbrachte – immer noch eine der berühmtesten Bavaria-Anekdoten. Dass Kunst und Kommerz, Entertainment und Aufklärung zusammengehen können, bewies er auch mit den Loriot-Komödien, mit „Schtonk!“ und Filmen von Dominik Graf sowie ab 1994 als freier Produzent von Werken wie „Aimee & Jaguar“, „Die weiße Massai“, „Effi Briest“, zuletzt „Hotel Lux“ und "Das Pubertier". Oder mit „Anonyma“ mit Nina Hoss – das NS-Frauendrama kam im Oktober 2008 ins Kino, pünktlich zu seinem 80. Geburtstag. Immer wieder das Nachdenken über den Nationalsozialismus, immer wieder Geschichten aus der deutschen Dunkelzeit.

Er förderte Kinofreigeister wie Fassbinder

Aber ein Fluch kann er schon auch sein, der kleine Mann mit dem Lachen. So wie er das Fernsehen nutzte, um Kinofreigeister wie Fassbinder zu unterstützen, gelangte die TV-Movie-Ästhetik in zahllosen anderen Fällen umgekehrt auf die Kinoleinwände. Damals drehte sich die Debatte um den doppelt zu verwertenden „amphibischen Film“, die Verquickung ist seitdem unauflöslich: Bis heute sitzen TV-Redakteure in den Länderfilmförderungen und nehmen Einfluss.

Oder Rohrbachs Breitseite gegen die Filmkritik, als Tom Tykwers „Parfum“-Verfilmung durchfiel. Hier die elitäre Kritik, da die Verteidigung des sogenannten Massengeschmacks: Da dividierte er eben das auseinander, dessen Zusammengehörigkeit er sonst beharrlich propagiert. Nicht dass ihm Selbstkritik fremd wäre: Auch die Subventionsmentalität der eigenen Branche hat Günter Rohrbach oft genug angeprangert. Möge ihm die Streitlust auch mit 90 nicht vergehen – und schon gar nicht die Liebe zum Kino.

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