Jason Reynolds Roman "Brüder" : Mut zur Ausschweifung

Jason Reynolds’ Roman „Brüder“ über die Erlebnisse von zwei New Yorker Jungs auf dem Land.

Der amerikanische Schriftsteller Jason Reynolds
Der amerikanische Schriftsteller Jason ReynoldsFoto: Martin Hangen/hangenfoto/dtv

Es beginnt verheißungsvoll mit diesen beiden schwarzen Jungs in Jason Reynolds’ Roman „Brüder“ (Aus dem Englischen von Klaus Fritz. Reihe Hanser, dtv, München 2020.378 S., 14, 95 €), dem 14-jährigen Ernie und dem 11-jährigen Genie. Ihre Großmutter hat sie auf „Hundekackepatrouille“ geschickt.

Nun schleudern sie auf dem großelterlichen Hof die getrockneten Häufchen der Hündin Samantha mit Schaufeln in den nahen, gegenüberliegenden Wald. Was für ein Job für zwei Jungs aus der Großstadt! Dagegen ist die Erbsenlese, die auch zu ihren täglichen Aufgaben gehört, fast ein Zuckerschlecken.

Ernie und Genie stammen aus Brooklyn, New York. Weil ihre Eltern nach Jamaika in den Urlaub fliegen, nicht zuletzt, um ihre Ehe zu kitten, müssen sie die Sommerferien bei den Großeltern auf dem Land verbringen, in North Hill, Virginia, bei der toughen Mary und dem blinden Brooke. Verheißungsvoll geht es zunächst weiter.

Was für eine Geschichte möchte Reynolds erzählen

Reynolds reiht Szene an Szene, allerdings schon gemächlicher, und erzählt zum Beispiel, wie Genie sich über die gute Orientierung seines blinden Großvaters wundert. Oder darüber, dass dieser hinten in der Hose manchmal einen Revolver stecken hat. Auch manches Problem in der Familie wird angedeutet, etwa dass der Vater von Genie und Ernie keinen Bedarf hat, mit Brooke zu reden und dass das mit dem Tod des Onkels im Kuwait-Krieg zu tun haben könnte.

Nur fragt man sich nach und nach, was der doch sehr erfahrene Jugendbuchautor Reynolds für eine Geschichte erzählen will, und ob überhaupt eine? Die von zwei Brüdern, wie der Titel suggeriert? 

Dafür bleibt der Ältere zu blass, gewinnt er im Vergleich zu dem wissbegierigen, ständig Fragen stellenden Genie keine Konturen. Oder die von zwei Jungs aus der Großstadt, die auf dem Land aus dem Staunen nicht herauskommen? Es gibt hier schließlich ein seltsames altes Haus, Heimstatt vieler Vögel, auch manche Bekannte der Großeltern haben so ihre Schrullen, und der Markt, auf dem die Großmutter ihre Erbsen verkauft, ist vor allem ein Flohmarkt. 

Nur dürften zwei Brooklyner Jungs solcherart Seltsamkeiten doch zuhauf kennen.

So lauert man auf das auf dem Buchrücken angekündigte „Geschenk, das alles verändert“: Ernie, der in diesen Sommerferien seinen 14. Geburtstag feiert, soll schießen lernen, so will es die Tradition in der Familie. Scharf darauf ist er nicht.

Alles muss von allen gesagt werden in diesem Roman

Leider ist die Hälfte des Romans vorbei, bevor es zu dieser Szene kommt, bevor die im Originaltitel („As brave as you“) und im deutschen Untertitel aufgeworfene Frage, was Mut eigentlich ist, ihre Bedeutung bekommt. Auch diese Szene entwickelt kaum Dramatik, sondern wird von Reynolds in weiten Schwüngen geschildert. Und von einer entscheidenden Veränderung kann keine Rede sein.

Von Beginn der Lektüre hat man den Eindruck einer gewissen Langatmigkeit. Alles muss von allen gesagt werden, in Dialogen, die nicht gerade ein originelles Feuerwerk sind; alles muss noch und nöcher beschrieben werden.

Passend dazu kommt Genie selbst selten als Erzähler mit eigener Perspektive zum Zug, stets fährt ihm der Autor auktorial in die Parade; da helfen selbst seine mit einem Hashtag gekennzeichneten Fragen nichts. Auch Genies Patzer, die er wiedergutmachen will (ein von ihm lädiertes Spielzeugauto flottmachen, einen Vogel fangen, weil er den Tod eines der fünf von ihm mit den Vornamen der Jackson Five bezeichneten Vögel seines Großvaters wohl verursacht hat, den von Michael Jackson), sorgen für keine Dynamik.

So beschleicht einen mit fortschreitender Lektüre das Gefühl, dass Reynolds sich bevorzugt eigenen Erinnerungen hingegeben hat. Denn gewidmet ist „Brüder“ seinem Großvater, der denselben Vornamen wie der Roman-Großvater trägt, Brooke Reynolds.

Klar, es gibt einige rührende, bewegende, ja, auch skurrile Momente, am Ende gar noch ein tragisches, lange als Familiengeheimnis gehütetes Ereignis aus der Vergangenheit – und doch scheint der autobiografische Zugriff Jason Reynolds beim Erzählen hinderlich gewesen zu sein. „Brüder“ ist ein durchaus interessant-impressionistischer, leider zäher Familienroman, der am Ende selbst noch Fragen offenlässt: Warum steht vor den Fragen, die Genie sich stellt, ein Hashtag? Und warum beginnen sie mit #437?

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