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Der Nachbau von Thoreaus Hütte am Walden Pond.
© Bill Ross/CORBIS

Zivilisationskritik: Im Binnenmeer der Seele

Zwei Jahre lang führte er ein einsiedlerisches Leben in den Wäldern von Concord, Massachusetts. Welche Aktualität hat der Mythos, den Henry David Thoreau mit „Walden“ schuf, 150 Jahre nach dessen Tod?

Von Gregor Dotzauer

An Sommertagen ist die Walden Pond State Reservation am Rand von Concord, Massachusetts, manchmal ein einziger Vergnügungspark. Die Wallfahrer auf den Spuren von Henry David Thoreau, die den See auf einem markierten Weg umrunden können, fallen zusammen mit Partyvolk, Badewütigen und Triathleten ein. Der buchstäbliche Rummel, der hier noch zu Anfang des 20. Jahrhunderts tobte, bevor ein Feuer Karussell und Budenzauber verschluckte, wird zwar dadurch im Zaum gehalten, dass die Zahl der Besucher offiziell auf tausend begrenzt ist. Doch die Legende vom einsamen Leben in den Wäldern, die schon Thoreau mit einem Hang zur Übertreibung pflegte, kommt sich hier noch immer mit aller Macht selber in die Quere.

Die Holzhütte, die er am Ufer für 15,71 Dollar (plus einen halben Cent, wie er akribisch vermerkte) von eigener Hand erbaute und vom Juli 1845 bis zum September 1847 bewohnte, hat einem Nachbau an anderer Stelle Platz gemacht. Wo sie einst stand, befindet sich heute eine Tafel mit der Aufschrift: „Ich ging in die Wälder, weil mir daran lag, mit Bedacht zu leben, mich nur den wesentlichen Tatsachen des Lebens auszusetzen und zu sehen, ob ich nicht begreifen könnte, was es zu lehren hat, um nicht, wenn es ans Sterben geht, herauszufinden, dass ich nicht gelebt hatte.“ Kein Satz aus „Walden, or, Life in the Woods“, dem 1854 veröffentlichten Bericht über sein Experiment, ist öfter zitiert worden. Keiner fasst aber auch besser zusammen, was Thoreaus Plädoyer für das einfache Leben ausmacht.

„Was gilt mir Afrika – was der Westen“, fragte er. „Ist nicht unser Inneres weiß auf der Karte?“ Darin steckte auch ein Stück Verteidigung der eigenen Immobilität. Thoreau kam zeit seines 44-jährigen Lebens, das ihm am 6. Mai 1862 die Folgen einer Tuberkulose nahmen, kaum über seinen Geburtsort Concord hinaus. Er hatte vier Jahre am nahen Harvard College studiert, krank vor Heimweh eine Stelle als Hauslehrer auf Staten Island aufgegeben, später Cape Cod besucht, die White Mountains von New Hampshire und Kanada – Exotischeres mutete er sich nie zu. Und dennoch war es absurd, als Henry James ihm nachsagte, er sei mehr als ein Provinzler gewesen, nämlich geistig beschränkt.

Porträt des Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau im Jahr 1856.
Porträt des Schriftstellers und Philosophen Henry David Thoreau im Jahr 1856.
© Wikipedia/Benjamin D. Maxham

Man sollte Thoreaus asketische Egozentrik, die Joshua W. Caldwell, ein schriftstellernder Jurist aus Knoxville, Tennessee, 1891 in der „New Englander and Yale Review“ herzerfrischend klar attackierte, zwar ruhig mit einer gewissen Distanz betrachten. Die denkerisch gut durchgelüftete Frische seiner Prosa, ihr aphoristischer Witz und musikalischer Schliff sind so beneidenswert wie eh und je. Ja, Thoreaus Behauptung, es lohne nicht, „rund um die Welt zu reisen, nur um die Katzen in Sansibar zu zählen“, gewinnt für Easyjetter eine neue Bedeutung. Wer weiter kommen wolle als Reisende zuvor, so Thoreau, „wer es fertig bringen will, dass die Sphinx sich in den Abgrund stürzt, der braucht nur die alte Lehre beherzigen: Erkenne dich selbst“.

„Wer einen Beruf ergreift, ist verloren“

Die innere Einkehr im Äußeren der Natur ist nach wie vor ein beliebtes Gegengift zu den urbanen Ablenkungsgewittern. Für eine Weile versucht man mit dem hauszuhalten, was man erlebt und sich angeeignet hat, und das Wichtige vom Unwichtigen zu trennen. Thoreaus Rückzug, von vornherein auf Rückkehr angelegt, war in diesem Sinn vielleicht nur ein verlängertes Sabbatical. Im Unterschied zu einem Yoga Retreat oder Ayurveda- Wochenende hatte er allerdings nicht Reparaturarbeiten an der eigenen Psyche und die Wiederherstellung seiner Arbeitskraft im Sinn. Es ging ihm, so sehr die philosophische Unbedingtheit des Anspruchs überholt sein mag, um Einsicht in die wesenhaften Bedürfnisse des Menschen: „Je mehr man sein Leben vereinfacht, um so übersichtlicher werden auch die Gesetze des Universums.“

Schon die damalige Arbeitsgesellschaft war Thoreau deshalb verhasst. „Wer einen Beruf ergreift, ist verloren“, verkündete er in „Walden“. Es halte Menschen nur von ihrer eigentlichen Berufung ab: der Beobachtung der Natur und dem Nachdenken über sie. Damit wurde er zum Vater einer modernen Zivilisationskritik, die davon, dass Technik auch Entlastung von der täglichen Plackerei schaffen könne, nichts wissen wollte. Thoreau zahlte seinen Preis dafür. Ein ganzes Kapitel gibt Auskunft, unter welchen Mühen er als Ökobauer im Kampf mit Kreuzkraut, Gänsefuß, Sauerampfer und Queckengras seinem ungedüngten Bohnenacker die widerspenstige Frucht entriss.

Die Vorstellung, „Walden“ für das 21. Jahrhundert noch einmal zu schreiben, hat etwas Verlockendes, gerade weil das ursprüngliche Projekt seinen Ort und seine Zeit hat. Thoreaus grenzenloser Individualismus, in dem sich alle Licht- und Schattenseiten des amerikanischen Liberalismus spiegeln, war vielleicht schon im 19. Jahrhundert erschöpft. Seine Ablehnung staatlicher Steuern und sein Aufruf zur „Civil Disobedience“ („Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat“) hatten wohl auch mit einer persönlichen Unlust an gesellschaftlichen Entwürfen zu tun. Dem nie zu Frau und Familie gekommenen Thoreau war auch das kollektivistische Abenteuer Brook Farm in der Nähe von Boston zuwider, in dessen Namen sich zwischen 1841 und 1847 Unitarier und Transzendentalisten wie sein Mentor und Walden-Grundstücksmäzen Ralph Waldo Emerson sowie – für ein halbes Jahr – Nathaniel Hawthorne versammelt hatten. „Was solche Gemeinschaften betrifft, hätte ich lieber ein Junggesellenzimmer in der Hölle behalten als im Himmel zu landen“, notierte er in seinen Tagebüchern, deren 14 von 1837 bis 1861 entstandene Bände die Grundlage seines gesamten Werkes sind.

„Walden Two“, der Roman des berühmten Behavioristen B. F. Skinner, musste Thoreau 1948 also erst einmal sozialutopisch zurechtrücken. Wo zwischen innerer Einkehr und politischem Aktivismus müsste aber ein Walden im Zeitalter des information overload ansetzen? Die unverdrossen rousseauistischen Visionen des späten 20. Jahrhunderts können nicht das letzte Wort gewesen sein. Abschreckend der „Unabomber“ Theodore Kaczynski, jener hochbegabte Mathematiker, der fast zwei Jahrzehnte lang per Post Sprengstoffpakete an Computerexperten und Naturwissenschaftler verschickte, damit drei Menschen tötete und 23 verletzte. In einer selbst gebauten Blockhütte in den Bergen von Montana träumte er davon, die USA in eine Epoche der technischen Unschuld zurückzubomben – bis sein Bruder David in einem Manifest wider den industriellen Fortschritt, dessen Abdruck in einigen großen Zeitungen er erzwungen hatte, den Autor erkannte. 1996 wurde er verhaftet und zu lebenslanger Haft verurteilt.

Traurig das Schicksal von Christopher McCandless, das Jon Krakauer in seinem großartigen Buch „In die Wildnis“ nachzeichnet. Im August 1992 wurde der Zivilisationsflüchtling, Thoreau-Enthusiast und Tolstoi-Leser in einem verlassenen Bus am Stampede Trail nördlich des Mount McKinley in Alaska verhungert und halb verwest aufgefunden: ein junger Kerl von 24 Jahren, der noch einen Monat zuvor „Jack London is King“ in ein herumliegendes Holzscheit geritzt hatte. Unterschrift: Alexander Supertramp.

Nur zwei, drei Briefe waren ihr Porto wert

Menschenfreundlich allein der Dichter, Essayist und Öko-Aktivist Gary Snyder mit seinen „Lektionen der Wildnis“ (Matthes & Seitz). Snyder, mit 81 Jahren der letzte Überlebende der Beat Generation um Jack Kerouac und Allen Ginsberg, hat gerade erst den Thoreau Prize for Nature Writing des New-England-PEN erhalten. Ein würdiger Preisträger schon dadurch, dass er Thoreaus bildungsbeflissenes Kokettieren mit Hinduismus und Buddhismus, das trotz des Glaubens an die Allbeseeltheit der Natur den alten christlichen Gott nie loswird, in einen über Jahrzehnte erworbenen, gelebten zenbuddhistischen Kontext bringt und mit einer scharfen Kapitalismuskritik fusioniert. Vom total noise, auf den die durchdigitalisierte Gesellschaft zusteuert, weiß aber auch Gary Snyder nichts.

Die Idee der inneren Einkehr ist ihr zwar nicht fremd – sie gehört zum Selbstbild des Menschen. Ihr Charakter hat sich aber grundlegend verändert. Die Sorge, man werde womöglich schon nach zwei Jahren Zivilisationsabstinenz in eine Welt zurückkehren, deren Beschleunigung alle gewonnenen Einsichten alt aussehen lasse, ist dabei noch das Geringste. Folgenreicher für Thoreaus Programm der Verweigerung ist die Tatsache, dass die Selbstbesinnung auf kuriose Weise epidemisch geworden ist. Kein Gefühl, keine Meinung, die sich nicht sofort in Social Media kundtun würden. Während Thoreau, der seinerseits schon in einer Epoche der Überreizung zu leben meinte, für Reduktion votierte, scheint sich die Gegenwart entschieden zu haben, der Beschleunigung öffentlich standzuhalten – notfalls durch Zufuhr von Neuro-Enhancern. Schlimmer als Verweigerung ist für sie nur noch Kapitulation.

Entscheidend ist, dass der Prozess der Selbstformung, der die Ausbildung des ästhetischen Geschmacks bisher prägte, algorithmisch abgekürzt wird. In den Empfehlungssystemen, die das Netz für Filme, Musik oder Bücher bereitstellt, lernt man, sich als selbst erzeugte Datenspur zu lesen. Thoreau, der behauptete, sein Leben lang nur zwei oder drei Briefe erhalten zu haben, die ihr Porto wert gewesen seien, und Zeitungslektüre für Zeitverschwendung hielt, hätte dieser Wendung des Innersten ins Außen, das wieder als Inneres interpretiert wird, zutiefst misstraut. Wenn „Walden“ dennoch unverwüstlich bleibt, dann deshalb, weil Thoreaus Buch das Handwerkszeug zur Verfügung stellt, ohne das man auch in Zukunft nicht auskommen wird: „Ich weiß gefühlsmäßig, dass mein Kopf dazu da ist, sich einzuwühlen, wie manche Geschöpfe mit Schnauze und Vorderpfoten.“

Lektürehinweise zu Henry David Thoreaus 150. Todestag.am 6. Mai

Walden liegt auf Deutsch in mehreren Ausgaben vor. Zum Jubiläum hat Diogenes eine preiswerte Leinenausgabe aufgelegt (aus dem. Englischen von Emma Emmerich, 512 S., 16,90 €).

Das Hörbuch Wo und wofür ich lebte mit den wichtigsten Passagen hat Burghart Klaußner eingelesen (17,90 €).

In gleicher Ausstattung liegt bei Diogenes in einer zweisprachigen Ausgabe Über die Pflicht zum Ungehorsam gegen den Staat vor (aus dem Englischen von W. E. Richartz, 151 S., 14,90 €).

Bei Manesse ist mit

Illustrationen von Sonia Schadwinkel Thoreaus aus dem Nachlass herausgegebenes Manuskript Wilde Früchte in bibliophiler deutscher Erstausgabe erschienen (aus dem Englischen von Uda Strätling, 320 Seiten, 99 €). Bei Manesse bleibt auch Fritz Güttingers konkurrenzlos gute „Walden“-Übersetzung lieferbar (480 Seiten, 22,90 €).

Der englischsprachige Thoreau-Reader, eine Onlinesammlung mit vielen maßgeblichen

Texten von und über

Thoreau findet sich unter thoreau.eserver.org.

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