Jurowski und das RSB : Verkraxelt

Zwei Versuche, die Natur in Töne zu fassen, und Mozarts Klavierkonzert KV 467: Vladimir Jurowski dirigiert das Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin.

Überraschend brav. RSB-Chefdirigent Vladimir Jurowski.
Überraschend brav. RSB-Chefdirigent Vladimir Jurowski.Foto: MUTESOUVENIR/Kai Bienert

Wer singt in einem Werk, das „Cantus Arcticus“ heißt? Pinguine? Die kommen ja nur auf der Südhalbkugel vor. Andere Vögel leben in den Mooren und Wäldern des hohen Nordens – und ihnen wollte der Finne Einojuhani Rautavaara mit seinem 1972 entstandenen 18-Minüter, den jetzt das Rundfunk-Sinfonieorchester im Konzerthaus aufgeführt hat, ein tönendes Denkmal setzen.

Ein bisschen nach der Art Olivier Messiaens: Die Naturlaute entstehen nicht nur im Orchester, sondern kommen auch vom Band. Zwei Flöten umspielen sich lange und traumverloren, als Geräuschgrundierung ertönt dazu ein unablässiges Gurren, Kreischen, Schnattern und Singen: Kraniche, Lerchen, Schwäne und andere arktische Tiere. Das klingt eher nach tropischem Regenwald als nach der majestätischen Einsamkeit und Weite des Nordens. Die kommt durch die elegischen Streicherthemen ins Spiel. Ein Anschwellen der Dynamik, ein Schlag mit dem Gong, und der Klang trollt sich wieder, in die Unendlichkeit, wo er herkam.

Die Inszenierung ist zu pathetisch und einförmig

Die Simulation überwältigender Natur in Tönen, sie prägt Beginn und Ende des Konzerts, dazwischen gibt es Mozarts C-Dur-Klavierkonzert KV 467. Darin schert sich der Solist wenig ums Kollektiv, macht komplett sein eigenes Ding – Leif Ove Andsnes schärft diesen Gegensatz sogar noch an. Ein Gentleman spielt da, durchaus freundlich, ein bisschen blutleer, in völliger Aufgeräumtheit, aber ohne großen emotionalen Austausch mit dem Orchester. Routine, wie sie eigentlich nicht sein sollte. RSB-Chefdirigent Vladimir Jurowski bleibt am Pult überraschend brav und macht das Orchester, dem nur die Rolle des Klangbetts bleibt, klein. Einzige Ausnahme: der zweite Satz. In der anrührend kantablen Stimmung des Andantes, die auf scheinbar endlos weitergesponnenen Triolenbewegungen der Begleitstimmen beruht, finden alle Partner für wenige Minuten zusammen, verschmilzt Andsnes’ Klavierpart mit Flöte und Oboe zum fragilen Traumgespinst.

Obwohl Richard Strauss’ „Alpensinfonie“ recht schamlos mit Riesenorchester, Kuhglocken und Windmaschine auf Überwältigung zielt und Satzbezeichnungen wie „Sonnenaufgang“, „Auf blumigen Wiesen“ und „Die Sonne verdüstert sich allmählich“ in breitbeiniger Eindeutigkeit daherkommen, kann das geschmähte Werk den Hörer durchaus erreichen. An diesem Abend jedoch versandet der Impetus. Zu gewollt pathetisch und druckvoll, zu einförmig in Gestus und Dynamik, ein Mühen und eine Anstrengung, die hörbar sind. Der sonst sehr geschätzte Vladimir Jurowski vermag den Adler dieses Mal nicht steigen zu lassen.

Wie das aber in der Musikmetropole Berlin so ist: Schon am 1. und 2. März ist die „Alpensinfonie“ erneut live am Gendarmenmarkt zu erleben, dann mit dem Konzerthausorchester unter der Leitung von David Zinman. Neues Spiel, neues Glück.

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