Interpol live in Berlin : Existentialisten des Rock

Indie-Pathos, mehrstimmige Hymnen und die Ahnung eines Riffs:  Interpol beweisen im Tempodrom, dass mit ihnen noch zu rechnen ist.

Interpols Gitarrist Daniel Kessler
Interpols Gitarrist Daniel KesslerFoto: AFP/Beatnik/Kazumichi Kokei

Wenn der Existenzialismus einen Klang hat, dann haben Interpol ihn in Groll und Selbstverachtung verwandelt. Denn darum geht es auf „Marauder“, ihrem Album dieses Spätsommers. Um das Böse, Zerstörerische, das in einem selbst steckt, einen „Freundschaften ruinieren und alle möglichen verrückten Dinge anstellen“ lässt, wie Sänger und Gitarrist Paul Banks sagt. Obwohl seine Band am Sonntagabend im Tempodrom nur wenige, zu wenige, Stücke daraus spielt, setzt dessen unerbittliche Dissonanz den Ton.

Es ist ein scheppernder, oszillierender Ton aus Frequenzen, die einander aus der Balance werfen, aber nichts Anklagendes haben. Wen sollte man auch verdammen, wenn es um einen selbst geht?

Banks helle Stimme löst sich vielmehr in einem lärmenden Nebelgebilde auf, wie ein Ruf aus der Ferne. Im Verbund mit seiner eigenen Gitarre sowie der von Nebenmann Daniel Kessler ist sie bloß ein weiteres Instrument – man versteht kein Wort, trotz der Mühen, die Banks auf literarische Bilder wie des auf der Couch schlafenden Ehemannes in „C’mere“ verwandt hat. Das raue Pathos von Weltschmerz und Einsamkeit, auf das Interpol spezialisiert sind, geht ins Unsagbare über, die Konturen der Musiker verschwimmen im blauen Licht.

Was tun, wenn man nichts liebt?

So überzeugend wie auf „Marauder“ ist das Trio, das mit dem New-Wave-Revival der frühen nuller Jahre berühmt wurde, einige Umbesetzungen erlebte und bei Auftritten von einem Keyboarder und einem Bassisten verstärkt wird, lange nicht mehr zu Werke gegangen. Seit 2010 wirkte es ausgebrannt, brachte zuletzt gar sein Debütalbum „Turn On The Bright Lights“ zur Aufführung. Nun aber konfrontiert es sich mit der auch für das eigene Selbstverständnis nicht unwichtigen Frage, auf welche Zukunft man bauen soll, wenn man nichts liebt – oder vorgibt, es nicht zu tun.

Banks, Kessler und Drummer Sam Fogarino hatten sich ja ganz gut eingerichtet in der Pose abgebrochener Philosophie-Studenten, die in schönstem Indie-Pathos über allem stehen und „in stillem Glanz“ auf irgendetwas warten, wie es in „If You Really Love Nothing“ heißt. Interpols Vorschlag ist ein liebenswürdiger: „Come and see me / Yeah, maybe you try.“ Es kommt auf einen Versuch an.

Modus des Selbstgesprächs

Zur Platte hat Banks gesagt, dass er diesmal eigene Erfahrungen in die Songs habe einfließen lassen, statt wie sonst über Dinge zu singen, die er als Chronist betrachtete. Was er meint: Dass er in den Modus des Selbstgesprächs gewechselt ist, um seiner sinistren „second nature“ Raum zu geben. Das führt zu einer interessanten Auseinandersetzung, härter, energischer, veredelt wie verzinktes Metall. Selbst ältere Songs werden in diese Legierung getaucht, was funktioniert, weil die DNA eines Interpol-Songs seit 2002 weitgehend unverändert geblieben ist. Aus wenigen Gitarrentönen formt sich die Ahnung eines Riffs, aber es wird meist keines draus, denn schon marschiert der Song los, faltet sich auf in eine hymnische Mehrstimmigkeit und bricht so plötzlich ab, wie er begonnen hat.

Erstaunlich ist nur, mit welcher Treue Interpol an Songs aus ihrer Frühphase festhalten, in denen es um jugendliche Dramen wie Selbstmord oder die Faszination für Massenmörder geht. Dabei haben sie begriffen, dass die wahre Aufgabe darin besteht, den Überblick bei dem zu behalten, was man liebt. „Give me the oversight“, singt Banks, „inside the other.“ Es ist keine Kleinigkeit, verführt zu werden. Interpol selbst verzichten darauf. Nach 75 Minuten ist es vorbei.

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