Ingomar von Kieseritzky gestorben : Stilsicherer Wortakrobat

Grimmiger Humor, passionierte Neurosen: Zum Tod des Berliner Schriftstellers und Hörspielautors Ingomar von Kieseritzky. Ein Nachruf

Der Schriftsteller Ingomar von Kieseritzky, 1944 - 2019, hier ein Foto aus dem Jahr 2012.
Der Schriftsteller Ingomar von Kieseritzky, 1944 - 2019, hier ein Foto aus dem Jahr 2012.Foto: imago stock&people

Wenn Ingomar von Kieseritzky in die Verlegenheit kam, einen seiner Romane genauer zu erklären, zitierte er gern einen Ausspruch Mark Twains über Huckleberry Finn: „Wer versucht, eine schlüssige Handlung darin zu finden, wird erschossen.“ Wer einer solchen Maxime folgt und Bücher schreibt, hat es natürlich nicht leicht, ein großes Publikum zu finden, und so gehörte Ingomar von Kieseritzky, obwohl ein Liebling der Kritik und enorm produktiv, zu einem der großen Unbekannten der deutschsprachigen Literatur.

Dabei sind seine vielen in den achtziger und neunziger Jahren veröffentlichten Romane und auch seine zahlreichen Hörspiele durchsetzt von einem manchmal freundlichen, oft aber sehr grimmigen Humor, von einer großen Stilsicherheit und Wortakrobatik sowieso. Von Kieseritzkys Figuren, in der Regel Männer, haben es nie leicht in ihrem Leben, sie leiden unter ihren Schrullen, sie sind Neurotiker, Hypochonder, Misanthropen und Melancholiker. So wie die diversen Antihelden in „Der Frauenplan. Etüden für Männer“, die ein aberwitziges Leben führen. Oder wie Arthur Singram, der Held aus von Kieseritzkys letztem, 2011 veröffentlichtem Roman „Traurige Therapeuten“. Von Beruf Schriftsteller und Heilpraktiker, allerdings für Tiere, befindet sich Singram wegen „harmloser Defekte, an denen jeder Mensch in diesen Zeiten laboriert“, in einer Klinik in der Schweiz, um hier nicht nur zu gesunden, was ihm halbwegs gelingt, sondern auch an einer „Geschichte des Schwachsinns“ zu schreiben.

Allein die Titel seiner Romane waren eine Klasse für sich, so wie "Das Buch der Desaster"

Ingomar von Kieseritzky, 1944 in Dresden geboren, wuchs unter anderem in Freiburg und auf der Nordseeinsel Langeoog auf. Er arbeitete erst als Requisiteur und später als Buchhändler in Göttingen und West-Berlin. 1968 debütierte er mit dem Roman „Ossip und Sobolev oder Die Melancholie“. Dem bescheinigte damals in einem Nachwort einer seiner Förderer und Geistesbrüder, der große Sprachspieler Helmut Heißenbüttel, die „unkalkulierbaren Impulse“ dieser Erzählung.

Weitere Romane folgten, und deren komische Titel waren allein schon eine Klasse für sich: „Trägheit oder Szenen aus der vita activa“. Oder „Das Buch der Desaster“. Oder: „Kleiner Reiseführer ins Nichts“. 1997 erhielt von Kieseritzky den Alfred-Döblin-Preis, 1999 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor, der vielleicht am besten zu seinem Werk passende Preis. Literarische Genres waren für Ingomar von Kieseritzky nur dazu da, persifliert zu werden. Auch sein autobiografischer Familienroman „Da kann man nichts machen“ ist vor allem die Ableitung eines Familienromans. Dieser soll von dessen Helden und Ich-Erzähler Randolf K. geschrieben werden, für ein üppiges Honorar, das ihn von seinen Schulden erlösen könnte. K. aber scheitert an diesem Buch – im Gegensatz zu von Kieseritzky, dessen Werk man getrost als singuläres in der deutschsprachigen Literatur bezeichnen kann. Wie erst jetzt bekannt wurde, verstarb Ingomar von Kieseritzky am vergangenen Sonntag in Berlin.

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