• Judenfeindlichkeit in Deutschland: Antisemitismus findet sich überall in der Gesellschaft

Judenfeindlichkeit in Deutschland : Antisemitismus findet sich überall in der Gesellschaft

Der Skandal um den Echo und die Rapper Kollegah und Farid Bang hat die Judenfeindlichkeit im Alltag sichtbar gemacht. Sogar in den ARD-Tagesthemen ist sie zu finden.

Erkennungszeichen. Die Kippa wird von jüdischen Männern getragen.
Erkennungszeichen. Die Kippa wird von jüdischen Männern getragen.Foto: P. Steffen/dpa

Ob die beiden Rapper Kollegah und Farid Bang die politische und emotionale Reife besitzen, die KZ-Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau zu besuchen, steht in den Sternen. Eingeladen wurden sie jedenfalls dazu. Das Internationale Auschwitz- Komitee bot ihnen zeithistorischen Nachhilfeunterricht an. Ihr Besuch im Sommer solle „keine Eventveranstaltung und keine Show“ werden, erklärte ein Vertreter des Komitees, „sondern eine Konfrontation mit der Realität und der Geschichte dieses Ortes“. Demnächst verwandeln sich also zwei antisemitische Rapper in Holocaust-Touristen, hoffentlich ohne Tweets, die mitteilen, dass sie den Ort „voll krass“ finden und „echt null Ahnung“ hatten, „was damals los war“.

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Juden in Deutschland: Die Verunsicherung ist groß
Juden in Deutschland: Die Verunsicherung ist groß

Realität und Geschichte, darum geht es. Realität und Geschichte sind die größten Widersacher des Antisemitismus, da er beides leugnen muss, um zu entstehen und zu bestehen. So auch hier. Anlass für die Einladung an die beiden jungen deutschen Männer waren Songzeilen wie: „Mache wieder mal ’nen Holocaust, komm an mit dem Molotow“. Offen jonglieren sie mit toxischem Schockmaterial auf ihrem Rap-Album „Jung, brutal, gutaussehend 3“. Provokant kokettieren sie dabei mit Bildungsferne, die Authentizität verspricht und in Posen hohler Coolness ein paar Takte angesagter Judenfeindlichkeit mitverkauft. Erst nach öffentlicher Kritik ließ ihre Plattenfirma die Rapper fallen und es löste sich sogar die Institution des Musikpreises Echo auf, den die beiden erhalten hatten.

Der Skandal um die Rapper hat etwas sichtbar gemacht

Es war was in Bewegung geraten, ein paar Worte waren zu weit gegangen. Aber ohne die plötzliche, öffentliche Aufmerksamkeit wäre alles gemütlich weitergelaufen. 200.000 Alben hatten die jungen Brutalen bis Anfang April 2018 verkauft. Hunderttausende hören sich solche Songs an, Hörer aller Schattierungen, von solchen, die „nichts dabei denken“ bis zu solchen, die den Tabubruch auskosten. Historisches Echo hallt tatsächlich in allen Varianten der Hörer und Händler wider: Das Echo der NS-Mitläufer und Wegseher, die sich „nichts dabei dachten“, und das Echo der Täter, die sich mörderisch an Millionen Juden als Sündenböcken abreagierten.

Der Echo-Preis an die beiden Rapper hatte diesen Widerhall unüberhörbar gemacht – und den neu-alten Antisemitismus sichtbar. Seine Symptome sind vielfach, und es können die ganz normalen Tagesthemen der ARD vom 1. Mai 2018 dazugehören. Freundlich kündigt die Moderatorin einen Bericht über eine „fast bizarre“ Pressekonferenz von Israels Premier an, der in Sorge ist über das iranische Atomprogramm. Das „Bizarre“ an der Pressekonferenz war offenbar die Präsentation vieler Aktenordner, um die Beweisfülle zu illustrieren, und die per Beamer an eine Wand geworfenen Aussagen in Großbuchstaben. Auf weitere Hintergründe verzichtet die Sendung, es bleibt der Eindruck: Die Israelis erfinden irgendwas, sie manipulieren, inszenieren.

Ohne Kommentierung wurde darauf etwas tatsächlich Bizarres gemeldet: Palästinenserpräsident Mahmud Abbas hatte in Ramallah erklärt, Ursache des Holocaust sei „nicht der Antisemitismus“ gewesen, sondern das „Sozialverhalten“ der Juden, etwa „das Verleihen von Geld“. Abbas, fügten die Tagesthemen noch an, habe außerdem Interesse am friedlichen Zusammenleben mit Israel bekundet. Nur Nachrichten? Normale Israelkritik? Man muss absolut kein Fan von Benjamin Netanjahu sein, um diesen News-Duktus auffällig zu finden. Am Tag darauf folgten viele Berichte über Proteste gegen Abbas, und schließlich – fast immer Teil des Rituals bei antisemitischen Äußerungen – dessen halbherziges Zurückrudern.

Alltagsgeplauder über besonders geschäftstüchtige Juden

Antijudaismus, in Umfragen seit Jahrzehnten konstant bei zehn bis 20 Prozent der Deutschen vorhanden, zeigt sich in allen Milieus. Charlotte Knobloch, ehemalige Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, konstatierte im Januar, die AfD und deren Milieu sei antisemitisch, rassistisch, völkisch, antidemokratisch und illiberal. Jenseits rechter Ränder siedelt die Schlussstrich-Apologetik, der bis zu 50 Prozent der Deutschen anhängen, verwandt mit vermeintlich harmlosem Alltagsgeplauder über „besonders intelligente“ oder „besonders geschäftstüchtige“ Juden.

Viele Zeitgenossen wehren, wie Martin Walser in der Paulskirche, ab: Nicht schon wieder Israel, Shoah, Juden! Das Pendant zum Desinteresse an Israel ist das erregte Interesse an Palästinensern, den unterdrückten Opfern. Antisemitismus ist manifester Teil der linken, rechten und islamisch geprägten „Israelkritik“, die Natan Scharanskis Kriterien des Drei-D-Test zur antisemitischen „Israelkritik“ erfüllt: Dämonisierung, Doppelstandards oder Delegitimierung. Magnetisch angezogen wird der Blick auf die Weltpolitik vom Themenfeld „Israel und die Palästinenser“, im Unterton schwingt mit: „Irgendwas stimmt doch nicht mit den Juden…“

Vor einigen Jahren empörte sich ein deutscher Top-Manager im privaten Gespräch, „die Juden tanzen dem deutschen Parlament auf der Nase herum“. Damals ging es um eine öffentliche Informationskampagne zur Rolle der Reichsbahn an den Deportationen in die Todeslager. An den Bahnhöfen der Bundesrepublik sollten Plakate dazu aufgestellt werden. Der Mann beklagte sich über jüdische Personen und Organisationen, die sich für solche Aufklärung und Erinnerung einsetzten. Oder der deutsche Historiker, der über einen amerikanischen Kollegen sagte: „Ein toller Wissenschaftler, und glücklicherweise mal kein Jude.“ Jeder, der solche Aussagen trifft, und darauf aufmerksam gemacht wird, beteuert treuherzig bis aufgebracht, er sei auf keinen Fall Antisemit, erst recht kein Neonazi.

Die Eingemeindung ins christlich-jüdische Abendland ist perfide

Besonders perfide ist die derzeitige rückwirkende Vereinnahmung von Juden in ein „christlich-jüdisches Abendland“, ein Konstrukt, das sich sogar im Manifest des xenophoben Massenmörders Anders Breivik fand. Dieses „Abendland“ birgt eine gespenstisch verdrehte Variante des Antisemitismus. Retroaktiv verklärt es Jahrhunderte der Pogrome, die in die Shoah mündeten, zu einer harmonischen Einheit, die erst jetzt durch Muslime gestört werde. Denn die retroaktive Eingemeindung, kombiniert mit rassistischem Philosemitismus, dient vor allem antimuslimischer Stimmungsmache, etwa beim Stichwortgeber Thilo Sarrazin. Er hatte schon vor Jahren von der „natürlichen Selektion“ von „Ethnien“ gesprochen, den hohen Intelligenzquotient der Juden beschworen und die „genetischen Belastungen“ von „Migranten aus dem Nahen Osten“ – fast wortgleich wie eine aktuelle Kleine Anfrage der AfD an das Parlament.

In der exzellenten Feature-Serie des Deutschlandfunks „Herd, Heimat, Hass. Über die Verlockungen rechten Denkens“ hat der Historiker Volker Weiß vor wenigen Tagen erklärt: „Man greift die Flüchtlinge an mit dem Argument, dass ein islamischer Antisemitismus ins Land kommt – zu Recht, das ist ein großes Problem“. Doch die Rechten selbst nutzten im Kontext der Vergangenheitspolitik antisemitische Rhetorik, wenn sie vom „Schuldkult“, sprechen, der, so Weiß, „antisemitisch aufgeladen ist.“ Ohne jeden Zweifel ist massive, konfrontative Bildungsarbeit gegen Antisemitismus dringend notwendig, bei Migranten wie Nichtmigranten: Realität und Geschichte. Abendland-Parolen leisten dafür nichts. Im Gegenteil.

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