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M. Night Shyamalan ist in Berlin zum ersten Mal auf einem A-Festival dabei.

© © Bryan Bedder/Getty Images

Tagesspiegel Plus

Jury-Präsident M. Night Shyamalan : „Die Berlinale ist eine Mini-Filmschule“

1999 gelang M. Night Shyamalan mit dem Mystery-Thriller „The Sixth Sense“ der Durchbruch in Hollywood. Jetzt leitet der Regisseur die Jury der Berlinale.

Von Andreas Busche

Mr. Shyamalan, Sie gelten in Hollywood als Meister der überraschenden Last-Minute-Wendungen. Wie gehen Sie Ihre Rolle als Jury-Präsident an? Können wir mit einem Goldenen-Bären-Gewinner rechnen, den niemand auf dem Zettel hatte?
Ich muss Sie enttäuschen, mein Filmgeschmack ist leider total vorhersehbar, geradezu langweilig. Aber ich kann es kaum erwarten, diese 18 Filme zu sehen und mit einer unglaublichen Gruppe von Filmenthusiasten zu diskutieren. Für mich ist das wie eine Mini-Filmschule.

Die Berlinale ist ihr allererster Jury-Job überhaupt, richtig?
Ich bin hin und wieder von Festivals angefragt worden, aber es hat sich aus Termingründen nie ergeben. Dieses Jahr liegt die Berlinale in meinem Kalender genau zwischen zwei Filmen, das Timing ist perfekt.

Ist Ihnen bewusst, dass Sie exakt 20 Jahre nach ihrer indischen Kollegin Mira Nair der Berlinale-Jury vorsitzen?
Stimmt das? Wow! Das wusste ich nicht. Ich finde unsere Jury unglaublich, eine wunderbare Ansammlung von Geschichtenerzählern aus aller Welt. Ich kann mir kaum vorstellen, dass man eine Gruppe von Menschen diverser als mit Ryûsuke Hamaguchi, Tsitsi Dangarembga und Connie Nielsen zusammenstellen kann.

Mira Nair gehört zu den ganz wenigen Jury-Präsident:innen in der Berlinale-Geschichte, die weder aus Europa noch aus den USA kommen. In den vergangenen Jahren stellen sich westliche Filmfestivals immer diverser auf. Welche Kriterien werden Sie als Jury-Präsident in die Diskussionen einbringen?
Ich möchte ungerne schon vorab Kriterien festlegen. Für mich persönlich ist prinzipiell wichtig, ob Filmemacher das, was sie sich vorgenommen haben, am Ende auch erreichen. Egal, ob es sich um ein nihilistisches Bergdrama handelt oder eine romantische Komödie. Die schwierigere Frage, die sich eine Jury stellen muss, lautet daher: Wie vergleichen wir zwei qualitativ gleichwertige Filme, die in ihren Zielen aber unterschiedlich ambitioniert sind? Ich möchte Regisseure immer an ihren Ansprüchen messen. Jeder Film präsentiert sich mit einem eigenen Vokabular, seine Qualität hängt aber davon ab, ob diese Sprache eine innere Logik besitzt, der das Publikum folgen kann.

Ich sehe mich als Independent-Regisseur, der in Hollywood arbeitet.

M. Night Shyamalan

Ihre Filme wurden noch nie auf den großen A-Festivals gezeigt, nun erleben Sie ihr Debüt gleich als Jury-Präsident. Sehen Sie darin auch eine Anerkennung als Autorenfilmer in Hollywood?
Ich habe mich immer als Independent-Regisseur verstanden, der in den Strukturen von Hollywood arbeitet. Ich bin hier in Philadelphia 3000 Meilen von der Filmindustrie entfernt und habe meine Filme zuletzt selbst finanziert. Mein Ziel war immer, etwas Eigenes, etwas Originäres zu schaffen, das von einem größtmöglichen Publikum gesehen wird. Gleichzeitig fühle ich eine große Verbundenheit mit dem unabhängigen Kino und dem Weltkino, mit Formen des Erzählens, die etwas Neues wagen. Filmfestivals spielen eine wichtige Rolle darin, diese außergewöhnlichen Stimmen zu fördern und ein Publikum für sie zu finden.

Sehen Sie sich eher als Genre-Regisseur oder als einen dramatischen Filmemacher, der mit Genres spielt?
Ich drehe dramatische Filme, das Genre ist nur das Gewand. Ich denke Szenen allerdings meist von der Suspense her, mein Kopf ist immer am Arbeiten, selbst jetzt. Was macht mein Gegenüber in diesem Moment, woran denkt er, wie könnte die nächste Frage lauten? Ich liebe das Kino. Nichts bedeutet mir mehr als die Kadrierung und Komposition eines Bildes, die Wahl der Kostüme, Planung von Kamerafahrten, die Besetzung mit Darststellerinnen aus aller Welt. Und ich kann nur hoffen, dass meine Filme ein bestimmtes Ethos ausstrahlen, das in einer Tradition mit dem Kino steht, welches ich verehre.

M. Night Shyamalan (rechts) mit seinem Hauptdarsteller Gael García Bernal bei den Dreharbeiten von „Old“. 

© Mauritius Images / Universal Pictures

Wie schätzen Sie als indisch-amerikanischer Regisseur in Hollywood das internationale Kino ein?
In den USA haben wir keine sehr gute Infrastruktur für internationale Filme, dazu muss man entweder in New York und in Los Angeles leben. Außerhalb dieser Metropolen ist es sehr schwierig, Filme aus anderen Ländern zu sehen. In Philadelphia haben wir zwei Arthousekinos mit kleinen Leinwänden, man muss immer dran bleiben, um nichts zu verpassen. Meist kommen hier nur Filme an, die international explodiert sind. Darum versuche ich mich auf Reisen immer darüber zu informieren, welche Filme ich mir unbedingt ansehen sollte. Ich gucke auch oft ältere Filme um zu verstehen, wie sich das Kino und die Filmsprache entwickelt haben, die heute für uns selbstverständlich sind.

Sie sind in Indien geboren und wuchsen an der amerikanischen Ostküste auf. War Ihre Herkunft in der US-Filmbranche vor 25 Jahren ein Thema?
Eigentlich hat sich nicht viel geändert, ich bin meist der „Andere“. Ich sehe anders aus, meine Stimme klingt anders, der Verlauf meiner Karriere ist sehr speziell. Das alles ist Teil eines Pakets, für das ich als Filmemacher mit meiner Arbeit stehe. In den vergangenen Jahren kommen aber mehr und mehr Filme heraus, durch die ein größeres Verständnis dafür entsteht, dass meine Filme nicht mehr nach Kategorien wie „amerikanisch“, „nicht-amerikanisch“ oder „indisch“ beurteilt werden müssen. Das ist eine spannende Erfahrung.

Es liegt ja auch an mir, dass sich meine Filme schwer auf festgelegte Kategorien herunterbrechen lassen. Mein Stil zum Beispiel ist sehr europäisch – langsam, ruhig und sehr formal. Meine Kamera hingegen ist eher vom klassischen japanischen Kino beeinflusst. Ich bin nun mal ein indischer Regisseur, der in den USA aufwuchs – und darum gerne zu diesem „Club“ dazugehört hätte. Meine wichtigste Lektion aber ist, dass man nur seine eigene Stimme findet, wenn man sich treu bleibt.

Wer war Ihr Vorbild, als Sie Mitte der neunziger Jahre in Hollywood anfingen?
Spike Lee, ganz klar. Ich hab als junges Kid sein Buch „Gotta Have It: Inside Guerilla Filmmaking“ gelesen, das hat mich erst auf die Idee gebracht, diese Filmkarriere ernsthaft zu verfolgen. Spike hat unabhängige Filme gedreht, als es für jemanden wie ihn noch keinen vorgezeichneten Pfad gab. Er musste seinen Weg in die Industrie selbst finden, noch dazu von New York aus. Dieses Ostküsten-Mindset, wozu ich auch die Coen-Brüder zähle, hat mich damals angesprochen. Ich hab Spike immer wieder gesagt, dass ich ohne ihn vermutlich Arzt geworden wäre.

Spike Lee ist mein Vorbild.

M. Night Shyamalan

Ihre Eltern kamen als Ärzte nach Amerika. US-Comedians wie Aziz Ansari und Hasan Minhaj machen gerne Witze über indische „Tiger-Väter“ und Immigranten, die eigene Erwartungen auf ihre Kinder projizieren. Was dachten Ihre Eltern, als Sie ihnen sagten, dass Sie Regisseur werden wollen?
Die klassische indische Reaktion: Sie waren enttäuscht. Die Idee klang in ihren Ohren so absurd, ich hätte ihnen auch erzählen können, dass ich ein christlicher Gothrock-Sänger werden möchte. Sie hätten nicht anders reagiert. Die typische Immigranten-Mentalität ist: Du musst dir deinen Weg im System erarbeiten. Im Gegensatz zu: Ich möchte das System verändern. Meine Eltern hielten mich für verrückt.

Ihre Eltern haben Ihnen Ihren ersten Film „Praying with Anger” von 1992 schließlich doch finanziert.
Es war ein kleiner Film, wir haben in Indien mit ihren Freunden gedreht. Und der hat es gleich auf das Festival in Toronto geschafft.

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Wie sehen Sie Ihre Position als Autorenfilmer im aktuellen Franchise-Wahn von Hollywood?
Ich sehe das inzwischen etwas differenzierter. Eigentlich hat sich nicht so viel geändert. Filme mit einer Handschrift können ihr Publikum noch immer finden. Der Unterschied besteht darin, dass es heute weniger Nachsicht mit Filmemachern gibt, die ihre eigene Stimme erst noch entwickeln müssen. Ihnen fehlt das Sicherheitsnetz. Vor dem Boom des Streamings hat man diesen Filmen zumindest eine Chance gegeben, das passiert nicht mehr. Aber Filme, die funktionieren, werden immer ihr Publikum finden.

„The Sixth Sense“ war vor 23 Jahren Ihr Durchbruch und ein Blockbuster. Heute wäre er vermutlich bloß ein Achtungserfolg, der Ihnen den Eintritt in die nächste Karrierephase beschert: die Regie bei einem Marvel-Film.
Das war schon damals nicht anders. Nach „The Sixth Sense“ wurde mir ein „Harry Potter“-Film angeboten. Ich hatte die Wahl, diese kommerziellen Filme zu machen oder meinen Weg weiter zu verfolgen. Was das angeht, bleibe ich optimistisch. Der Markt ist gigantisch. Auch wenn meine Filme nicht an den Erfolg von Marvel herankommen, sehe ich noch genug Nischen für die „Parasites“ dieser Welt.

Diese Berlinale findet unter Pandemie-Bedingungen statt. Ihren jüngsten Film „Old“ haben Sie ebenfalls unter Pandemie-Bedingungen an einem entlegenen Strand gedreht. Was war das für eine Erfahrung?
Wir hatten das große Glück, dass das Thema des Films (Anm: Eine Gruppe von Menschen verschlägt es an einen einsamen Strand) uns eine sehr unkomplizierte Produktion in dieser schwierigen Zeit ermöglichte. Die Dreharbeiten fanden planmäßig über sieben Wochen mit einer kleinen Crew in der Dominikanischen Republik statt.

Wir waren den ganzen Tag zusammen, lebten zusammen, wurden regelmäßig getestet. Da sich das gesamte Land im Shutdown befand, bewegten wir uns nur zwischen Hotel und Strand. Das war gleich am Anfang der Pandemie, darum haben alle die Vorgaben sehr ernst genommen. Das hat unsere Gruppe zusammengeschweißt. Es war wirklich eine prägende Erfahrung.

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