• John Heartfield in der Akademie der Künste: Wie es sich anfühlt, allein mit der eigenen Ausstellung zu sein

John Heartfield in der Akademie der Künste : Wie es sich anfühlt, allein mit der eigenen Ausstellung zu sein

Die bereits aufgebaute Heartfield-Ausstellung in der Akademie der Künste kann derzeit nicht eröffnet werden. Hier beschreibt die Kuratorin, was das für sie bedeutet.

Angela Lammert
Das Motiv "Krieg und Leichen – Die letzte Hoffnung der Reichen" (Ausschnitt) von 1932 erschien in der "AIZ".
Das Motiv "Krieg und Leichen – Die letzte Hoffnung der Reichen" (Ausschnitt) von 1932 erschien in der "AIZ".Foto: The Heartfield Community of Heirs / VG Bild-Kunst, Bonn 2020 Akademie der Künste, Berlin

Das Gefühl, das man hat, wenn man eine Ausstellung eröffnet, lässt sich mit dem bei einer Theaterpremiere vergleichen. Man hat lange und intensiv an einem Thema gearbeitet, nun ist man gespannt, wie das Ergebnis beim Publikum ankommt. 

Im Fall von „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ ist dann aber erst einmal nichts passiert. Der Vorhang blieb sozusagen unten. Wegen der Coronakrise konnten wir die Ausstellung, die wir in der Berliner Akademie der Künste präsentieren wollten, nicht wie geplant am letzten Wochenende eröffnen.

400 Exponate wären zu sehen gewesen

Dabei waren wir auf den Punkt fertig geworden. Unser Ausstellungsteam hatte die von Roswitha Kötz entworfene Ausstellungsarchitektur pünktlich fertiggestellt, auf 600 Quadratmetern waren bis Freitag rund 400 Exponate in den Ausstellungsräumen am Pariser Platz platziert worden. 

Dass wir die feierliche Eröffnung absagen mussten, war auch deshalb sehr schade, weil viele besondere Gäste kommen wollten: der Videokünstler Marcel Odenbach, der für uns eine Mediencollage geschaffen hat oder der Bildhauer Richard Deacon und die Künstlerin Tacita Dean aus Großbritannien, die etwas für den Katalog geschrieben haben. Vor allem habe ich mich auf Heartfields Enkel Bob Sondermijer gefreut, der mit seiner Frau Jolanda aus Holland angereist wäre.

„Fotografie und Dynamit“ ist die umfangreichste Ausstellung über John Heartfield seit fast dreißig Jahren und eines der wichtigsten Projekte der Akademie in diesem Jahr. So etwas vorzubereiten dauert lange. Gearbeitet an der Schau haben wir drei Kuratorinnen – Anna Schultz, Rosa von Schulenburg und ich – in verschiedenen Phasen über vier Jahre. 

Digitalisierter Nachlass

Die Grundlage der Ausstellung bildet die Neubearbeitung und Digitalisierung seines Nachlasses. Im Zuge dieser Arbeit entstand die Ausstellungsidee. Drittmittel von der Kulturstiftung des Bundes machte die Realisierung möglich. Gezeigt werden die vielen Facetten von Heartfields Kunst, von der Buchgestaltung und Werbung über die politische Pressearbeit und Bühnenausstattung bis hin zu Fotografie und Trickfilm. 

Schlüsselarbeiten und Archivfunde werden kombiniert. Zu den Recherchen gehörte beispielsweise auch, sämtliche akustischen und filmischen Quellen zu Heartfield, die noch nicht publiziert waren, systematisch zu erfassen und teilweise für die Ausstellung auszuwählen. Der Filmexperte Jeanpaul Goergen hat dabei einen unbekannten Kulturfilm entdeckt, den Heartfield gemacht hatte.

Besonderer Zauber

Dass wir die Ausstellung absagen mussten, war ein Schock, den wir erst einmal verdauen mussten. Für uns Mitarbeiter hat die Situation aber auch etwas Gutes: Wir haben John Heartfield nun länger für uns. Im Raum wirken seine Arbeiten noch einmal anders, als wenn man sie im Archiv aussucht. 

Sie entfalten einen besonderen Zauber. Wir haben viele Originalmontagen dabei, an denen man erkennt, wie haptisch seine zehntausendfach reproduzierte Kunst ist. 

Viele kennen seine ikonischen Bilder wie die Hyäne mit Zylinderhut und „Pour le Profite“ oder Hitler mit dem „deutschen Gruß“, dem ein Kapitalist von hinten Geldscheine zusteckt. Heartfield war ein Montagekünstler, aber er hat nicht nur ausgeschnitten und zusammengeklebt.
Er arbeitete mit Farbe, hat sie gesprüht, über das Foto gepustet oder übermalt, mit Fotografen Motive inszeniert und aus all dem zusammen seine Werke komponiert. Das zu sehen ist ziemlich sensationell. Wir zeigen den gesamten Arbeitsprozess – vom erhaltenen Montagematerial, das er benutzt hat, bis zum Druck in der „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ (AIZ), die massenhaft verbreitet wurde. Bitter ist, dass sich andere daran im Augenblick nicht mitfreuen können.

Das Motiv „Benütze Foto als Waffe!“ (Selbstporträt mit Polizeipräsident Zörgiebel)" stammt von 1929.
Das Motiv „Benütze Foto als Waffe!“ (Selbstporträt mit Polizeipräsident Zörgiebel)" stammt von 1929.Foto: The Heartfield Community of Heirs/ VG Bild-Kunst, Bonn 2020 AdK, Berlin

Glücklicherweise konnten wir für die Ausstellung fast ausschließlich auf Bestände der Akademie zurückgreifen. Neben dem Heartfield-Archiv waren das vor allem die Nachlässe von Bertolt Brecht und Erwin Piscator. Ausgeliehen wurden nur wenige Exponate, deshalb bedrängen uns keine Leihfristen. Ursprünglich sollte die Ausstellung am 21. Juni enden. Wir hoffen nun, dass sie doch noch im Sommer eröffnet werden kann. Anschließend soll sie weiterwandern nach Zwolle und London. Ich bleibe optimistisch.

Eine multimediale Online-Reise

Der auf Deutsch, Englisch und Niederländisch herausgegebene Katalog ist bereits herausgekommen, ein mehr als 300- seitiger Forschungsbeitrag, der jetzt in der Welt ist, ebenso das „Berliner Adressbuch“ zu Heartfield. Außerdem haben wir unter www.johnheartfield.de/kosmos-heartfield eine multimediale Reise durch das Leben des Künstlers freigeschaltet. 

Heartfields Arbeiten sind von beunruhigender Aktualität und haben von ihrer politischen Sprengkraft nichts eingebüßt, gerade in einer Zeit, in der rechtes Gedankengut wieder auf dem Vormarsch ist. Deshalb schmerzt die Absage besonders. 

Mir tut es auch aus persönlichen Gründen weh. Im Leben einer Kuratorin gibt es vielleicht fünf Ausstellungen, die etwas ganz Besonderes, etwas Großes sind. Für mich ist „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“ ganz sicher eine davon. Auch daran muss ich denken, wenn ich die berühmte Fotomontage Heartfields am Eingang zur Ausstellung am Pariser Platz sehe: „Fünf Finger hat die Hand“.
Angela Lammert leitet interdisziplinäre Sonderprojekte der Berliner Akademie der Künste und ist Privatdozentin an der Humboldt-Universität Berlin. Seit 1991 kuratiert sie Ausstellungen. Protokoll: Christian Schröder

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