Interview mit Deichkind : „Als Schleifpapier wären wir maximal grob“

Eiernde Beats, „Like mich am Arsch“ und irrwitzige Kostüme: Deichkind sind die exzentrischste deutsche Band. Am Freitag erscheint ihr Album „Wer sagt denn das?“ Ein Gespräch über Party als Beruf und Popmusik mit Haltung.

Jenni Zylka
Paradiesvögel. Deichkind, 1997 in Hamburg-Bergedorf gegründet, arbeiten an der Abschaffung der Ernsthaftigkeit.
Paradiesvögel. Deichkind, 1997 in Hamburg-Bergedorf gegründet, arbeiten an der Abschaffung der Ernsthaftigkeit.Foto: Universal Music

Im Song „1000 Jahre Bier“ auf Ihrem neuen Album heißt es: „Drei Liter Malz rein in den Hals / 1000 Jahre Bier.“ Erinnert ein bisschen an den Ballermann-Hit „Wir müssen aufhören weniger zu trinken“. Würde Ihre Platte auch am Ballermann laufen?

KRYPTIK JOE: Das haben wir extra so rausgearbeitet, „1000 Jahre Bier“ ist unser trojanisches Pferd für den Ballermann. Eigentlich wollten wir keine Saufsongs mehr machen, weil wir die Geschichte auserzählt haben. Aber die Strategie von Deichkind war immer schon, sehr viele Menschen auf ein Konzert zu kriegen. Wenn dann jemand kommt, der nur „1000 Jahre Bier“ kennt, dann muss der unsere Haltung trotzdem ertragen.

LA PERLA: Wir stellen einen flexiblen Trichter auf, an dem die Songs in verschiedene Richtungen ziehen. „1000 Jahre Bier“ macht diesen Trichter sehr weit auf, da fallen ganz viele Leute rein, nach unten wird er aber immer enger, und am Ende kommt eine Wurst raus ...

PORKY: ... ein humaner Brei, ein Gesellschaftsbrät ...

LA PERLA: ... und das finden wir spannend, unterschiedliche Leute einzufangen und zusammenzupressen. So massieren wir denen unseren Blick auf die Welt ein. Ich habe festgestellt, um mal eine Metapher aus der Technik zu nehmen, wenn wir Schleifpapier wären, dann wären wir die 80er Körnung. Maximal grob. Wir sind nicht für den Feinschliff da, das sollen andere machen. Sascha Lobo muss dann übernehmen, der macht den 120er Schliff, ein bisschen feiner. Beim Schleifpapier geht es bis zur 3000er Körnung.

Sascha Lobo?

LA PERLA: Ja, ab und zu lese ich seine Kolumnen. Zumindest mag ich seine Themenauswahl.

PORKY: Wir wollten ihn für das „Wer sagt denn das?“-Video, aber er konnte nicht. Rezo war dann zum Glück da. Vielleicht hatte Lobo auch Angst wegen seiner Frisur.

Sie machen sich viele Gedanken über Ihre Musik, lassen Ihre Gefühle aber prinzipiell außen vor. Wieso?

LA PERLA: Wahrscheinlich sind wir nicht in der Lage, es anders zu machen. Wir haben die Mittel gewählt, die uns liegen. Wir müssen selbstkritisch sagen, dass wir eigentlich Stümper sind.

Sie könnten doch emotionale Stümper sein.

LA PERLA: Das weiß ich nicht, obwohl ich glaube, dass wir alle mit Eltern großgeworden sind, die als Nachkriegskinder Gefühle hochgradig tabuisiert haben. Und daneben ist es eben auch ein enormes Talent, seine Gefühle ausdrücken zu können.

KRYPTIK JOE: Finde ich auch. Wenn ich wirklich meine eigenen Emotionen in Songs reinbringen würde – das wäre eine andere Disziplin. Ich sehe mich eher als einen Handwerker.

Haben Sie denn schon mal versucht, mit Liebeskummer zu schreiben?

KRYPTIK JOE: Ja, hab ich, aber das hat nicht geklappt.

PORKY: Gefühle sind auch egal.

KRYPTIK JOE: Nee, das finde ich nicht!

LA PERLA: Nee, find’ ich auch nicht!

PORKY: Mann, es geht doch darum, wer man ist, heute fühlt man sich so, morgen so.

Sie zitieren auf dem neuen Album den Sound von Missy Elliott. Die geht ähnlich spielerisch mit Worten um wie Deichkind. Bei ihr merkt man aber auch eine Dringlichkeit ...

KRYPTIK JOE: Ja, vielleicht liegt das daran, dass wir Deutsche sind.

LA PERLA: Glaube ich nicht, ich denke, das liegt eher an der Frage, was wir überhaupt herstellen können. Vielleicht sind bei uns eben eher Themen wie Humor oder Freiheit dringlich. Man kann sich der Komplexität der Welt manchmal mit Ironie besser nähern als mit Ernsthaftigkeit. Man darf auch nicht unterschätzen, dass das Werk von Deichkind erst mit der Bühnenshow komplett ist – zwei sehr gegensätzliche Bereiche werden miteinander verschränkt.

Ihre Bühnenshows sind großartig. Aber Sie treten dabei distanziert auf, schon wegen der Masken.

LA PERLA: Stimmt. Aber ich glaube, dass wir uns in der Anonymisierung, in unserer Kostümierung einen Rahmen geschafft haben, in dem wir uns trauen, über Schamgrenzen hinwegzugehen, Freiheiten zu genießen. Diese Art der Freigeistigkeit, nicht dogmatisch zu sein, finde ich sehr wichtig. Ich erlebe im täglichen Leben viele Menschen als engstirnig.

Auf der Platte sind viele Partysongs ...

LA PERLA: Party ist unser Beruf!

Was machen Sie, wenn Sie mal keine Lust auf Party haben?

LA PERLA: Das gehört ein bisschen zu unserem Job dazu, das ist eine Fähigkeit – wir haben gelernt, an dem Tag zu funktionieren. Und wir sind zum Glück eine große Gruppe. Ich hab’s selbst erlebt, bis 2011 stand ich ja noch auf der Bühne – wenn man keine Lust hat, preschen andere nach vorne. Ein großer Faktor ist außerdem das Publikum – das gibt einem Energieschübe.

KRYPTIK JOE: Und wir sind eben nicht wir selber auf der Bühne. Wir imitieren etwas, sind maskiert und im Kostüm. Das ist auch ein Schutzpanzer.

LA PERLA: Das ist Freiheit und Schutz gleichzeitig!

Schauen Sie sich Theaterinszenierungen als Inspiration für die Deichkind-Bühnenshow an?

LA PERLA: Ja, vor allem Tanz, ich habe eine K-Karte für Kampnagel, ich komme plus Begleitung für 50 Prozent zu allen Inszenierungen, das schöpfe ich stark aus! Zeitgenössischer Tanz wird bei unserer nächsten Show eine sehr wichtige Rolle spielen. Ich komme ja eher aus dem Bereich Konzeptkunst, das liebe ich privat, und das versuche ich auch in das Projekt Deichkind einfließen zu lassen.

Die neue Platte ist vom Klang her typisch Deichkind. Können Sie sich vorstellen, noch mal die Richtung zu wechseln, so wie Anfang der Nullerjahre?

KRYPTIK JOE: Ich will das nicht ausschließen. Gerade weil wir soundmäßig so identifizierbar geworden sind. Ich kann mir vorstellen, konzeptionell zu denken und etwas anderes zu machen ... vielleicht keine Jazzplatte ...

PORKY: Ein Country-Techno-Album!

LA PERLA: Wir hätten jedenfalls kein Problem damit – wir sind an dem Punkt, wo wir machen können, was wir möchten. Auch wenn das nicht allen gefällt.

Muss man als Musiker politisch sein, kann ein Song die Welt verändern?

KRYPTIK JOE: Wir können als Kulturschaffende nicht wirklich etwas verändern, aber ein Bewusstsein dafür schaffen, dass etwas verändert werden muss.

LA PERLA: Das sehe ich diametral entgegengesetzt. Ich bin als 16-Jähriger angetreten, um die Welt zu verändern. Ich bin jetzt etwas realistischer als früher, aber glaube schon, dass wir die Welt mitgestalten. Das fängt damit an, wie wir unser Unternehmen führen und mit den Mitarbeitern umgehen. Und welche Diskussionen wir anregen. Das ist in dieser gespaltenen Gesellschaft und bei dem Rechtsruck auch enorm wichtig.

Müsste man dann nicht deutlicher werden?

LA PERLA: Das kann eine Strategie sein, aber wir haben uns dazu entschlossen, niemanden auszuschließen. Es geht darum, Argumenten zuzuhören und nicht nur Parolen zu singen.

PORKY: Aus dem Grund haben wir uns beim Plattentitel für eine Frage entschieden – weil danach eine Pause entsteht. „Wer sagt denn das?“ Es muss ja nicht mal sein, dass man das Trump fragt, man kann sich selbst fragen. Aber in dem Moment hört der Lärm auf, das Pöbeln. Frage ist besser als Parole.

Woher kommt denn das Intro, also der Satz „Wer sagt denn das?“

KRYPTIK JOE: Das ist ein Ausschnitt aus der Serie „Bad Banks“. Das sagt der Leipziger Bürgermeister im Gespräch mit einem Journalisten.

PORKY: Die Serie kannte ich gar nicht. Aber das Zitat passt perfekt.

Das Gespräch führte Jenni Zylka. – Kryptik Joe (bürgerlich: Philipp Grütering), La Perla (Henning Besser) und Porky (Sebastian Dürre) sind drei Viertel der Hamburger Band Deickkind. Ihr Album „Wer sagt denn das?“ erscheint am Freitag, 27. September bei Universal.

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