Jean-Guihen Queyras im Boulez Saal : Liebeserklärung an die Welt

Musikalische Mammutleistung: Der französische Cellist Jean-Guihen Queyras begeistert im Pierre Boulez Saal.

Jean-Guihen Queyras, Jahrgang 1967.
Jean-Guihen Queyras, Jahrgang 1967.Foto: Marco Borggreve

Auf der kleinen Auftrittsfläche im Pierre Boulez Saal umgibt ihn eine Aura sensibler Jugendlichkeit, hautnah dem Publikum ausgesetzt, fragil und fast schmächtig wirkend. Dabei vollbringt Jean-Guihen Queyras eine Mammutleistung, die vermutlich eine stahlharte Konstitution benötigt.

„Six Suites, Six Echoes“ nennt der französische Cellist sein Projekt, für das er den sechs Suiten Johann Sebastian Bachs jeweils sechs zeitgenössische Auftragswerke voranstellt. Dabei spielt Queyras die Suiten, Kompendium der Cellokunst des 17. Jahrhunderts und auch heute an technischer Kniffligkeit und Tiefsinn Prüfstein für jeden Cellisten, in der ursprünglichen Reihenfolge, erzählt sie als eine Geschichte in Klang gesetzter Lebensstationen. Die wiederum geraten in neue, schillernde Beleuchtungen durch die vorangestellten modernen Kompositionen, Echos, die einen Vorgeschmack geben.

Vom spielerisch-experimentellen Geist beseelt

Ivan Fedeles „Arc-en-ciel“ führt so mit tastend angestimmten, zunehmend beschleunigten Flageolett-Tönen in die Suite Nr. 1 G-Dur, die jetzt, mit ihrer aus wogenden Dreiklängen hervorgehenden Melodik, vom gleichen spielerisch-experimentellen Geist beseelt erscheint. Jonathan Harvey schlägt schärfere, gestischere Töne an, nimmt den Kontrastreichtum der grüblerischen d-Moll-Suite mit dramatisch gezackten Abwärtsfiguren vorweg. Die murmelnden Abwärtsläufe, mit denen György Kurtág des großen Cellisten Miklós Perényi gedenkt, könnten geradewegs den abwärtsgerichteten Figuren der C-Dur-Suite entstammen, wären diese nicht so viel kraftvoller und optimistischer. Schattenhafter Abgesang spricht aus der ausdrucksvollen Einsilbigkeit des großen Ungarn. Gilbert Amy, Misato Mochizuki, Ichiro Nodaida leiten mit kontrastreich grundierten Pizzicato-Ketten, sich durch die Register seufzenden Sexten und kraftvoll akzentuierter Motorik zu den Suiten Es-Dur, c-Moll und D-Dur.

Denen gibt Queyras – wie auch schon den vorausgegangenen Bach-Werken – in virtuoser Selbstverständlichkeit sprechenden Nuancenreichtum, lässt Gavotten und Bouréen wunderbar schwingen, zelebriert die Sarabanden in einsamer Verlorenheit.

Der grimmig in dunklem c-Moll verharrenden Suite Nr. 5 folgt mit dem hellen Doppelgriff-Gesang des abschließenden D-Dur-Werks eine „Liebeserklärung an die ganze Welt“ (Queyras). Danach will das begeisterte Publikum den glücklich strahlenden Künstler gar nicht mehr von der Bühne lassen.

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