James Ivory zum 90. Geburstag : Eine Frage von Klasse

Für „Call Me by Your Name“ gab es endlich den Oscar: Zum 90. Geburtstag des Regisseurs und Drehbuchautors James Ivory, dem Erfinder des britischen Nationalkinos.

James Ivory bei der Oscar-Verleihung im März. Auf seinem Hemd trägt er eine Zeichnung von Timothée Chalamet.
James Ivory bei der Oscar-Verleihung im März. Auf seinem Hemd trägt er eine Zeichnung von Timothée Chalamet.Foto: Matt Crossick/Imago

Manchmal widerfährt einem Menschen erst spät im Leben Gerechtigkeit. So dachten sicher viele am 5. März diesen Jahres, als der 89-jährige James Ivory im Dolby Theatre in Los Angeles seinen ersten Oscar entgegennahm. Und was war das für ein Auftritt des grauhaarigen Gentleman, den stets eine Aura altenglischer Aristokratie umgibt – obwohl er am 7. Juni 1928, am heutigen Donnerstag vor 90 Jahren, im kalifornischen Berkeley als Sohn eines Sägemühlenbesitzers zur Welt kam. Unter dem Smoking trug er ein weißes Hemd mit dem Gesicht von Timothée Chalamet, dem 22-jährigen Star von „Call My by Your Name“, für dessen Drehbuch Ivory gerade ausgezeichnet worden war. Der älteste Preisträger und der zweitjüngste Nominierte in der Geschichte der Oscars: Schöner hätte man sich das verblüffende Comeback Ivorys gar nicht ausdenken können.

Dass ausgerechnet der hochbetagte Regisseur, der 45 Jahre mit seinem indischen Partner Ismail Merchant in einer offen homosexuellen Beziehung lebte, die jugendlichen Begehren zwischen Toskana-Sonne, überreifem Pfirsich-Sex und New Romantic Wave so aufregend und von allen gesellschaftlichen Normen befreit, ohne Problematisierung und Coming-out-Klischees, erzählen könnte, war eine kleine Sensation. Mehr noch: Ivory beschwerte sich in Interviews später über die Prüderie von Regisseur Luca Guadagnino, der auf explizite Nacktszenen verzichtet hatte. Er selbst habe schon 1987 in seinem historischen Liebesfilm „Maurice“ James Wilby und Hugh Grant nach dem Sex wie Gott sie schuf durchs Bild springen lassen. Typisch Amerikaner, meinte er nur kopfschüttelnd.

Gütesiegel für klassisches Arthouse-Prestigekino

Merchant-Ivory: Das war in den achtziger und neunziger Jahren das Gütesiegel für Prestigekino der englischsten Sorte. Exquisit ausgestattete und inszenierte Gesellschaftsdramen vor historischer Kulisse, die ein vergangenes England heraufbeschwören, ohne das Klassensystem zu verklären. Zeitgleich mit einen neu erwachten Interesse Hollywoods an Jane Austen, lösen die Filme von Regisseur James Ivory und seinem Produzenten Ismail Merchant, einem Amerikaner und einem Inder, einen Boom des britischen heritage cinema aus. Das pastorale Sittenbild „Wiedersehen in Howards End“ (1992) begleitet zur Zeit König Edwards VII. zwei Familien von unterschiedlichem Ständebewusstsein durch amouröse und soziale Verwicklungen. Anthony Hopkins, gerade noch Oscar-gekrönt als kannibalistischer Psychopath Hannibal Lecter, und Emma Thompson führen ihre Familien mit subtilem Humor und würdevollem Pragmatismus durch eine Phase des gesellschaftlichen Umbruchs.

Die beiden wurden zu den Gesichtern von Merchant-Ivory. Im folgenden Jahr spielten sie in „Was vom Tage übrig blieb“ ein Butlerpaar, das aufgrund der Klassenetiquette und der Beteiligung ihres Dienstherren am Appeasement-Pakt mit Hitler ihre uneingestandenen Gefühle über Jahrzehnte nur platonisch ausleben können. Privat hat sich Ivory gesellschaftlichen Konventionen nie unterworfen, seine Homosexualität – auch aus Rücksicht gegenüber der Familie seines Partners – aber nie thematisiert. „Maurice“ war seine einzige Regie-Arbeit mit einer schwulen Liebesgeschichte.

James Ivory hat alle seine Partner überlebt

Aber Ivory fand neben Merchant noch zwei weitere Partner, die maßgeblich zum Erfolg seiner Filme beigetragen haben: den englischen Autor E.M. Forster (1879-1970), der die Vorlagen zu „Zimmer mit Aussicht“ (1985), „Maurice“ und „Wiedersehen in Howards End“ geschrieben hatte, sowie seine langjährige Drehbuchautorin Ruth Prawer Jhabvala, die für „Wiedersehen in Howards End“ einen Oscar gewann. Ivory hat sie alle überlebt. Ismail Merchant starb 2005, Ruth Prawer Jhabvala 2013 – da war ihre Art von Kostümfilm längst aus der Mode gekommen.

Der Oscar hat Ivory wieder ins Rampenlicht befördert, er umgibt sich mit neuen Partnern. Für Alexander Payne adaptiert er eine Kurzgeschichte von Prawer Jhabvala, Daniel Day-Lewis, seinen Star aus „Zimmer mit Aussicht“, will er – nicht ohne Augenzwinkern – mit einer Rolle als Privatdetektiv aus dem Vorruhestand locken. James Ivory wird auch das gelingen. Mit 90 Jahren ist er angesagter denn je.

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