Igor Levit spielt Beethoven in Berlin : Halbzeit beim Sonaten-Marathon

Es ist eine Meisterleistung der Konzentration für den Pianisten und eine Herausforderung fürs Publikum: Igor Levits vierter Abend der Philharmonie.

Pianist Igor Levit spielt sämtliche Beethoven-Sonaten in Berlin.
Pianist Igor Levit spielt sämtliche Beethoven-Sonaten in Berlin.Foto: Robbie Lawrence

Am vierten Abend seines achtteiligen Beethoven-Zyklus scheint Igor Levit von demütiger Andacht beseelt. Wieder wird er vier Klaviersonaten spielen, nicht der Chronologie ihrer Entstehung folgend, sondern einem inneren Zusammenhang auf der Spur. Es ist eine Meisterleistung der Konzentration, die er in der Philharmonie nicht durch unnötige Aus- und Abtritte gefährdet.

Levit drückt kurz sein Kreuz durch und kauert sich ins nächste Werk. Die „Sturmsonate“ op. 31,2 eröffnet den Abend, Titel und Temperament vorzeichnend. Wie Beethoven hier aus dem Nichts plötzlich Musik macht und die erreichte Kulturhöhe alsbald wieder selbst zerlegt, gibt Levit umfänglich Gelegenheit, die eigene Kunst zu leben. In der Verschärfung, der Zuspitzung, der Kollision erreicht sie neue Höhepunkte.

Levit ringt um Intensität

Das geht nicht ohne den zwischenzeitlichen Verlust von Zusammenhängen ab. Die Pausen wirken willkürlich ausgedehnt und führen zu der Erkenntnis, dass die Philharmonie in diesen Momenten nicht still ist, sondern von den Begleitgeräuschen der Lichttechnik erfüllt, dem Sirren und Brummen. Levit wird wenig später den Klang des Flügels zum Gleißen und Klirren bringen, im Ringen um noch mehr Intensität.

Nach der Tastentortur tätschelt er sein Instrument, das er bis an die Grenzen und auch darüber hinaus in Anspruch genommen hat. Das Gefühl von Hast und Unrast arbeitet Levit in allen Sonaten raus, lässt die Eleganz von op. 22 allzu schnell zuschanden kommen, kickt im Vorbeirennen die Verzierungen von op. 2,3 aus dem Weg und bürstet die „Pathétique“ auf Krawall.

Beglückend: Die Zugabe von Brahms

Levit mutet dem Publikum zu, im permanenten Ausnahmezustand nicht abzustumpfen. Ob er ihm dabei ganz traut, daran weckt sein beständig nachschärfender Zugriff Zweifel. Zum Glück spielt er nach den Beethoven-Stürmen „Herzlich tut mich verlangen“ aus den Choralvorspielen von Brahms, dessen letzten Werken, die Busoni mit stiller Meisterschaft für Klavier gesetzt hat. Die Mehrstimmigkeit darf hier fließen, das Thema sanft darüber aufsteigen. Für wenige Minuten verbietet sich Levit das Ausbrechen. Beim Verlassen des Saals ertappt man sich dabei, von diesem vulkanischen Künstler einen Abend nur mit Zugaben hören zu wollen.

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