In Memoriam Eberhard Havekost : „Mein lieber Professor“

Die Galerie Contemporary Fine Arts erinnert mit einer Ausstellung an den jüngst verstorbenen Maler Eberhard Havekost.

Jens Müller
Das Bild "Opera" (2019) von Eberhard Havekost
Das Bild "Opera" (2019) von Eberhard HavekostFoto: Matthias Kolb

Die Idee des Reenactments hat längst auch die Praxis der Kunstausstellung erreicht. 2010 stellte das Kunsthaus Zürich Picassos allererste Museumsschau aus den dreißiger Jahren nach, 2013 rekonstruierten der italienische Kurator Germano Celant, Architekt Rem Koolhaas und der Künstler Thomas Demand die legendäre Ausstellung „When Attitudes Become Form“ des Ausstellungsmachers Harald Szeemann von 1969 in der Mailänder Fondazione Prada. In beiden Fällen vergingen Jahrzehnte bis zur Wiederaufführung.

Wenn jetzt die Berliner Galerie Contemporary Fine Arts eine Schau ohne die geringste Änderung noch einmal hängt, deren Finissage keine zwei Monate zurückliegt, hat das einen traurigen Grund: Der Maler Eberhard Havekost, der mit der Schau „U Say Love“ zum diesjährigen Gallery Weekend seinen Einstand bei der Galerie gegeben hat, ist Anfang Juli mit 51 Jahren gestorben. Die Idee zu dem Reenactment hatte Galerist Bruno Brunnet selbst – und stellte die Schau dann in weniger als zwei Wochen auf die Beine.

In den namhaftesten Sammlungen und Museen vertreten

Das war wohl nicht zuletzt deshalb so umstandslos möglich, weil er nicht erst lange bei Sammlern oder Museen bitten musste: Es wurde nämlich kaum ein Bild aus der Schau verkauft. Was durchaus bemerkenswert ist. Denn Havekost zählt zu den wichtigsten Künstlern seiner Generation und ist in den namhaftesten Sammlungen und Museen vertreten. Statt „U Say Love“ heißt die Schau nun „In Memoriam“, die Bilder gehören inzwischen zum Nachlass des Künstlers. Und eine Verkaufsschau kann sie auch nicht mehr sein.

Viele Weggefährten sind schon in den ersten Tagen gekommen, um sich Havekosts letzte von ihm selbst gehängte, konzipierte, kuratierte Ausstellung anzusehen. Erstmals anzusehen. Noch einmal anzusehen. Sie im Wissen um seinen Tod jetzt mit anderen Augen zu sehen? Es lässt sich nicht vermeiden. „Grab“ heißt eines der Bilder, ein Triptychon (eines von vieren) ist „Toteninsel“ betitelt. Die Schau ist ein Endpunkt. Der Blick ist ein Rückblick. Die – jede Besprechung der Schau bekommt den Charakter eines Nachrufs, unvermeidbar, auch wenn die Nachrufe auf Eberhard Havekost längst erschienen sind.

Der Maler wurde in Dresden geboren und an der Hochschule für Bildende Künste ausgebildet, lehrte in Düsseldorf an der Kunstakademie und lebte in Berlin. Bekanntheit erlangte er zeitgleich mit den Malern der Neuen Leipziger Schule, weshalb der Vergleich mit deren Klassensprecher Neo Rauch so naheliegend wie irreführend ist.

"Ihr müsst Malerei im Bewusstsein ihrer Flachheit machen"

Havekost hat figurativ gemalt, möchte man meinen, aber größer könnte der Abstand zur eigentümlichen Gebrüder-Grimm-Ästhetik eines Neo Rauch kaum sein. Havekosts ausschnitthafte Bilder von denkbar profanen, alltäglichen, gegenwärtigen Motiven wie Hausfassaden, Wohnwagen, Autowracks oder – in der Ausstellung – eines Feuerzeugs auf dem Bild „Hotel Opera“ (2018) kommen in fotorealistischer Manier daher, beruhen tatsächlich auf Fotografien. Andere könnte man für gestische Abstraktionen im Stile des Informel halten. Und weil Havekost, wie gesagt, gebürtiger Dresdener war, brauchte er sich über Vergleiche mit Gerhard Richter da eigentlich nicht zu wundern. Aber sie behagten ihm nicht, er wollte in keine Schublade gesteckt werden, „figurativ“ oder „abstrakt“ als Kategorien nicht gelten lassen. Stattdessen: „Malerei – das ist nicht mehr als das Verteilen von Farbe auf der Oberfläche“, hat Havekost in einem seiner Ausstellungskataloge geschrieben. Ein Bild heißt „Schwefel“. Man sieht gemaltes Gift: eine schwefelgelbe Fläche, am rechten Rand deutlich heller, gelber, aber ohne jede Tiefe. „Ich erschaffe meine Bilder mit dem Bewusstsein ihrer Flachheit“, hat Havekost gesagt. Seinen Studenten in Düsseldorf erklärte er: „Ihr müsst Malerei im Bewusstsein ihrer Flachheit machen.“

Im Gästebuch der Galerie steht die Widmung einer Studentin

Wie „Schwefel“ würde man die Bilder „Grab“ und „Toteninsel“ den vermeintlich abstrakten Werken zuordnen. Aber was hat es mit diesen Namen auf sich? Könnte die gräulich-bräunlich-grünlich schimmernde Fläche von „Grab“ nicht auch der Ausschnitt eines verwitterten Grabsteins sein? Oder wollte Havekost den Betrachter mit solchen Titeln nur in die Irre führen: Erwischt! Beim Kategorisieren erwischt! Die – ebenfalls nur vermeintlich – abstrakten Bilder hat er seine „realistischen“ genannt.

„Das Bildermachen war vielleicht auch ein Weg, sich der Rätselhaftigkeit der Gegenwart zu nähern, ohne sie letztendlich zu entschlüsseln“, so steht es im von der Galerie veröffentlichten Nachruf. Das Bild „U Say Love“ zeigt einen Riesensalamander. Die können bekanntlich nicht sprechen. Ein Student Havekosts, der sich dessen letzte Schau nun angesehen hat, konnte in der Galerie von dem Moment der spontanen Namensfindung „U Say Love“ für das fertige Bild im Atelier des Künstlers berichten.

„U Say Love“: So konnte die Schau natürlich jetzt nicht mehr heißen. Oder vielleicht doch? Gerade jetzt? Das (vermeintlich) figurative Bild „Buch“ zeigt: ein Buch. Eine Studentin hat ins Gästebuch der Galerie geschrieben, das nun auch eine Kondolenzbuch ist: „Ruhe in Frieden, mein lieber Professor!“

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Galerie Contemporary Fine Arts, Grolmannstr. 32/33; bis 10. August, Mo–Fr 10–18 Uhr, Sa 11–14 Uhr

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