• Kaffeesatzlesen beim Bachmannpreis: Leander Fischer begeistert – und zählt zu den Favoriten

Kaffeesatzlesen beim Bachmannpreis : Leander Fischer begeistert – und zählt zu den Favoriten

Am dritten Tag der Lesungen in Klagenfurt zeigt sich die Bachmannpreis-Jury gereizt. Viele Autoren ernten Ablehnung, nur Leander Fischer kann überzeugen.

Die Autorinnen und Autoren, die beim Bachmannpreis in Klagenfurt lesen.
Die Autorinnen und Autoren, die beim Bachmannpreis in Klagenfurt lesen.Foto: Gert Eggenberger/APA/dpa

Sie scheinen nicht ausgeschlafen zu haben, die Jury-Mitglieder des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zumindest sind sie recht gereizt an diesem Samstagmorgen, dem dritten Vorlesetag des Wettbewerbs, nachdem Ines Birkhan ihren Romanauszug mit dem Titel „abspenstig“ vorgelesen hat.

Hubert Winkels beschwert sich bei Klaus Kastberger, dass er ihn doch bitte einmal ausreden lassen möge, Kastberger geht Insa Wilke an, und diese macht keine großen argumentativen Umwege in ihrer Bewertung von Birkhans Text und wirft ihm völlig zu Recht vor, dass er keine Relevanz habe.

Sie stochern dann hier noch ein bisschen, hakeln dort herum, dokumentieren eine gewisse Verständnislosigkeit, „man würde die Autorin ja gerne mal befragen“  – und lassen dann tatsächlich die Autorin selbst zu Wort kommen.

Birkhan nimmt kein Blatt vor den Mund wirft der Jury vor, sie habe den Text nicht verstanden, sie liege daneben, und so ungewöhnlich das ist, die Autorin in die Diskussion miteinzubinden (was allerdings schon mehrmals in den letzten zwei Jahrzehnten vorgekommen ist), so klar ist, dass Birkhan keine Chance auf einen der Bachmannpreise hat.

Erst vergibt die Jury Punkte, dann entscheidet die Mehrheit

Die Abstimmung darüber wird am Sonntag anders und transparenter als die Jahre zuvor sein. Jedes Jurymitglied verteilt Punkte von fünf bis einen an die Texte, die es für preiswürdig hält, außer jeweils die beiden, die es selbst eingeladen hat. Das passiert vor der eigentlichen Preisverleihung, doch nach dieser werden die Punktverteilungen der jeweiligen Jurymitglieder online einzusehen sein. Auf der Grundlage der Punktzahlen konstituiert sich die Shortlist mit den Beiträgen von sieben Autoren oder Autorinnen, aus der dann per Mehrheitsentscheid über den Ingeborg-Bachmann-Preis und die weiteren Preise abgestimmt wird.

Eine klischeehafte Geschichte über einen NS-Richter

Wer ganz sicher auf dieser Shortlist steht: Leander Fischer. Als dieser nach Birkhan seinen Text „Nymphenverzeichnis Muster Nummer eins Goldkopf“ gelesen hat, sind alle ausnahmslos begeistert. Keller spricht von einer Geschichte über Miniaturkunstwerke, die selbst ein Miniaturkunstwerk sei, Wilke erfreut sich an der Gegenüberstellung von Kunst und Bürgerlichkeit, Kastberger befindet, es habe ihm ein einziges Vergnügen bereitet, diesen Text zu lesen. Fischer erzählt vom Fliegenfischen einerseits, von einem Musiklehrer andererseits, und tatsächlich gehört Fischers Text zu den besten dieses Jahrgangs.

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Die nachfolgenden Autoren Lukas Meschik mit seinem etwas schlichten Vater-Requiem und besonders Martin Beyer mit seiner arg klischeehaften Geschichte über den NS-Scharfrichter Johann Reichhart und dessen Hinrichtung der Geschwister Scholl („dieser Text hätte nicht geschrieben werden dürfen“) dürften es da ähnlich schwer wie Birkhan haben, bei Beyers kann man gar von einer Vernichtung durch die Literaturkritik lesen, da stehen Michael Wiederstein, der Beyer eingeladen hat, und Nora Gomringer sehr allein mit ihren Verteidigungen. Weitere Namen auf der Shortlist, mal im Klagenfurter Kaffeesatz gelesen? Birgit Birnbacher, Katharina Schultens, Julia Jost - und, man höre und staune: Tom Kummer.

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