Iván Fischers Opernfestival in Vicenza : Hülle und Fülle

Zurück zu den Wurzeln der Oper: Im Palladio-Theater von Vicenza hat der Dirigent Iván Fischer ein Festival gegründet.

Eine Frage der Perspektive. Dirigent und Regisseur Iván Fischer (rechts) mit seinem „Falstaff“-Ensemble in Palladios Teatro Olimpico.
Eine Frage der Perspektive. Dirigent und Regisseur Iván Fischer (rechts) mit seinem „Falstaff“-Ensemble in Palladios Teatro...Foto: Kata Schiller/BFO

Am frühen Abend ist in Vicenza alles auf den Beinen. Unten dem besitzergreifenden Blick des venezianischen Löwen auf der Piazza dei Signori wird der Aperitivo gepflegt. Das letzte Sonnenlicht leuchtet in den Rot- und Orangetönen der Spritzgläser. Am Ende des Corso Palladio biegen Menschen in Abendgarderobe in eine Gasse ein und verschwinden in einem Gebäude, dessen Zweck und Ausmaße sein nüchterner Eingang nicht preisgibt. Erst, wer eine Holzstiege erklommen hat, wird des Wunders gewahr, das hier gegen alle Zeitläufte überdauert hat. Das Teatro Olimpico gilt als der erste geschlossene Theaterbau nach der Antike in Europa, und er steht noch genauso da, wie er zur Eröffnungspremiere 1585 eingerichtet wurde.

Alle Studien der alten Baukunst bündelte Andrea Palladio in seinem letzten Bauwerk, einem Amphitheater mit Holzpritschen, das auch Richard Wagner beim Bau seines Festspielhauses inspirierte. Hier hat Iván Fischer jetzt sein Opernfestival gegründet, in sicherer zeitlicher Entfernung zum Sommerfestspielreigen.

Fischer hat seine eigene Kompagnie gegründet - um nie wieder an einem Opernhaus auftreten zu müssen

Kategorisch hat sich der ungarische Dirigent vom modernen Opernbetrieb verabschiedet – aber nicht, weil seine Leidenschaft für das Musiktheater erkaltet wäre. Im Gegenteil. An den großen Häusern ist für ihn die Musik unrettbar ins Hintertreffen geraten. Dort gelte es, Stücke rein visuell zu interpretieren, während sich musikalisch alles wiederhole. Dazu die tiefen Orchestergräben, die hohen Schnürböden – und dazwischen Sänger, die gegen diese gewaltigen Distanzen und Leerräume ansingen müssen. Lebendiges Musizieren ist das nicht für den Gründer des Budapest Festival Orchestra und Ehrendirigenten des Konzerthausorchesters Berlin.

Deshalb hat er die Iván Fischer Opera Company gegründet und in Budapest, Berlin, London und New York bereits Aufführungen gezeigt, die man meist als halbszenisch eingestuft hat. Fischer behagt diese Bezeichnung gar nicht, weil er ja nichts Halbes, sondern ein neues Ganzes anstrebt: Musik und Theater in einer lebendigen Balance, ohne optisches Make-up, erfüllt von der Geistesgegenwart und Kreativität aller Beteiligten.

In Vicenza will Fischer nun zeigen, worum es ihm geht. Dafür macht er sich auf den Weg zurück zu den Quellen und begibt sich im Teatro Olimpico in jenen geistigen Raum, in dem die Oper quasi aus Versehen geboren wurde. Die gelehrten Akademien, aus denen auch Palladios Auftraggeber stammten, beschäftigte eigentlich der Traum, das Drama der Antike wiederzubeleben. Dabei fanden die verstreuten Künste neu zusammen: das Theater, die Musik, der Tanz, aber auch Kunst und Architektur. Kurze Zeit darauf erklangen die ersten Opern von Caccini, Peri und Monteverdi. Doch rückwärts zu gehen, um den Blick für das Wesentliche zu befreien, ist eine mühevolle Aufgabe. So traumhaft der Aufführungsort in Vicenza ist, so sehr gelten auch hier strikte Regeln. Probiert werden kann erst nach 17 Uhr, dann hat das Museum geschlossen.

Auch darf der eigentliche Bühnenraum nicht betreten werden, in dem die Originalkulisse die Sicht auf die sieben Straßen eines architektonisch idealen Theben eröffnet. Als Spielfläche bleibt ein Streifen vor dem Bühnenportal. Fischer, der sagt, seine beste „Traviata“ habe er einst vor einem blockierten Eisernen Vorhang dirigiert, braucht nicht mehr Platz.

Selbst der Chor entstammt dem Orchester, der Dirigent ist auch Wirt

Auch die Eröffnungspremiere von Vicenza gilt Verdi. Mit seinem „Falstaff“ gelingt dem greisen Komponisten vollkommen unerwartet eine pulsierende Verbindung von Musik und Theater, weg vom einsamen Fatum, zurück zu einer Ensemblekunst, wie sie Mozart der Oper schenkte. Ein Werk, wie geschaffen für Fischer und sein Anliegen. Als Dirigent steht er im Teatro Olimpico mit auf der Bühne, als Spieler unter Spielern, inmitten seiner Budapester Musikerinnen und Musiker. Die Streicher sitzen als Dorfbewohner zwischen den Stegen und Weinfässern, mehr Ablenkung für das Auge gibt es nicht.

Die Bläser musizieren im kleinen Orchestergraben, mit dem Blick zur Bühne. Sie sehen und hören genau, was dort geschieht – im Gegensatz zu ihren Kollegen in den normalen Opernhäusern. Denen würde niemals einfallen, die Rolle des Chors gleich mit zu übernehmen. Das Budapest Festival Orchestra aber arbeitet regelmäßig mit einem Chorleiter. Wie soll man als Nichtsänger sonst verstehen, was die Anweisung cantabile in der Partitur bedeutet? „Eine Welt öffnet sich, wenn man singen kann“, sagt Fischer und dirigiert entspannt im 360-Grad-Radius. Er übernimmt die Rolle des Wirts nicht nur für seinen Falstaff – umwerfend inkarniert von Ambrogio Maestri –, er sorgt auch dafür, dass sich alle wohlfühlen und die Sinne stets geschärft bleiben. Die Musik allein bewegt die Szene, das Ensemble mit wunderbaren Musikdarstellern wie Eva Mei, Sylvia Schwartz und Tassis Christoyannis gewinnt eine Autorität, wie man ihr nur selten begegnet. Nie klang der Glühwein, mit dem sich der pitschnasse dicke Ritter zurück ins Leben trinkt, so vitalisierend.

Das Festival folgt einer Spur von Claudio Abbado

Am Morgen nach der „Falstaff“-Premiere blinzelt Iván Fischer vor dem Café Garibaldi ins Sonnenlicht, sucht Schutz unter einem Schirm. Im Sommer hat ihn eine Augenoperation zur Ruhe gezwungen, aber nicht ganz, denn Fischer hat selbst im Liegen weitergeprobt. Seit über 20 Jahren gehen ihm die wunderbaren Theater nicht aus dem Kopf, die an Italiens blühende Vergangenheit erinnern. Heute stehen sie zumeist leer, und selbst die wenigen verbliebenen festen Ensembles kämpfen ums Überleben. Oft hat er sich über die italienische Misere ausgetauscht mit Claudio Abbado, der in der Philharmonie immer ein Bildband liegen hatte, über Theater, die ihrer Wiederbelebung harren. Gut 80 Opernliebhaber haben es Fischer durch Spenden ermöglicht, in Vicenza seinen Traum von einer Oper ohne Opernbetrieb zu beginnen. Im nächsten Jahr sollen zwei Werke gespielt und die Aufführungen aus dem kleinen Teatro hinaus auf die Piazza dei Signori übertragen werden.

Was dann gespielt wird in Vicenza? Das Galakonzert des Budapest Festival Orchestra legt unwiderstehliche Klangspuren in Richtung Rossini und Mozart aus. Fischer und das Ensemble, das er als sein Lebenswerk versteht, spielen mit unverkrampftem Witz und gelassener Grandezza. Längst sind sie Ungarns wichtigste Kulturbotschafter, doch der Ton in der Heimat wird schärfer. Die Stadt Budapest kürzte jüngst die Zuschüsse, Fischer nennt es einen „Ausrutscher“. Den „Angstschürern“ setzt er sein Ideal einer Gemeinschaft von Kreativen entgegen, die bereit sind, Risiken einzugehen. Und zurück nach vorn zu blicken, bis zu Monteverdi: Mit ihm begann auch Fischers eigene Operngeschichte, als Cembalist von Nikolaus Harnoncourt. Das Teatro Olimpico wäre ein wunderbarer Ort für die Rückkehr von Orfeo, Odysseus und Poppea.

Weitere Informationen unter www.vicenzaoperafestival.com

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