Internationales Literaturfestival Berlin : Die Spreu und der Weizen

Petina Gappah eröffnet das Berliner Literaturfestival mit einer bewegenden Rede über die europäisch-afrikanischen Verflechtungen.

Signierstunde. Petina Gappah präsentiert ihren Erzählungsband "Die Schuldigen von Rotten Row" in der Kreuzberger Buchhandlung Dante Connection.
Signierstunde. Petina Gappah präsentiert ihren Erzählungsband "Die Schuldigen von Rotten Row" in der Kreuzberger Buchhandlung...Foto: Carsten Thesing/Umago

Einen Augenblick lang war das Internationale Literaturfestival Berlin in ein seltsames Zwielicht getaucht. Angesichts des moralischen Rigorismus, mit dem es sonst Menschenrechtsverletzungen zwischen Russland, China und der arabischen Welt ohne Blick auf realpolitische Komplikationen anprangert, schien es sich mit der diesjährigen Eröffnungsrednerin Petina Gappah selbst ein Bein gestellt zu haben.

Die aus Simbabwe stammende Schriftstellerin und Handelsjuristin hatte sich 2017 nach dem Sturz von Präsident Robert Mugabe, der das Land vier Jahrzehnte lang tyrannisch regierte, in den Dienst seines Nachfolgers und vormaligen Stellvertreters Emmerson Mnangagwa begeben, um diesen in Investitionsfragen zu beraten.

Unter dem Titel „Gute Laune für den Diktator“ attackierte Bernd Dörries, der in Kapstadt ansässige Afrika-Korrespondent der „Süddeutschen Zeitung“, Gappah am vergangenen Dienstag in einem rhetorischen Misstrauens-Hü und Erklärungs-Hott als „freundliches Gesicht“ eines Regimes, das nicht weniger verbrecherisch agiere als dasjenige, das es hinter sich lassen wollte.

Doch im Blick aufs Ganze der postkolonialen Verwerfungen auf dem afrikanischen Kontinent hätte sie am Mittwochabend auf der Bühne des Hebbel am Ufer nicht eleganter und entschiedener auftreten können.

Über Mnangagwas bittere Bilanz – und sein wirtschaftliches Scheitern – lässt sich schwer streiten. Die Nachrichten sprechen eine eindeutige Sprache, und die Zerrissenheit des Landes, wie sie Melanie Müller im Auftrag der Stiftung Wissenschaft und Politik in der im April erschienenen Studie „Simbabwe nach Mugabe“ (swp-berlin.org) schildert, entschuldigt nichts.

Ende eines Beraterjobs

Zu berücksichtigen aber gilt es, dass Petina Gappah nach 18 Monaten Beratungstätigkeit im August den Bettel enttäuscht hinschmiss und auf Facebook unter anderem erklärte: „Ich habe begreifen müssen, dass Reformen für viele das Letzte sind, weil sie schlicht und einfach glauben, dass sie nun an der Reihe bei den Fleischtöpfen sind.“

Unmissverständlich auch der Essay im „Guardian“, in dem sie letzte Woche Mugabes Tod kommentierte. Er gesteht Mnangagwa zwar den Willen zur außenpolitischen Öffnung zu, beschreibt ihn jedoch im Übrigen als halbherzigen Erneuerer.

Angesprochen wird darin auch das in der Landessprache Schona beschönigend „Gukurahundi“ (Der frühe Regen wäscht die Spreu vor dem Frühlingsregen weg) genannte Massaker zu Anfang der 80er Jahre, bei dem über 10000 Menschen durch Mugabes Fünfte Brigade im Matabeleland zu Tode kamen. Einheimische Menschenrechtler hatten Gappah vorgeworfen, das Massaker zu leugnen, zeigten in ihren Tweets aber auch, dass sie persönliche Rechnungen offen haben.

Selbstverpflichtung trotz Bedenken

In Berlin, der Stadt, in die sie sich 2017 als DAAD-Stipendiatin verliebt hatte, erklärte sie im ersten Teil einer bewegenden Rede über die Verflechtungen von europäischer und afrikanischer Geschichte überzeugend, wie sie sich nach dem Putsch gegen Mugabe aufgerufen fühlte, an der inneren Neuordnung Simbabwes mitzuwirken – gegen alle Bedenken, „mit einem Regime zusammenzuarbeiten, mit dessen Politik und Haltung ich nicht einverstanden war“.

Auch Gabriele von Arnim, die in Gappahs literarisches Werk einführte, verteidigte das Engagement als nachvollziehbaren Versuch, der krisengeschüttelten Heimat – „the land of my being“ – in einem Moment beizuspringen, in der Gappah die Hoffnung haben durfte, etwas zu bewegen.

Vermischt mit Erinnerungen an ihre Familie und die Totem-Kultur ihres Volkes, rekapitulierte sie noch einmal die Berliner Konferenz der Jahre 1884/85 im Palais Schulenburg. Mit der „Kongoakte“ schufen 14 westliche Staaten durch Handelsgesetze die Voraussetzungen dafür, Afrika unter sich aufzuteilen.

Von Reparationszahlungen will Gappah indes nichts wissen: „Ich glaube, dass eine wirksame, vielleicht die wahrhaftigste Form von Reparationen in einer gerechteren internationalen Wirtschaftsordnung bestünden.“ Viel, meinte sie am Ende, sei schon damit getan, Brechts „Fragen eines lesenden Arbeiters! („Wer baute das siebentorige Theben?“) auf die europäisch-afrikanische Vergangenheit anzuwenden. Daran hat hierzulande bestimmt noch keiner gedacht.

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