• Höchst vergnüglicher Schelmenroman: „Koskas und die Wirren der Liebe“ erzählt die Reise eines neurotischen Schwerenöters

Höchst vergnüglicher Schelmenroman : „Koskas und die Wirren der Liebe“ erzählt die Reise eines neurotischen Schwerenöters

Schriftsteller Oliver Guez folgt in seinem Schelmenroman einem hibbeligen Daseinsjongleur von Paris nach Berlin, auf etliche Partys und in viele Betten.

Überschäumender Sound. Der französische Schriftsteller Olivier Guez, 45.
Überschäumender Sound. Der französische Schriftsteller Olivier Guez, 45.Foto: JF Paga-Grasset/Aufbau Verlag

Er wirbelt herum wie ein „Kreisel-Mensch“, sein Königreich ist das Mögliche. Jacques Koskas entfaltet tagtäglich einen solchen Tatendrang, das ihm davon schwindelig wird. Dann fällt er auf seinen Allerwertesten zurück, exakt dort, wo er gestartet war. Und das Mögliche erweist sich für den Daseinsjongleur immer wieder als unmöglich.

„Beim geringsten Hindernis suchte er das Weite, als wäre das Leben nur eine unversiegbare Quelle von Vergnügungen“. Der Mann gleicht einem lebenden Fluchtinstinkt. Augen zu und weiter. Zum Problem wird die hedonistische Devise, wenn man den 30. Geburtstag schon hinter sich hat.

Der hibbelige Held von Olivier Guez’ Roman „Koskas und die Wirren der Liebe“ ist sexbesessen, vielleicht sogar sexsüchtig, total neurotisch und überaus liebenswert.

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Das Buch beginnt mit einem Gottesdienst zum Jom Kippur in der Synagoge, bei dem Koskas sich so langweilt, dass er sich in Tagträume von einer „Leopardin“ mit prallem Kirschmund davonmacht. Die Leopardin ist der Inbegriff einer sinnlichen, langlockig-verführerischen und gefährlichen, kurzum: perfekten Frau.

Dieser Trophy-Wife jagt Jacques, der sich höchst eitel als „brünstiger Panther“ sieht, mehr als das halbe Buch lang durch diverse Betten hinterher, immer tiefer hinab in die Verzweiflung.

Sex als Slapstick

Der Schwerenöter erobert, wird hingehalten und wieder verstoßen, vergnügt sich mit Serena, Charlotte und einigen anderen. Zur Not begnügt er sich auch mit Clémence, die als Redakteurin der Wirtschaftszeitung „La Turbine“, bei der er zum Starreporter aufgestiegen ist, das Thema Großhandel bearbeitet.

Fasziniert ist Jacques von ihren großen Brüsten, die Clémence als „ihre kostbarsten Schätze wie in einem riesigen Warenkorb im Büstenhalter aufbewahrte“. Geschildert werden „schmelzflüssige Unterleiber“ und heisere Lustschreie. Die Derbheit der Wortwahl und die mitunter slapstickhaft verunglückenden Sexszenen erinnern an Philip Roth, der den Titelhelden seines frühen Romans „Portnoys Beschwerden“ ähnlich ambivalente Abenteuer durchleben lässt. Wie Portnoy ist auch der jüdische Protagonist von Guez’ Schelmengeschichte besonders an Schicksen interessiert, nichtjüdischen Frauen.

Jacques stammt aus einer sephardischen Familie mit tunesischen Vorfahren. Sein Vater hat den Aufstieg zum Gynäkologen geschafft, die Mutter praktiziert als „unfehlbare Urologin“. In Umkehrung des Klischees von der jüdischen Übermutter ist es der Vater, der immer wieder besorgt beim Sohn anruft, den er für einen ambitionslosen Versager hält.

Auf der Suche nach Massenvernichtungswaffen

Die besorgten Gespräche sind ein Running Gag wie Onkel Ezechiel, der Millionär ist, sich aber bettelarm gibt. Koskas trägt autobiografische Züge. Guez wuchs in Straßburg auf, das im Roman zu S. abgekürzt und als „Playmobilstadt“ verspottet wird. Guez begann seine Karriere als Journalist und war Mitarbeiter eines inzwischen eingestellten Pariser Wirtschaftsblatts, das „La Tribune“ hieß.

Statt zu Interviews zu gehen, setzt Jacques sich lieber ins Café, verspricht seinem Chefredakteur aber hartnäckig einen „Knüller“. Er will – der Roman beginnt 2003 – Saddam Husseins Massenvernichtungswaffen finden und schafft es bloß bis an die türkisch-irakische Grenze, wobei er einen Großteil des Reisebudgets seines Arbeitgebers verschwendet.

Auf die Räuberpistole im Wüstensand folgt eine mehrmonatige, ebenso unrühmliche Abenteuerreise durch Süd- und Nordamerika. Hodenkrebs kriegt der Held auch noch. Wie Hiob wird er später zu Gott finden.

Dazu passt Koskas Begeisterung für die untergegangene österreichisch-ungarische K.-u.-k.-Monarchie und für Joseph Roth. Aus dessen Roman „Radetzkymarsch“ kann er ganze Passagen auswendig aufsagen.

Guez tritt mächtig aufs Gaspedal

Guez, mitunter ähnlich aufschneiderisch wie sein Held, tritt mächtig aufs Gaspedal. Irgendwann wird er von seiner Fabulierlust aus der Kurve getragen. Im mittleren Teil dreht die überkandidelte Geschichte leer. „Koskas“, das literarische Debüt des Autors, kam in Frankreich 2014 heraus.

[Olivier Guez: Koskas und die Wirren der Liebe. Roman. Aus dem Französischen von Nicola Denis. Aufbau Verlag, Berlin 2020. 336 Seiten, 22 €.]

Sein überschäumender Sound ist das Gegenteil des lakonischen Erzählens im Dokuroman „Das Verschwinden des Josef Mengele“, mit dem Guez 2017 bekannt wurde. „Koskas“ changiert zwischen Entwicklungsroman und Satire, einmal verweist Guez augenzwinkernd auf das Action-Schundheftchen „Malko“.

Jacques, krank an Leib und Seele, rettet sich, indem er am 30. Juni 2005 – das Datum ist exakt vermerkt – in den Zug nach Berlin steigt. Eine Flucht, die zur Erlösung wird und auch für den Roman ein Segen ist. Denn Koskas sucht Ablenkung von Niederlagen und Lebenszweifeln und findet dabei zu sich selbst.

Erlösung durch Party

Erstaunlicherweise fängt der „Erlösungsprozess“ damit an, dass er sich ins „rauschhafte, süffige Dasein“ der Party-Metropole stürzt, die in dieser Zeit zum Lieblingsziel des internationalen Easyjetsets aufsteigt.

Wenn man wollte, könnte man anhand der Clubs, Bars und Kaschemmen, die der Franzose frequentiert, eine Kartografie des Ausgehens im Berlin der nuller Jahre erstellen: Arena, Schwarzsauer, Weekend Club, Cookies, Prater. Einige davon sind inzwischen Geschichte.

Vor allem aber wird Berlin für Jacques zur Stadt der Liebe. Für jemanden, der aus Paris kommt, ist das eine überraschende Pointe. An der Obst- und Gemüsetheke seines Supermarkts begegnet Koskas Barbara, einer erfolgreichen Konzertpianistin.

So verliebt war er noch nie, diesmal ist es echte, „unverstellte“ Liebe. Der Gefühlsüberschwang mündet in der Verlobung. Weihnachten besucht das Paar Barbaras Eltern, in deren Hamburger Villa ein riesiger sternenübersäter Tannenbaum glitzert, „eine Art stalinistischer Wolkenkratzer in Militärjacke“.

Bald darauf zeigen sich erste Beziehungsrisse. Koskas schmiedet Pläne, bekommt aber nichts auf die Reihe. Barbara ist das zu wenig. Sie will einen unabhängigen, „männlichen“ Mann an ihrer Seite. Keinen typischen Berliner Kreativen. Hiob ist fürs Leiden geboren, nicht für die Liebe.

Oder etwa doch? „Melancholie ist tausendmal schlimmer als die Sünde“, sagt schließlich ein Rabbiner zu Koskas. Dass alles schiefgehen muss, bevor es gut ausgehen kann, das kann man in diesem temperamentvollen, höchst vergnüglichen Roman lernen.

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