Hochstaplerin Marie Sophie Hingst : Bloggerin soll Holocaust-Opfer erfunden haben

Für ihren Blog „Read on my dear“ wurde die Historikerin Marie Sophie Hingst ausgezeichnet. Jetzt kam heraus: Ihre jüdische Familiengeschichte war gefälscht.

Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.
Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem.Foto: REUTERS/Jason Reed

Sie moderierte Podiumsdiskussionen für den Förderkreis des Berliner Holocaust Denkmals, engagierte sich bei der Jewish Society ihrer Universiät und meldete die Namen von 22 angeblichen Holocaust-Opfern bei der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem. Nun ist öffentlich geworden, dass die erfolgreiche Bloggerin und promovierte Historikerin Marie Sophie Hingst ihre jüdische Familiengeschichte erfunden hat. Laut einem Bericht das Nachrichtenmagazins "Der Spiegel" hatte Hingst in Wirklichkeit keinerlei jüdische Verwandtschaft. Ihr Großvater war auch nicht - wie von ihr angegeben - ein Auschwitz-Häftling, sondern ein evangelischer Pfarrer.

Seit 2013 war Hingst mit ihrem Blog "Read on my dear, read on" online, zuletzt soll er 240.000 regelmäßige Leser gehabt haben. 2017 wurde sie von den Goldenen Bloggern zur "Bloggerin des Jahres" gewählt, bei der Preisverleihung warb sie, mit leiser Stimme und bescheidenem Auftreten, für eine Freilassung von Deniz Yücel, dem sie Postkarten ins Gefängnis geschickt haben soll. 2018 erhielt Hingst für einen Essay den "Future of Europe"-Preis der "Financial Times", ihre Rede ist im Internet nachzuhören.

Auch Medien sind von den Fälschungen betroffen

Wie jetzt herauskam, veröffentliche Hingst auch auf "Zeit Online" unter dem Pseudonym Sophie Roznblatt einen Gastbeitrag. Darin ging es um ihr - im Nachhinein wohl erfundenes - Engagement für junge Geflüchtete, denen sie Aufklärungsunterricht gegeben haben will. "Zeit Online" schreibt hierzu am Freitag: "Der Faktencheck vor Veröffentlichung war offensichtlich bei Weitem nicht ausreichend".

Auch bei "Deutschlandfunk Nova" war Hingst in ihrer Rolle als Sexualaufklärerin aufgetreten. Zudem erscheinen Hingsts Blogeinträge und Statements zu einem eigenen Projekt in Indien widersprüchlich. In Okhla will sie einerseits mit 19 ein Slumkrankenhaus gegründet haben, an anderer Stelle bei einer schon existierenden Klinik in Delhi mitgearbeitet haben.

Künstlerische Freiheit und Literatur

Aufmerksam geworden auf die Hochstaplerin war laut Angaben des "Spiegel" die Berliner Historikerin Gabriele Bergner, die sich gemeinsam mit einer Anwältin, einem Genealogen und einem Archivar über die Unstimmigkeiten in Hingsts Blogeinträgen ausgetauscht hatte. Auf Leserkommentare soll die Bloggerin aggressiv reagiert haben.

Mitarbeiter des Stralsunder Stadtarchivs - aus der Stadt sollen acht der angeblichen Holocaust-Opfer aus Hingsts Familienumfeld herstammen - haben gegenüber dem "Spiegel" von "falschen Identiäten" gesprochen. Bis auf einige Namen, seien die Umstände frei erfunden gewesen. Die Stralsunder Behörden haben das Auswärtige Amt nun gebeten, die Gedenkstätte Yad Vashem zu informieren, dass die von Hingst eingereichten Formulare wohl gefälscht seien.

Dem "Spiegel" teilte Hingst über einen Anwalt mit, dass die Blogeinträge "ein erhebliches Maß an künstlerischer Freiheit für sich in Anspruch" nähmen. "Es handelt sich hier um Literatur, nicht um Journalismus oder Geschichtsschreibung". Auf Twitter sammeln sich die Reaktionen derzeit unter dem Hashtag #readonmyfake, der Blog ist im Augenblick nicht verfügbar.

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