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Redaktionssitzung in Schanghai. Chefredakteur Fischer mit seinen Kollegen beim Propaganda-Magazin „Xiehebao“, um 1911.

© Nachlass

Tagesspiegel Plus

Im Frühtau nach China: Auf den Spuren des Kolonialismus in Steglitz

Eine Ausstellung zeichnet das Leben des Berliners Karl Fischer nach. Der Begründer der Wandervogel-Bewegung ging für die deutsche Kolonialmacht nach China.

Zwei Archivkisten mit über 750 Fotografien, etlichen Briefen, Dokumenten, Vokabelheften umfasst der Nachlass des Wandervogel-Begründers Karl Fischer (1881–1941), der sich seit 1990 beim Bezirksamt Steglitz befindet. Seit der Schenkung durch den Fischer-Bund sind zwar viele Forscher:innen in die Tiefen des bezirklichen Archivs gestiegen, um die Anfänge von Jugendbewegungen zu studieren. Neben Fischers Nachlass befindet sich hier der größte Bestand an Archivalien der deutschen Wandervogel-Bewegung, die am Steglitzer Gymnasium ihren Ausgang nahm.

Die jungen Leute zog es damals aus den Städten, weg vom Zwang der Schule. Es war der Beginn der Reformpädagogik, Freikörperkultur und Lebensreformbewegung. Für Fischers Jahre in Ostasien zwischen 1906 und 1920 interessierte sich bislang keiner – obwohl fast zwei Drittel seiner Fotografien aus der Zeit stammen.

Spurensuche in Steglitz

Mit der Aufforderung des Senats an die Bezirke, sich um koloniale Spuren am Ort zu kümmern und die eigenen Bestände zu durchforsten, sollte sich das ändern. Christiana Brennecke vom Fachbereich Kultur schaute genauer hin, holte sich den Sinologen Hajo Frölich vom Historischen Forschungsinstitut Fact & Files hinzu sowie die Soziologin Kimiko Suda. Frölich erschloss den Nachlass, während Suda, die gerade über antiasiatische Rassismen im Rahmen von Corona promoviert hat, die kritischen Fragen zum Kolonialismus und heutiger Rezeption stellte.

Briefe und Vokabelhefte aus dem Nachlass von Karl Fischer. 

© Drauschke, Facts & Files

Herausgekommen ist in der Schwartzschen Villa eine Ausstellung, die als vorbildlich gelten darf. Berlin gehört ohnehin neben Hamburg und Freiburg zu den Vorreitern in der lokalen Aufarbeitung kolonialer Verstrickungen. Während in Hamburg der Impuls von der Universität ausging, wo dafür ein eigenes Forschungsinstitut existiert, und in Freiburg postkoloniale Initiativen den Anstoß gaben, legte in Berlin die Landesregierung gleich selbst eigene Förderprogramme auf.

Wie ergiebig die Spurensuche sein kann, wie überraschend der alltägliche Rassismus nebenan, demonstriert der Fall des Wandervogels Karl Fischer und seiner Lebenswelt. Er repräsentiert den Typus, der vom Kolonialismus profitierte. Am Unrecht störten sich wenige. Zu den interessantesten Stücken der Ausstellung gehört jene Karte von Steglitz- Zehlendorf, auf der zahlreiche Institutionen, Orte eingezeichnet sind, die zwischen 1884 und 1919 dafür relevant waren, als Deutschland zu den Kolonialmächten zählte.

Es gibt also noch viel zu tun. Der Botanische Garten gehört dazu, wo tropische Pflanzen gezüchtet wurden, die Missionsgesellschaft der Deutschen Baptisten in der Filandastraße oder die Hauptkadettenanstalt Lichterfelde, wo auch Fischer seine Ausbildung für den Militäreinsatz in Tsingtau erhielt, wie die Deutschen die Hafenstadt Qingdao seit Besetzung der Bucht von Jiaozhou 1897/98 nannten.

Karrierebeginn in Qingdao

Wie manch anderen sogenannten Glücksritter zog es Fischer in die Welt; für verkrachte Existenzen bot die Armee in deutschen Kolonien die Möglichkeit zum Neuanfang. Mit den Wandervögeln, die er als Schüler mit im Umland organisierten Ausflügen ins Leben gerufen hatte, war es durch seinen autoritären Stil zum Bruch gekommen, das Jurastudium gab er auf und meldete sich freiwillig zunächst für ein Jahr beim III. Seebataillon, um in Qingdao Karriere zu machen.

Ein Verdienst der Steglitzer Schau ist, dass sie sich diverse Akteur:innen vorzustellen bemüht: Chinesen an Fischers Seite, People of Color in Berlin. Die Gefahr der Einseitigkeit besteht umso mehr bei der Nacherzählung des Lebenswegs eines weißen Mannes. Die Ausstellungsarchitektur macht farblich darauf aufmerksam durch unterschiedliche Fonds der Textfahnen: Rot für die Zeitgeschichte, Apricot für Fischers Stationen und Gelb für chinesische Protagonisten, was unglücklich gewählt ist, könnte man doch dahinter wieder eine Stigmatisierung vermuten. Beim gemeinsamen Rundgang macht sich Verlegenheit breit, beabsichtigt war das nicht.

Wanderung im Grundewald 1897.

© Nachlass Karl Fischer

Dieser gestalterische Missgriff ist umso bedauerlicher, wurden doch gerade hier Entdeckungen gemacht. Beim Blick auf koloniale Referenzen in Steglitz-Zehlendorf begegnen die Besucher:innen Henry Wilson aus Sierra Leone, der als Bediensteter am Hof der Hohenzollern arbeitete und zum Männergesangsverein Zehlendorf gehörte, sowie Richard Din Manga aus der Kameruner Herrscherfamilie, der bei einer Holzsägefirma in Lichtenberg eine Ausbildung machte und als Vorgesetzter wirkte.

Im Dienste der deutschen Kolonialmacht

Das allerdings zog eine Auseinandersetzung in der lokalen Presse nach sich, in der sich Manga zu behaupten wusste. Über die Menschen an Fischers Seite ist nur wenig bekannt. So könnte er in Berlin zur Vorbereitung seines Trips bei Xue Shen am Seminar für Orientalische Sprachen Chinesisch gelernt haben. Ein Foto zeigt ihn ein Jahr später im Herbst 1907 als Vizefeldwebel am Tisch sitzend, dahinter ein chinesischer „Diener“, der eine Flasche Bier auf einem Tablett balanciert. Die Aufnahme bedeckt eine Stück Gaze, das erst angehoben werden muss und dadurch eine Barriere zur rassistischen Inszenierung darstellt.

Blick in die Ausstellung in Steglitz mit Foto des chinesischen Redaktionsteams um Karl Fischer.

© Ludger Paffrath

Ob sich Fischer tätlicher Übergriffe schuldig machte, oder an brutalen Militäreinsätzen teilnahm, wie sie vor allem um die Jahrhundertwende während des „Boxerkrieges“ zur Festigung der deutschen Vorherrschaft stattfanden, ist nicht überliefert. Und doch spricht aus seinen Bildern latente Bedrohung, unangenehmes Überlegenheitsgebaren. Unter den auf einem Tisch mit Lupe ausgebreiteten Schnappschüssen, die Vogel während seiner wiederaufgenommenen Wanderungen gemacht hat, sind zahlreiche militärische Abordnungen, Vertreter der Berittenen Kompagnie zu sehen.

Die noch immer spürbar bedrückende Atmosphäre bleibt, auch als Fischer die Armee verlassen hat und ab 1910 in Schanghai als Journalist arbeitet – erst als Einflüsterer bei chinesischen Medien, um gegen Anzeigen eine deutschenfreundliche Berichterstattung sicherzustellen, dann als Chefredakteur der vom Auswärtigen Amt lancierten Propaganda-Zeitschrift „Xiehebao“. Ein Bild zeigt ihn inmitten seines Redaktionsteams: drei chinesische Kollegen rechts, drei links. Der „Schreibmaschinenschreiber“ mit Brille gleich hinter ihm taucht auch auf seinen Ausflugsbildern wieder auf, mehr ist allerdings nicht von ihm überliefert.

Fischer gerät in Kriegsgefangenschaft

Für die Kuratoren ist die Aufnahme trotzdem zentral, denn sie dokumentiert den Umbruch in der chinesischen Gesellschaft: Fünf tragen traditionelle lange Gewänder, wattierte Jacken, der junge Mann ganz rechts aber sitzt wie Fischer mit Anzug, Hemd und Binder auf seinem Stuhl, den klassischen Zopf hat er abgeschnitten. Die Geschichte lässt sich nicht mehr revidieren, die hierarchischen Strukturen sind dem Bild inhärent. Doch dürfen die Besucher:innen die einzeln auf Karton kaschierten Figuren neu platzieren. Christiana Brennecke macht es vor, schiebt Fischer aus der Mitte an den Rand, Kimiko Suda dreht lachend seine Füße nach oben.

Für den Wandervogel stand wenig später die Welt tatsächlich kopf. 1914 schlägt Japan die deutschen Truppen, für eine Kolonialmacht unvorstellbar. Fischer gerät in Kriegsgefangenschaft, bleibt bis 1920 im Lager Bando interniert. Nach seiner Rückkehr fasst er nicht mehr Fuß, die von ihm mitherausgegebene völkische Zeitschrift „Der neue Bund“ scheitert.

Die Hitlerjugend, die in ihm ein Vorbild sah, zahlt ihm einen Ehrensold, ohne dass er NSDAP-Mitglied wäre. Kolonialrevisionistisch wie viele andere äußert er sich nicht. 1941 stirbt Vogel vergessen in Steglitz, bis man sich in den jugendbewegten 1960ern wieder für ihn interessiert. Seine anderen Seiten werden gerade erst entdeckt, kolonialistisch geprägt wie bei vielen damals.

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